Diese Kinderbücher gehören unter den Weihnachtsbaum
Von Christine Lötscher. Aktualisiert am 06.12.2010 7 Kommentare
Das Mädchen und die sieben besänftigten Schlangen – aus dem Märchenbuch mit Prachtsbildern von Nikolaus Heidelbach. (Bild: pd)
Für Heldinnen und Prinzen
Märchenbilder
Wer es wirklich gut meint mit seinen Kindern, Enkeln und Patenkindern, sorgt dafür, dass die von Nikolaus Heidelbach illustrierten Prachtbände mit Märchensammlungen in ihren Regalen stehen – und zwar alle. Bisher sind Grimms und Andersens Märchen erschienen, neu kommt die Sammlung von Märchen aus aller Welt dazu. Wie immer rauben einem die Bilder des deutschen Malers und Illustrators Nikolaus Heidelbach auch diesmal den Atem. Er ist ein genauer und abgründiger Leser und ein unübertroffener Meister darin, seine Interpretationen in surreale, symbolische Bilder zu übersetzen, von denen man nie genug bekommt. Das Bild vom Mädchen zum Beispiel, das friedlich in der Schlangengrube schläft, prägt sich ein, als ob man es selbst geträumt hätte.
Märchen aus aller Welt. Mit Bildern von Nikolaus Heidelbach, ausgewählt von Hans-Joachim Gelberg. Beltz & Gelberg, Weinheim 2010. 378 S., ca. 59 Fr. (Ab 5 Jahren)
Für Vorlese-Familien
Slapstick mit Löwen
Wer auf der Suche nach einem rasanten, witzigen Vorlesebuch durch die Buchhandlungen stürmt, dem sei Sabine Ludwigs «Auf die Plätze, Löwen, los!» ans Herz gelegt. Die Löwen: Das sind lauter (mehr oder weniger) ehrwürdige Herren aus Stein, die auf dem Rücken eine Brunnenschale tragen. Nur interessiert sich seit langer Zeit niemand mehr für ihre Kunst. Zuerst liess man das Gestrüpp wuchern, dann entschied der Haus-undHof-Besitzer Herr Doktor Blüm zwecks effizienterer Reinigung, den Brunnen abzureissen und den Hof mit Platten auszulegen. Nur hat der gute Mann die Rechnung ohne die Löwen gemacht. Sie sitzen zwar am Tag buchstäblich in Stein gemeisselt da, doch in der Nacht werden sie lebendig. Das Abenteuer kann beginnen – mit viel Humor und Slapstick, mit Irrungen und Wirrungen und sich überstürzenden Ideen. Am Ende sind die vier Herren mit Mähne wieder glücklich vereint – an dem einen legendären Ort im Nordosten Italiens, wo Löwen aus Stein noch gewürdigt werden.
Sabine Ludwig (Text) / Sabine Wilharm (Illustration): Auf die Plätze, Löwen, los! Fischer Schatzinsel, Frankfurt am Main 2010. 208 S., ca. 26 Fr. (Ab 6 Jahren)
Für Anfänger
Auf ins unbekannte Leben
Autorinnen und Autoren, die sonst nur oder hauptsächlich für Erwachsene schreiben, erzählen in diesem Sammelband lauter Geschichten über Jugendliche in Aufbruchstimmung. Die Icherzählerin bei Jan Koneffke macht sich auf die Suche nach ihrem Onkel Kuddel. Seit sie sich erinnern kann, wurde er verteufelt von ihren Eltern – und jetzt lernt sie in einem unvorhergesehenen Abenteuer einen ganz anderen Menschen kennen. Völlig anders als erwartet entwickelt sich eine als klassische Geschichte vom ersten Mal angelegte Erzählung von Jens Petersen. «Du bist ganz schön süss», sagt Marie zu Philipp und nimmt ihn mit zu sich nach Hause. Das geht ihm zu schnell. Doch dann, als sich das Bild von Marie in ihm setzen kann, verliebt er sich so heftig, dass es ihr wiederum zu viel wird . . . Unterschiedlichen Stilen und vielen Tonlagen begegnet man in diesem Buch; eine wunderbare Einstiegslektüre in die Literatur für Erwachsene.
