Die neueste Herzschmerz-Merz-Dichtung
Von David Vonplon. Aktualisiert am 12.02.2010 9 Kommentare
Gelingt ihm als Autor nun ein Befreiungsschlag? Finanzminister Hans-Rudolf Merz. (Bild: Keystone)
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Als der «Blick» 2004 seine Erzählung «Der Landammann» abdruckte, in der Bundesrat Hans-Rudolf Merz vom «prallen, strotzenden Busen» der «teuflischen Serviertochter Cosima» schwadronierte, ernete er Hohn und Spott. Und um sein Steuerpaket war es danach geschehen. Das Stimmvolk lehnte die Vorlage deutlich ab.
Als vor zwei Jahren schliesslich die «WOZ» Auszüge aus einer unveröffentlichten Novelle publizierte, in die Merz die erotischen Fantasien eines Familienvaters packte, fragte sich der «Tages-Anzeiger», ob ein Bundesrat überhaupt so schlecht schreiben dürfe wie Hans-Rudolf Merz. Diese Tätigkeit verlange schliesslich eine gewisse Würde – und weniger den Ruf eines zarten Erotikers. Um Schadensbegrenzung bemüht, drohte Merz der Wochenzeitung mit einer Klage bei Wiederverwendung des «privaten Schriftstücks».
«Aufruf zu menschengerechtem Handeln»
Die vernichtende Kritik hielt den Appenzeller Magistraten jedoch nicht davon ab, sich weiter als Textautor zu betätigen. Gezögert habe er zuerst, gab der Bundesrat der «NZZ» zu Protokoll. Schliesslich aber doch zugesagt, ein Libretto für ein musikalisches Werk des Komponisten Gion Antoni Derungs zu verfassen. Das Stück soll das Andenken an Henry Dunant wachhalten und am Abend des 30. Oktober aufgeführt werden, dem 100. Todestag des Gründers des Roten Kreuzes. Merz selbst versteht das Werk, das die Lebensabschnitte Dunants in fünf Bildern festhalten soll, als «Aufruf zu verstehbarem und menschengerechtem Handeln».
Dabei stellt sich insbesondere die Frage, wann Merz eigentlich die Zeit fand, sich zwischen Libyen-Reisen, Bundespräsidium, Finanzkrise und Steuerabkommen auch noch als Schriftsteller zu betätigen. Immerhin: Laut «NZZ» hat der Magistrat den Text im Sommer 2007 verfasst, als die Kassen der Banken noch sprudelten und Merz als Bundesrat fest im Sessel sass. Niedergeschrieben hat der Bundesrat das Libretto «innert weniger als zwei Wochen in den Ferien.» Gion Antoni Derungs habe spontan Gefallen gefunden, man habe sich zweimal in Chur getroffen und den Fortgang des Werks besprochen. «Die Zusammenarbeit gestaltete sich auf Anhieb optimal», so Merz.
Werk bleibt vorerst unter Verschluss
Folgt nun also der Befreiungsschlag des verkannten Literaten Merz? Ob auch die Literaturkritik die Früchte seiner Zusammenarbeit mit Derungs so wohlwollend beurteilen wird wie er selbst, darüber erhalten wir erst nach der Uraufführung am 30. Oktober Aufschluss. Bis dahin bleibt das Werk strikt unter Verschluss. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 12.02.2010, 13:28 Uhr






