Die neue Ikone des Feminismus

Während Jahrhunderten galt Kleopatra als Mätresse oder Femme fatale. Nun wird sie vermehrt als kluge, geschickte und harte Politikerin beschrieben, deren Erotik nebensächlich war.

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Nur weil wir so wenig von ihr wissen, taugt Kleopatra zur Legende. Ihr Leben und ihre Persönlichkeit sind spärlich dokumentiert – mit ihrem Selbstmord 30 Jahre vor Christus begannen die Projektionen. Den Anfang machte Octavian, der spätere Augustus: Er und seine Propagandisten versuchten, Kleopatra als Hure des Orients und Mätresse des Verlierers Mark Anton zu erniedrigen.

Das hatte ungewollte Folgen. Über die Jahrhunderte hinweg wurde die letzte Königin des Ptolemäerreichs, selbst ernannte Reinkarnation der Göttin Isis und Mutter von Cäsars einzigem Sohn, als Femme fatale bestaunt und verehrt, die sich allein mit dem Spiel ihrer Reize die Macht erhielt. Zumal Intellektuelle und Künstler waren fasziniert. Blaise Pascal vermutete, «die Welt hätte ein anderes Gesicht bekommen, wenn Kleopatras Nase kürzer gewesen wäre» – womit der 1662 gestorbene Philosoph die Vorstellung, Kleopatras Erotik sei von eminenter politischer Bedeutung gewesen, knapp zusammenfasste. Sein Spruch wird noch heute in den «Asterix»-Comics veräppelt («Diese Nase! Diese Nase!»).

Wichtiges wurde gestrichen

Auch in Dantes «Divina Commedia» kommt die Pharaonin vor, ebenso in Boccaccios Porträtsammlung «De claris mulieribus». Shakespeare lieferte mit «Antonius and Cleopatra» das Drama zum Mythos, später tat es ihm George Bernard Shaw mit «Caesar and Cleopatra» gleich. Kleopatras Suizid wurde wieder und wieder gemalt. Nicht zuletzt, weil das Sujet auch in prüden Zeiten die Darstellung weiblicher Nacktheit erlaubte – die Historienmaler des 19. Jahrhunderts liebten es. Vor exakt 50 Jahren flimmerte dann Liz Taylor im damals teuersten Spielfilm der Geschichte, «Cleopatra», über die Leinwände. Mit Long-Bob-Perücke und viel Make-up verlieh sie Kleopatra ein neues Gesicht und wurde so selber zur Ikone.

Für Elisabeth Bronfen, Anglistik-Professorin in Zürich und Kuratorin der aktuellen Kleopatra-Ausstellung in Bonn, lässt sich an diesem Film eine moderne Interpretation der Pharaonin zeigen – und zugleich deren Unterdrückung: Nachdem er eine Überfülle an Film­material angehäuft hatte, musste Regisseur Joseph L. Mankiewicz sein Werk im Schneideraum deutlich straffen. Mankiewicz habe vor allem Szenen gestrichen, in denen man die Königin mit ihren Beratern oder ihren Soldaten sehe, schreibt Bronfen im Ausstellungskatalog. Weiterhin weitgehend unterschlagen würde im Film also Kleopatras «Tätigkeit als Regentin, die Gesetze erlässt, Steuern und Abgaben eintreibt, kaltblütig gegen ihre politischen Gegner vorgeht, als Mäzenin aber auch Kunst und Wissenschaft fördert», sagt Bronfen.

Intellekt trifft auf Glamour

Doch immerhin fänden sich in «Cleopatra» «Spuren einer weitsichtigen Politikerin, die ihre Vision einer in Frieden vereinten Welt zu verwirklichen sucht». Bronfen sieht heute die kulturellen Voraussetzungen dafür gegeben, dass wir diese Spuren lesen und über Liz Taylor eine neue Kleopatra entdecken können: Eine Kleopatra, die nicht eine von Männern manipulierte und auf ihren Körper reduzierte Liebhaberin ist, sondern eine «geschickte ägyptische Staatsfrau», die zugleich als «Gelehrte und Schriftstellerin» brilliert. Den Freitod deutet Bronfen als Kleopatras letzte Möglichkeit, ihr Selbstbild als stolze, eigenständige Politikerin zu wahren: «Sie stirbt nicht für ihre grosse Liebe, sondern im Wissen, dass sie nur als Liebende von römischen Feldherren ihren Traum hätte durchsetzen können.»

