Die «geheime Komplizenschaft» des Papstes
Von Michael Meier. Aktualisiert am 18.08.2009 25 Kommentare
Das Buch
Hermann Häring: Im Namen des Herrn. Wohin der Papst die Kirche führt. Gütersloher Verlagshaus, München 2009. 192 S., ca. 32 Fr.
Für jede kritische Geschichtsschreibung dürfte der 21. Januar 2009 der Interpretationsschlüssel zum Pontifikat Benedikts XVI. sein. Damals holte der Papst die vier Lefebvristen-Bischöfe, darunter den Holocaustleugner Richard Williamson, in den Schoss der Kirche zurück. Auch Hermann Häring macht jenen Tag, an dem die «Eiterbeule platzte», zum Ausgangspunkt seines neuen, sehr lesenswerten Buches «Im Namen des Herrn».
«Der Skandal ist noch nicht ausgestanden»
«Der Skandal der offiziellen Wiederversöhnung mit vier profilierten Antisemiten ist noch nicht ausgestanden, und Benedikt scheint den Ernst der Lage immer noch nicht begriffen zu haben», schreibt Häring. Er straft dessen Behauptung Lügen, von allem nichts gewusst zu haben. Denn Antisemitismus gehöre zum Grundbestand der Bruderschaft. Williamson höhnte schon 1989: «Die Juden haben den Holocaust nur ausgedacht, damit wir von ihnen in die Knie gehen und ihren neuen Staat Israel anerkennen.»
Häring nimmt die unverfrorene Taktik der Römischen Kurie aufs Korn, mit der es ihr gelang, von der Antisemitismusdebatte abzulenken, den Papst als Opfer darzustellen und den Kritikern «sprungbereite Feindseligkeit» zu unterstellen. Der Skandal ist für Häring unerledigt, weil «der Antisemitismus ungestraft sein Haupt erhebt». Mehr noch: «Sollte es Rom weiterhin bei diesem skandalösen Zustand, nämlich der Rehabilitierung eines notorischen Holocaustleugners, belassen, ist das Ansehen von Benedikt XVI. unwiederbringlich ruiniert.»
«Die jüdische Frage»
Der Skandal offenbart für Häring die «geheime Komplizenschaft» des Papstes mit dem Kirchenverständnis der Pius-Brüder. Ohne Benedikt für antisemitisch zu halten, ortet er bei ihm unter dem Titel «Die jüdische Frage» ein Schlüsselproblem. Er attestiert ihm zwar, in den römischen Beziehungen zum Staat Israel einen Durchbruch erzielt zu haben. Er findet aber keinen Hinweis darauf, «dass er sich je mit dem furchtbaren Schicksal der Juden in Deutschland beschäftigt hat, weder historisch noch politisch, noch theologisch».
Für ihn habe sich die katholische Kirche im Nationalsozialismus als moralische Instanz bewährt. Auch sei ihm die Verwicklung der Kirchen mit dem Antijudaismus in Europa nie zum Problem geworden. So habe er seinen berühmten Grossonkel, den Theologen und Politiker Georg Ratzinger, als verdienstvollen und hochgeachteten Mann beschrieben, ohne sich zu dessen notorischem Antisemitismus zu äussern.
Judesein Jesu spielt keine Rolle mehr
Häring zeigt, wie Ratzingers konservative Theologie antijudaistische Strömungen begünstigt. Und zwar indem er die Bibel mit dem ihr fremden Schema der griechischen Ontologie überziehe und so einem «geschichtslosen unjüdischen Denken» huldige. Das Judesein Jesu spielt dann keine Rolle mehr, alle Verheissungen Israels gehen auf Christus über, die Kirche tritt an die Stelle des auserwählten Volkes.
Formell lehne der päpstliche Platoniker zwar die veraltete Theorie von der Substitution Israels durch die Kirche ab, bleibe aber durch und durch von diesem Gedanken geprägt. Häring spricht von einer «grandiosen Enteignung der jüdischen Tradition», in der Christus zur lebendigen Thora und zum personifizierten Willen Gottes wird.
Es ist die Stärke des Buches, die platonische Weltflucht und die «Last einer geschichtsfernen Theologie» im gesamten Denken des jetzigen Papstes nachzuweisen. Ratzingers früherer Schüler ist auch einer seiner besten Kenner. Das Buch ist die längst fällige Fundamentalkritik am Denken Ratzingers. Zugleich ein Kontrapunkt zu der in Deutschland so verbreiteten Jubelliteratur über den «Philosophen-papst» und den «Mozart unter den Theologen».
