«Die jungen Frauen entscheiden, was populär ist»
Vor der British Invasion: Plakat von Alan Freeds Liveshow, als schwarze und weisse Musiker gleichberechtigt nebeneinander spielten. (Bild: PD)
US-Autor Elijah Wald.
Elijah Wald, wie haben es die Beatles geschafft, den Rock 'n' Roll zu zerstören?
(Lacht.) Gut, ich gebe zu, es ist ihnen offensichtlich nicht in vollem Umfang geglückt. Aber: Sie kamen 1964 in einem Moment in die USA – und in meinem Buch schreibe ich nur über die USA – , als die amerikanische Popmusik so integriert war wie noch nie zuvor in ihrer Geschichte. Rock 'n' Roll war zu gleichen Teilen schwarz und weiss. Die British Invasion, ausgelöst durch den Erfolg der Beatles in den USA, hat das beendet.
Wie kommen Sie darauf?
In der Hitparade gab es 1963 etwa zu gleichen Teilen schwarze und weisse Musik. Auch die Konzerte und ihr Publikum waren so gemischt wie nie zuvor. Die Mädchen träumten davon, eine Supreme zu sein und einen Beatle zu daten. Schauen Sie sich die Aufnahmen der «T.A.M.I. Show» von 1964 an: Es spielten weisse Musiker wie die Beach Boys, Gerry and the Pacemakers und die Rolling Stones, aber auch schwarze wie Chuck Berry, James Brown und Smokey Robinson. Schon Ende 1963 hatte man aufgehört, für weisse und schwarze Musik separate Hitparaden – für «Pop» und «Rhythm 'n' Blues» – zu führen, ganz einfach, weil das jetzt das Gleiche war. Acht Monate nach dem ersten Auftritt der Beatles in den USA wurden die Rhythm-'n'-Blues-Charts wieder eingeführt, weil die schwarzen Kids jetzt immer noch James Brown und Motown hörten, die weissen aber die britischen Bands. Die Festivals von Monterey (1967) und Woodstock (1969) – die angeblichen Höhepunkte der Rockkultur in den 60ern – waren weitgehend weiss.
Rock 'n' Roll hatte sein schwarzes Publikum verloren.
Die Beatles jedenfalls hatten so gut wie keine schwarzen Fans. Aber man kann es auch so sagen: Rock 'n' Roll hatte das tanzende Publikum verloren. Denn seien wir ehrlich: Diese britischen Bands hatten gute Melodien und Songs, aber in ihren Rhythmen waren sie hoffnungslos altmodisch. Die USA hatten schon längst James Brown und Motown, aber kein britischer Schlagzeuger konnte solche Rhythmen spielen. Rock, der immer Tanzmusik gewesen war, verliess den Dancefloor. Und Motown, deren Künstler man bisher selbstverständlich als Rock-'n'-Roll-Sänger bezeichnet hatte, galt plötzlich als Soul-Label.
Das ist ironisch. Immerhin galt Soul in den 60ern als Soundtrack der wachsenden afro-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Sie sagen, der Begriff stehe für Segregation.
Das ist sogar sehr ironisch. Aber in gewissem Sinn war es auch eine logische Folge davon, dass der Besuch von Konzerten und Tanzanlässen mehr und mehr durch den Konsum von Platten abgelöst wurde. In der Ära der Livemusik wollte das weisse Publikum immer auch die schwarzen Hits hören, und umgekehrt. Das führte dazu, dass alle Bands alle Hits im Programm haben mussten, um dem Publikum zu gefallen. Als die Fans dann Platten kauften – durchaus noch schwarze u n d weisse Musik – , gab es für die Bands keinen Grund mehr, beide Stile zu spielen.
Seit die Beatles aufhörten, Konzerte zu spielen, mussten Musiker nicht mehr auftreten, um als Musiker zu gelten.
Ja. Der Auftritt der Beatles in der «Ed Sullivan Show» von 1964 war das letzte Mal, dass eine Liveperformance den Kurs der amerikanischen Popmusik vorgab. Die Beatles hatten als Klubband angefangen, die alle aktuellen Hits spielte, um das Publikum zu unterhalten. Als sie 1966 aufhörten, live zu spielen, deuteten sie damit in eine Zukunft, in der die Musiker als Künstler im Studio sassen und in erster Linie aufnahmen, was ihnen gefiel. Es brauchte keinen integrierenden Stil mehr.
Dafür wurde Pop im Studio erst zur Kunstform, wie wir sie heute noch schätzen.
Ja. Texte und Klangexperimente wurden wichtiger als der Tanzbeat. Kam dazu, dass die Popmusik von der Gegenkultur entdeckt wurde. Beides führte dazu, dass das kommerzielle, auf die Party ausgerichtete Produzieren, das in der Popmusik so lange selbstverständlich gewesen war, nicht mehr angesagt war, ja störte.
War das der Grund, warum sich die Rockmusiker der 60er-Jahre nicht die schicken Bluessänger zum Vorbild nahmen, die in den amerikanischen Städten ein riesiges Publikum erreicht hatten? Sondern den Sonderling Robert Johnson, der zwar tolle Aufnahmen machte, bis zu seinem Tod aber einen rudimentären, ländlichen Stil pflegte?