Wenn Bronfen uns auffordert, Kleopatra einer «Re-imagination» zu unterziehen, wird ihr Wunsch erkennbar, dass Kleopatra auch als feministisches Vorbild gesehen werden soll, als Frau, die «Intellekt, Autorität und Ehrgeiz mit Glamour» vereint. Die Pharaonin quasi als Vorbild für Nachwuchspolitikerinnen und als Apotheose der harten Managerin. Eigenständigkeit, Kompetenz und Durchsetzungskraft sind dabei haupt-, Äusserlichkeiten hingegen nebensächlich.

Bronfens Interpretation steht heute nicht allein – was nicht verwundert: So wie in vergangenen Jahrhunderten und Jahrzehnten monarchisch, liberal oder marxistisch geschulte Theoretiker das Geschichtsbild prägten, beeinflussen nun zunehmend Feministinnen und Feministen unterschiedlicher Couleur und Radikalität mit ihren Texten unser Verständnis historischer Figuren. Einen einsamen Anfang machte in den frühen 1990ern die Kunsthistorikerin Lucy ­Hughes-Hallett, als sie in «Cleopatra. Histories, Dreams and Distortions» die römische Verleumdung thematisierte und zum damals noch sehr unkonventionellen Schluss kam, dass sich Kleopatra «mehr für die Gewinnung von Harz und für Marktpreise als für Liebeskünste» interessiert habe.

In den 2000er-Jahren folgte die wegweisende New Yorker Ausstellung «Cleopatra, Queen of Egypt». Sie zeigte die Pharaonin aus «feministischer oder postfeministischer Perspektive», wie Ausstellungsmacherin Susan Walker gegenüber der «New York Times» erklärte. Eine Perspektive, die im Vergleich zu früheren Ansichten für Kleopatra «sehr vorteilhaft» sei. Harvard-Dozentin Mary Hammer, die einen Essay zum Ausstellungskatalog beisteuerte, sagte: «Es ist die schiere Erleichterung, nun sagen zu können: Vergesst all das Zeug über Sex und Liebe. Hier ist eine fähige Regentin und bewundernswerte Organisatorin, hochintelligent und sprachgewandt.»

Nur mässig schön

Ein weiterer Text, der zur Stilisierung Kleopatras zur feministischen Ikone beitrug, ist Stacy Schiffs Biografie «Kleopatra. Ein Leben», die vor einem Monat in deutscher Übersetzung erschienen ist. Die amerikanische Pulitzerpreisträgerin zeigt in ihrem 400-seitigen Bestseller, der zwischen Sachbuch und Literatur changiert, einerseits eine harte, kluge, charismatische und auch witzige Herrscherin. Andererseits erscheint Kleopatra in Schiffs Buch als nur mässig schöne Frau. Auch Schiff will ihre Leserinnen und Leser von den Äusserlichkeiten ab- und zum bewunderten politischen Geschick hinlenken. Für Schiff waren sich Kleopatra und Cäsar in ihrem politischen Gespür und ihren intellektuellen Fähigkeiten ebenbürtig.

Von Hughes-Hallett über Schiff bis Bronfen: Die feministische Interpretation von Kleopatra als visionärer, fähiger und mächtiger Politikerin, die der Erotik nicht bedurfte, verändert unser Bild der Pharaonin. Es ist eine Interpretation, die heute hierzulande ideologisch konkurrenzlos ist und seitens der Altertumsforschung, die sich mit der spärlichen Quellenlage abgefunden zu haben scheint, kaum widerlegt werden dürfte. Aber auch diese jüngste Projektion wird irgendwann überblendet werden. Denn wie sagt doch Elisabeth Bronfen in ihrem Essay über Kleopatra: «Wie der ägyptischen Sphinx können wir ihr unsere Fragen stellen und werden dabei auf unsere eigenen Fantasien zurückgeworfen.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 07.08.2013, 06:14 Uhr)

Stichworte

Schiff, Stacy / Ettinger, Helmut / Schuler, Karin, «Kleopatra», C. Bertelsmann Verlag, 443 Seiten, ISBN 978-3-570-10105-6, CHF 38.90.

Kleopatra

Ausstellung

Kleopatra. Die ewige Diva. Bundeskunsthalle Bonn, bis 6. Oktober. Ausstellungskatalog wurde im Hirmer Verlag publiziert.

Video

Der Trailer zu «Cleopatra».

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