Alles zum ersten Mal. Geschichten vom Anfangen. Hrsg. von Uwe-Michael Gutzschhahn. Fischer Generation, Frankfurt am Main 2010. 256 S., ca. 14 Fr. (Ab 14 Jahren)
Für Leseratten mit Ritterherz
Drachen sind gute Freunde
Ein Vorlesebuch, bei dem die Erwachsenen genauso viel Spass haben wie die Kinder ist Tony DiTerlizzis «Kenny und der Drache». Der Drache ist diesmal kein Monster, sondern ein grosser Liebhaber von klassischer Musik und Literatur. Anstatt Feuer zu speien, übt er Klavier, und anstatt Jagd auf Menschen zu machen, rezitiert er aus dem «Sommernachtstraum» von Shakespeare. Leider bleiben die Dorfbewohner stur bei ihren Vorurteilen und glauben fest daran, dass Drachen böse sind und ausgerottet gehören. Nur Kenny, ein kluger kleiner Hasenjunge, will den geschuppten Bildungsbürger wirklich kennen lernen. Zum Glück schafft es der kleine Hase in dem vergnüglichen Rittermärchen, den Drachentöter Georg von seiner mörderischen Absicht abzubringen.
Tony DiTerlizzi: Kenny und der Drache. Aus dem amerikanischen Englisch von Anne Brauner. CBJ, München 2010. 144 S., ca. 24 Fr. (Ab 7 Jahren)
Für alle, die Maria sein möchten
Weihnachten, besinnlich
An Weihnachten, erzählt man den Kindern Jahr für Jahr, fallen alle Grenzen. Sogar die Tiere können reden, Ochs und Esel und die Schafe, die das Jesuskind in der Krippe mit ihrem Atem wärmen. Weihnachten als Fest der Liebe drängt sich geradezu auf als Thema für ein Bilderbuch. Dennoch findet man im glitzernden Berg aus pummeligen Weihnachtsmännern und geschäftigen Engelchen viel zu selten Geschichten wie «Als ich Maria war». Weihnachten naht, Zeit fürs Krippenspiel. Von Besinnlichkeit ist in der Schulklasse keine Spur, man probt zwar fürs Krippenspiel, quält einander aber fröhlich weiter. Die Icherzählerin würde auch gern Maria spielen. Doch der Lehrer hält sich strikt an die Hackordnung der Kinder; wenn das Mädchen in der Pause als Zielscheibe für die Schneeballschlacht herhalten muss, beisst er in sein Butterbrot und sieht weg. Warum sie ausgelacht wird, erfahren wir erst gegen Ende des Buches: Die Icherzählerin ist schwarz. Und soll auch noch das schwarze Schaf spielen. Doch am Ende wird alles gut: Die erste Besetzung wird krank, und das Mädchen darf einspringen.
Jutta Richter (Text) / Jacky Gleich (Illustration): Als ich Maria war. Hanser, München 2010. 32 S., ca. 20 Fr. (Ab 5 Jahren)
Für alle, die geniale Einfälle haben
Weihnachten, humoristisch
Die Beschaffung des Weihnachtsbaums ist so eine Sache. Zoran Drvenkar hat eine unvergessliche Geschichte über einen pflichtvergessenen Vater geschrieben, der einen Baum klaut, weil er die Enttäuschung seines Sohnes nicht aushält («Die Nacht, in der meine Schwester den Weihnachtsmann entführt», Carlsen 2008). Dr. Brumm, dem Dachs und Pottwal (einem abenteuerlustigen Goldfisch), geht es in Daniel Napps lustigem Bilderbuch umgekehrt: Bauer Hackenpiep schnappt ihnen ihren Baum vor der Nase weg. Doch die drei Freunde haben den genialen Einfall, sich als Weihnachtsmänner zu verkleiden und so bei den Hackenpieps mitzufeiern. Ein so harmonisches Weihnachtsfest gabs schon lange nicht mehr.
Daniel Napp: Dr. Brumm feiert Weihnachten. Thienemann, Stuttgart 2010. 32 S., ca. 22 Fr. (Ab 3 Jahren)
Für Grossmütter und Enkel
Rollentausch
Wenn eine Grossmutter, eine Mutter und eine Enkelin zusammen ein Chamäleon suchen, das sich in einem Baum vor weissem Hintergrund versteckt: Wer ist schneller? Genau. Das Enkelkind sieht auf den ersten Blick, dass ein Zwischenraum zwischen den Ästen die klaren Umrisse eines Chamäleons hat, während die beiden älteren Damen anfangen, das Bild systematisch zu untersuchen. Dieses Chamäleon ist selbst ein Enkelkind, ein Kind und eine Chamäleonpuppenmama und heisst Emma. Das ganze Bilderbuch lang spielt Emma mit ihrer Oma Verstecken, was die Illustratorin Kathrin Schärer dazu anregt, die Dschungellandschaft, in der die Chamäleons leben, mal als Panorama ins Bild zu setzen, dann wieder in Nahaufnahmen zu untersuchen. Unzählige Geschichten verstecken sich im Dschungel, unter anderem eine Generationengeschichte: Mama versucht nämlich sowohl Emma als auch Oma zu kontrollieren mit ihrer Fürsorglichkeit. Da hilft nur ein Rollentausch.