Häring, viele Jahre als Professor in Holland tätig, geht dabei noch kompromissloser vor als Hans Küng, der ihm das Vorwort schreibt. Wohl kein anderer Autor trifft den Lebensnerv der ratzingerschen Theologie auch sprachlich so akkurat wie Häring: So sagt er etwa, «nicht der Verzweiflungsschrei des Gekreuzigten» sei für den Papst massgebend, sondern der «rationale Sieg des Auferstandenen».
Die Heilsexklusivität Christi
Und meint damit das Instrument der griechischen Philosophie und Metaphysik, mit dem Ratzinger den Absolutheitsanspruch der katholischen Kirche nicht nur gegen Juden und Muslime, sondern auch gegen die anderen christlichen Konfessionen aufrichtet. Sein im Jubeljahr 2000 verfasstes Dokument «Dominus Jesus» über die Heilsexklusivität Christi qualifiziert alle nicht christlichen Religionen als «schwer defizitär» und spricht den Kirchen der Reformation das Kirchesein ab.
Häring macht Ratzinger darum für den «betriebsamen Stillstand der Ökumene verantwortlich». Kaum hätten die Kirchen 1999 einen Konsens in der Rechtfertigungslehre erzielt, habe Kardinal Ratzinger mit gegenreformatorischem Furor die Erneuerung der Ablasspraxis in Gang gesetzt. Es seien bestenfalls ökumenische Freundschaften, aber keine prinzipiellen Annäherungen möglich. Mit Benedikt verkomme die Kirche zum «egozentrischen Grossghetto. Die katholische Wahrheit bleibt im Grunde beziehungslos.»
«Sein Glaube ist degeneriert»
Laut Häring kultiviert Ratzinger einen weltfernen Religionsbegriff im Dienste der platonischen Idee, wonach eine «göttliche Wahrheit streng überzeitlich und von irdischen Dingen nicht zu kontaminieren ist». Seine Theologie komme darum ohne politische und soziale Kategorien aus, ja: «Rom beansprucht eine von Kulturen und Kontexten unberührte Lehre.»
Wie Ratzinger/Benedikt etwa die Frage der konkreten Armut verdrängt, illustriert Häring an dessen verbissenem Kampf gegen die lateinamerikanische Befreiungstheologie und gegen alle anderen theologischen Neuaufbrüche. Von den 68er-Wirren traumatisiert, habe er keinerlei Verständnis dafür gezeigt, dass jene Generation vom Vietnamkrieg und den Frank- furter Auschwitzprozessen umgetrieben worden sei. «Sein Glaube ist bis zur Unberührbarkeit degeneriert, er kann und darf nur noch in sterilisierten Kirchen-, Kloster- und Studienräumen gedeihen. Der Schmutz von Armut und Elend, das anarchische Element von Verlangen und Sexualität, der Aufschrei einer ekstatischen, von Angst oder Leidenschaft besetzten Fantasie, der vorbehaltlose Einsatz für die Entrechteten und Verlorenen, dies alles hat bei ihm keinen Platz.»
Stattdessen richtet er Mauern auf gegen die moderne Bibelauslegung, Moral und partizipative Strukturen, schottet sich ab und grenzt das Leben aus. Statt auf Dialog setzt er auf Autorität. So wird Ratzinger für Häring zum «Meister eines tauben Herrschaftsdiskurses». Und bewirke, was er doch verhindern wolle: Polarisierungen nach allen Seiten, Zerwürfnisse mit den Muslimen und Juden, mit den Protestanten und Reformkatholiken. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.08.2009, 06:25 Uhr
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25 Kommentare
Die Kritik am und das neue Buch über den Heiligen Vater, Papst Benedikt XVI., sind hoch interessant. Noch imponierender ist jedoch, dass er einer der ganz wenigen Leute auf der Welt ist, dem sein gesprochenes Wort druckreif ist. Unerklärlich ist oft, dass seine Aussagen mehr Hintergrundwissen offenbart als seinen Gegnern lieb ist. Bis jetzt war er immer auf der sichereren Seite! ist interessant!! Antworten
Hermann Häring ist bekannt als Kritiker und Gegner von Papst Benedikt XVI. Es ist natürlich eine Verdrehung, wenn man das Buch von H.Häring als "der wahre Ratzinger" bezeichnet. Häring kommt aus derselben Ecke in Tübingen, wo sich die bekannten Gegner des Papstes zusammenfinden, und wurde dort so "geimpft". Es ist ja bestens bekannt, dass innerhalb der Kirche zerstörerische Kräfte wirksam sind. Antworten