Ja und nein. Für das schwarze Bluespublikum der 30er-Jahre verkörperte Robert Johnson sehr wohl das Image der Grossstadt – er schrieb ja «Sweet Home Chicago», um diesen Leuten zu gefallen. Für die weissen Bluesfans der 60er-Jahre verkörperte er dann das Image des Mississippi-Deltas. Das sagt über die nachgeborenen Fans mehr aus als über Robert Johnson: Sie suchten im Blues etwas, was sich von ihrem eigenen Leben möglichst abhob – eine Idee, die dem ursprünglichen Bluespublikum völlig fremd war.
Sein Nachruhm übersteigt bei weitem die Bedeutung, die er zu Lebzeiten hatte. Er ist ein gutes Beispiel dafür, dass, wie Sie schreiben, die Geschichte der Popmusik gerade nicht durch die Sieger geschrieben wird.
(Lacht.) Ja, stimmt schon. Aber es gibt noch viel bessere Zeugen für diese These: die Frauen. Junge Frauen tanzen, weil sie das gerne tun. Junge Männer tanzen, um in der Nähe der jungen Frauen zu sein. Das heisst, es waren und sind die Frauen, die entscheiden, was populär ist. Die Geschichte der Popmusik wurde und wird aber fast nur von Männern geschrieben, und nicht nur das: von Männern, die in der Highschool kaum ein Date hatten. Ihretwegen, die zu Hause sitzen und ihre Plattensammlung ordnen, gibt es in der Popgeschichte dieses Ressentiment gegen kommerzielle Tanzmusik, gegen Tanzmusik überhaupt. Ich wollte mit diesem Buch nicht zuletzt eine Geschichte der populären Tanzmusik schreiben.
Und diese Geschichte unterscheidet sich stark vom bekannten Kanon?
Komplett. Nehmen wir Elvis. Die Musikfans und Pophistoriker lieben den Rock-'n'-Roll-Elvis. Aber das war nicht der Elvis, der zum grössten Star seiner Zeit wurde: Dies war der romantische Elvis. Er verkaufte die meisten Platten an junge Frauen, und was denen so gefiel, war: Elvis war zwar ein gefährlicher Rebell, meinetwegen, aber er war ein gefährlicher Rebell, der zuverlässig dahinschmolz, wenn man ihn fragte, ob er mit einem gehen möchte.
Die Mädchen gingen ja nicht nur mit Elvis.
Überhaupt nicht. Man hat in den 50er-Jahren immer wieder Highschool-Schüler über ihre Lieblingsmusik befragt. Die gleichen Mädchen und Jungs, die Elvis mochten, mochten auch Doris Day, Perry Como oder Harry Belafonte. Es ist einfach nicht wahr, dass sich der Rock 'n' Roller Elvis und der Balladensänger Perry Como in feindlichen Camps gegenüberstanden.
Wie wuchs eigentlich Ihr Interesse an von der Geschichte vergessenen Leuten wie Guy Lombardo oder Paul Whiteman, der sozusagen Ihr Kronzeuge wurde?
Ich schrieb über die 20er-Jahre und musste feststellen, dass ich über Whiteman, den grössten Star dieser Zeit, nichts wusste. Langsam dämmerte mir, dass die Geschichte von Pop – und auch Jazz – von Leuten geschrieben worden war, die populäre Musik gar nicht mögen. Sehen Sie, niemand schreibt eine Geschichte über Deutschland im 20. Jahrhundert, lässt aber Hitler weg, weil er ihn nicht mag. Das wäre zwar eine vernünftige ästhetische, aber eine sehr unvernünftige wissenschaftliche Entscheidung.
Sie vergleichen Paul Whiteman sogar mit den Beatles.
Wissen Sie, wie die Jazzgeschichte über Whiteman urteilt? Dass er, hätte sich sein orchestraler Jazzstil durchgesetzt, den Jazz zerstört hätte. Wenn wir über ihn aber sagen würden, was wir über die Beatles sagen, dann müssten wir anerkennen, dass er aus Jazz eine Kunst gemacht hat – wie die Beatles aus Rock 'n' Roll. Und genau das hat man in den 20er-Jahren über ihn gesagt. Diese Entdeckung war der Anfang dieses Buches.
Hat Paul Whiteman auch so gute Musik gemacht wie die Beatles?
Da reden wir über ein ästhetisches Urteil. Es ist nicht so, dass ich den popmusikalischen Kanon ändern will. Wenn mich jemand fragt, welchen Musiker aus den 20er-Jahren man unbedingt hören muss, sage ich Louis Armstrong und bestimmt nicht Paul Whiteman. Ich sage nur: Ein Kanon ist keine Geschichte. Aber wenn Sie gefragt hätten, ob er so einflussreich war wie die Beatles, dann hätte ich geantwortet: Duke Ellington hat Whiteman seinen Lieblingsmusiker genannt und ihn imitiert.
Aber Sie hören am Feierabend nun ab und zu Paul Whiteman?
Nein. Ich bin durch diese Arbeit kein Fan geworden. Aber ich verstehe ihn jetzt und respektiere, was er geleistet hat. Und ich verstehe auch besser, wie die Leute seiner Zeit über Musik gedacht und wie sie sie genutzt haben. Sehen Sie, es gibt viele Bücher über die Musik, die Sie und ich lieben. Es war Zeit, eines über die Musik zu schreiben, die wirklich populär war.
Haben Sie die Remasters der Beatles-Alben gekauft?
Oh nein, ich habe ja noch meine alten Vinyl-Ausgaben.
Mit Elijah Wald sprach Christoph Fellmann
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.09.2009, 04:00 Uhr
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