Lorenz Pauli (Text) / Kathrin Schärer (Illustration): Oma – Emma – Mama. Atlantis, Zürich 2010. 32 S., ca. 25 Fr. (Ab 4 Jahren)
Für Fantasy-Fans
Schnellkurs Literatur
Ein Fantasy-Roman, den man mit gutem Gewissen verschenken kann, ist «Odessa und die geheime Welt der Bücher». Denn bei aller Spannung und Action lernt man nebenbei eine Menge über Literaturgeschichte und Mythologie. Heldin Odessa sucht ihren Vater und rettet dabei die Welt vor einem magischen Buch, mit dem man die Welt beherrschen kann. Auf ihren Abenteuern begegnet sie Dostojewski, Kafka und Shakespeare und stolpert auf Schritt und Tritt über Figuren aus der griechischen Mythologie: Pegasus, Minotaurus und Orpheus. Das macht Lust auf mehr Literatur; man könnte das Buch deshalb zusammen mit einer Ausgabe von griechischen Sagen oder den «Schönsten Shakespeare-Geschichten» (Kerle 2007) verschenken.
Peter van Olmen: Odessa und die geheime Welt der Bücher. Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler. Dressler, Hamburg 2010, 540 S., ca. 34 Fr. (Ab 10 Jahren)
Für verliebte Teenies
Dichten und Denken
Zugegeben, das Buch sieht auf den ersten Blick schrecklich aus. Diese pinke Schleife – nein, das ist zu viel. Die gute Nachricht ist: Die Gedichte und Songtexte, die Ina Nefzer rund um Liebe, Freundschaft und Weltschmerz versammelt, sind klug und liebevoll ausgewählt. Das Buch bietet Streifzüge durch die Welt der Dichterinnen und Denker, von Heine bis Friederike Mayröcker, von Mascha Kaléko bis Konstantin Wecker. In einem kurzen Nachwort ermutigt Ina Nefzer die Leserinnen, ihre eigenen Zugänge zu den Gedichten zu finden und sich selbst auf den leeren Seiten am Ende als Dichterinnen zu versuchen. Das muss nicht immer in leisen Pastelltönen sein, Dichterinnen dürfen auch frech sein. Christine Nöstlinger macht es vor: «Sag ich affengeil / bangt Omi um mein Seelenheil, / Sag ich nullo Bock, / droht mir Opa mit dem Stock.»
Ina Nefzer (Hrsg.): Gedanken wie Schmetterlinge. Gedichte und Lyrics für Mädchen. Planet Girl, Stuttgart 2010. 127 S., ca. 25 Fr. (Ab 12 Jahren)
Für Mundart-Liebhaber
Pfui, de Strubelpeter!
Kinder lieben ihn, den grausigen Struwwelpeter. Sie lieben ihn, weil er sich einfach nicht zähmen lässt. Der Autor Jürg Schubiger hat die Geschichten von ungehorsamen Kindern und ihrer drastischen Bestrafung neu ins Zürichdeutsche übersetzt. Seine Dialektversion schlägt einen ganz anderen Ton an als Heinrich Hoffmanns Original von 1845. Schubiger baut den Blick des Übersetzers ein, der den Originalerzähler auch mal korrigiert und kommentiert. Das klingt so frisch, dass man den Klassiker lustvoll neu entdecken kann. Gerade die Verwendung von leicht antiquierten zürichdeutschen Wörtern fügt dem schwarzen Humor des Originals neue Farben hinzu: «Lass stehn, sonst brennst du lichterloh!», wird Paulinchen gewarnt. In der Mundartversion heisst es handfest: «Wer zoislet, dä wird gsotte!» So ist die zürichdeutsche «Strubelpeter»-Lektüre so lustvoll-schauerlich, dass es «am Tüüfel gruuset».
Heinrich Hoffmann: De Strubelpeter. In Mundart übertragen von Jürg Schubiger. Elfundzehn, Eglisau 2010. 40 S., ca. 28 Fr. (Ab 6 Jahren)
Welches Kinderbuch gefällt Ihnen besonders gut? Kommentare bitte unten anbringen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.12.2010, 13:45 Uhr