Die Katholiken haben schon sehr Mühe mit andersdenkenden. In der Tat, wir "alle" sollen wieder Gott in uns sehen. Selbst die Atheisten und andersgläubigen natürlich. Überhaupt, die gibt es eh nicht oder sie sind böse und nicht erwähnenswert. Gott ist Tod. Hat schon Nietzsche geschrieben. Wer hätte gedacht das dieser eine Satz selbst nach über 100 Jahren noch als Provokation dienen kann. Antworten
Es gibt grundsätzlich 2 Gottesbilder:Der Barmherzige,der Gerechte und liebende Gott,oder der Eifersüchtige,der Rachsüchtige und strafende Gott. Die selbsternannten Stellvertreter Gottes hätte sehr grosse Mühe dem 1. Bild zu entsprechen.Für die 2. Version, da sind sie spezialisiert,weil der einfach gestrickte Machterhaltungstrieb einfacher umzusetzen ist.Wen wunderts wenn der gütige Gott verstummt Antworten
Lustig finde ich, dass gerade die katholisch- (oder kirchen-) freundlichen Kommentatoren, die argumentieren wie gut und tolerant doch die Kirche sei den Kritikern einen Satz später jeweils jedes Recht absprechen sich kritisch äussern zu dürfen. Kritik gegen meinen Glauben gibts nicht, basta. Für mich ein Grund die Kirche zu meiden. Antworten
ich bin Atheist und sicherlich nicht aus der Kirche ausgetreten weil ich steuern sparen will. Es ist eine glaubens und moralfrage. wer der kath. kirche noch geld in ihren gierigen schlund wirft, macht sich zum Mittäter/Unterstützer einer 2000 Jahren alten hetze gegen alles Andersdenkende. ist hart aber durchaus angebracht, erwähnt zu werden. Antworten
Rom(gemeint der Vatikan)hat ist immer im Recht! Nur wer alles glaubt und schön redet,was ein paar altgedientge Herren im Namen der Weltkirche verkünden,werde selig werden...Diese Zeiten sind hoffentlich entgültig vorbei,wo Kadavergehorsam sich noch durchsetzen konnte.Kritische und mutige Leute,wie z.B. Hans Küng, braucht es jetzt im Vatikan! Antworten
Interessant: Sobald der Papst kritisiert wird, kommt gleich danach ein Rundumschlag gegen alles Religiöse und Religionen - insbesondere die christliche/katholische. Dabei ist es gerade die atheistische Masse von heute die solchen Extremismus in Rom erst ermöglichen! Aktiv in der Kirche gegen den Papst argumentieren wäre besser als auszutreten um Steuern zu sparen. Antworten
@PaulAngst aha Argumente braucht es nicht, der Glaube ist stärker :-), der Papst ist Gottes Vertreter auf Erden was er macht ist immer richtig. Religion ist Opium fürs Volk, oder die Dummen leben glücklicher. Die Vergangenheit muss ja auch nicht entschuldigt werden, bei anderen schon, aber nicht bei der allwissenden Kirche - erzeugt bei mir Brechreiz. Der Kopf ist nicht zur Zierde da. Antworten
Da kann ein Michael Meier wieder aufblühen und seine Tiraden gegen den Papst vorbringen. Weder der Schreiberling Meier noch Häring taten im Leben mehr für Aussöhnung, Frieden und gegenseitigen Respekt als der heutige Papst. Beide Kritiker haben die Rücknahme wider besseren Wissens nicht verstanden. Beide Wissen genau,dass der Papst Bedingungen an die Pius-Bruderschaft zur vollen Anerkennung setzte Antworten
PAPST sein in der heutigen Zeit ist eine spezielle Herausforderung. Und ich glaube, dass die Herausforderung gelingt. Wir "alle" sollten wieder lernen, dass GOTT in JEDEM Menschen innewohnt. Und dass "wir alle" lernen sollten, einander gegenseitig zu verzeihen. Der Glaube an das GUTE im Menschen bringt wahre Wunder hervor. Antworten
Es ist nicht verwunderlich, dass sich auf diesen Artikel bis jetzt nur Gegner des Papstes gemeldet haben. Es sind Leute, die sich zu ähnlichen Themen immer wieder melden. Beruhigend ist, dass diese der Kirche mit ihren Beiträgen nicht schaden können. Und zum Buch: auch wenn es ein Theologe ist, der das Buch geschrieben hat, erheben seine "Feststellungen" noch keinen Anspruch auf Richtigkeit. Antworten
Die Frage kann Hermann Häring nicht erspart werden, ob der in seinem Werk beschriebene Papst Benedikt XVI. (Joseph Ratzinger) jene wirkliche Person ist, die derzeit die Katholische Kirche auf Erden leitet, oder ob nicht doch Häring selbst ein Opfer eigener geschichtsloser Projektionen geworden ist, indem er ein Zerrbild des wirklichen Joseph Ratzinger kritisiert und die reale Person verkennt. Antworten
Dem Theologen Häring ist zu gratulieren für diesen exzellenten Artikel! Genauso nehme ich diesen Papst wahr, der sich um die realen Probleme des Alltags in unserer Kirche foutiert, und sich nur um seine Machtstrukturen kümmert.Man kann nur noch hoffen, dass solche Extreme in der nächsten Papstwahl korrigiert werden, oder dann geht die katholische Kirche ganz unter! Antworten
Wo ist der Unterschied? Vergleicht man die Definition von kriminellen Organisationen mit den Machenschaften der katholischen Kirche, so findet man kaum Unterschiede. Die Verschlagenheit der Kirchenfürsten und Sektenführern ist das massgebende Hindernis zum Weltfrieden. Es ist höchste Zeit, dass die Trennung von Kirche und Staat endlich durchgeführt und Religion zur Privatsache erklärt wird. Antworten
Nicht nur der Papst ist welt- und menschenfremd. Religion als solches ist ein wahnhaftes Konstrukt das das Leben in die Zeit nach dem Leben verschiebt und die aktuelle Existenz verachtet und abwertet. Dass diese Ideologie trotz Aufklärung Kindern mit Staates Segen aufoktroyiert werden darf ist schwerer Missbrauch. Man wird einmal fragen: "warum haben sich die Menschen damals nicht gewehrt?" Antworten
Die "Personalpolitik" des Vatikans und seiner Vasallen begünstigt schon seit Jahrzehnten die konservativ-reaktionären Kreise. Schon der Vorgänger von Benedikt zeigte sich gegenüber dem faschistoiden Opus-Dei sehr tolerant und bekämpfte gleichzeitig die Befreiungstheologie. Den Herren im Akademisch-vatikanischen Elfenbeinturm sind die Sorgen und Nöte der Gläubigen egal, ihnen geht es um die Macht! Antworten
Interessanter Artikel. - Es ist nicht weiter verwunderlich, was resultiert, wenn Selbstherrlichkeit, Heuchelei, weltfremde Arroganz und doktrinärer Autorität die Basis für eine barmherzige "Religion der Liebe" sind. Dies waren für mich die Gründe aus der Kirche aus zu treten. Das Erfahren wahrhafter Spiritualität hat meines Erachtens eine gesündere Basis verdient. Antworten
Dieser Papst hat mit dem wahren Christentum nichts am Hut, er ist halsstarrig uneinsichtig, verhetzt das Voljk gegen Schwule und predigt Intoleranz gegenüber anderen religiösen Gemeinschaften. Überhaupt sollte Religion keinen Platz mehr in der modernen Gesllschaft haben! Religion ist allenfalls Privatsache! Antworten
die katholische Kirche verkörperte früher z.T. das Böse, mit ihren Hexen,- Juden und Hugenottenverfolgungen war sie an Massenmord beteiligt. Dieser Ratzinger ist entweder weltfremd oder er ist auch ein verkappter Anhänger dieser alten antisemitischen Strömungen. Man sollte solches Verhalten scharf kritisieren und hinterfragen - vielen Dank. Antworten
Diese Art von einem Papst -wie diese Ratzinger darstellt und zelebriert, ist zu suspekt und gefährlich für unsere Menschheit -Ratzinger stellt sich offenbar selbst über die Schöpfung! Ratzinger wird niemals ein Papst der menschlichen Herzen sein -er ist zu rational. Antworten





Andreas Pernter
@Alveric vollenweider. Gewisse Ansichten der Führung der kath. Kirche bereiten Mühe aber bitte: Katholiken als Mittäter an einer Hetzjagd gegen andere zu bezichtigen ist lediglich frech und ignoriert die heutige Botschaft der Kirche. Und die ist Frieden und Abkehr vom Hedonismus hin zum Altruismus. Kritik solcher Art ist nur verletzend!! und unfair. Antworten