Dieses Buch kann Ihre Essgewohnheiten verändern

Von Res Strehle. Aktualisiert am 14.08.2010 74 Kommentare

Jonathan Safran Foer hat ein eindringliches Buch über den alltäglichen Horror in der Massentierhaltung geschrieben.

Einst Lebewesen: Autor Foer hofft, irgendwann werde die Erde
die Massentierhaltung abschütteln wie einen Sack Flöhe.

Einst Lebewesen: Autor Foer hofft, irgendwann werde die Erde die Massentierhaltung abschütteln wie einen Sack Flöhe.
Bild: Keystone

Das Buch

Jonathan Safran Foer: Tiere essen
Kiepenheuer&Witsch, Köln 2010.
Ab 19. August im Buchhandel.
384 Seiten, ca. 34 Fr.

Stichworte

Die Grenzen zwischen Literatur und Sachbuch sind fliessend geworden, dazu trägt nun auch Jonathan Safran Foer bei. Nach den Erfolgsromanen «Alles ist erleuchtet» und «Extrem laut» hat der New Yorker Schriftsteller die Praktiken der Massentierhaltung erforscht. Er kombiniert die Fähigkeiten eines Günter Wallraff als Recherchierjournalist, jene von Michael Moore als empörter Ankläger und seine eigenen als luzider Schreiber.

So entstand ein 300-seitiges Œuvre mit den Stärken aller Gattungen: Schriftsteller Foer beschreibt in einem persönlichen Einstieg die Besuche bei der Grossmutter, die in ihrem Leben erfahren hatte, was Hungern bedeutete und deren «Hühnchen mit Möhren» ein Willkommensritual für die Familie war, speziell für den kleinen Enkel Jonathan.

Ein Werk mit verschiedenen Ansätzen

Reporter Foer beschreibt den nächtlichen Einstieg in einen Massenzuchtbetrieb von jungen Puten mit einer Aktivistin, wo sie – von Aufsehern beinahe erwischt – mitbekommen, wie halbtote Küken bloss schwach den Kopf heben und schliesslich ein sterbendes Küken mit dem Taschenmesser erlösen.

Debattierer Foer setzt sich mit Tierzüchtern auseinander – im Unterschied zu Moore nicht nur mit den bösen, sondern auch mit jenen, die tiergerechte Methoden suchen.

Dokumentalist Foer hängt schliesslich sechzig Seiten Anmerkungen zu den Quellen an und bekräftigt so, dass hier fundiert gearbeitet worden ist.

Dass die verschiedenen Formen – die literarische, die dokumentarische, die anklägerische – am Ende nicht ganz zusammenkommen, ist absehbar, ändert aber nichts am starken Eindruck, den die Lektüre hinterlässt. Ähnlich wie in den Filmen von Michael Moore sind es die drastischen Beispiele, die dem Leser nicht aus dem Kopf gehen: die Fäkaliensuppe, in der die geschlachteten Hühner schwimmen, bevor sie gehäutet und filettiert werden; die oft bloss halb toten Rinder, die kopfvoran hochgezogen und aufgeschlitzt werden, die millionenfach vergasten männlichen Küken, in der Eierproduktion nicht zu gebrauchen; die von frustrierten, schlecht bezahlten Hilfskräften in den Schlachthöfen sadistisch misshandelten Schweine, denen Stangen in den Leib gerammt und lebendig die Augen herausgeschnitten werden. Foers literarische Kraft schafft eben so eindringliche Bilder wie Moores Filme – womöglich noch unausweichlicher, da Augenschliessen beim Lesen nicht geht.

Ein wenig mehr Bewusstsein

Dieses Buch kann Ihre Essgewohnheiten verändern, vor allem deswegen, weil der Autor nie moralinsauer argumentiert, sondern die Frage des Fleischessens für sich und Sohn Sam klären will. Er bringt alles Verständnis auf für die Schwäche des menschlichen Willens, den Lustgewinn beim Fleisch- und Fischkonsum. Er will nicht zum Veganertum bekehren, nicht einmal zum Vegetarismus – einzig eine Fleischmahlzeit weniger pro Woche schlägt er vor und scheint im Grunde schon zufrieden, dass er diese Frage für sich und seine junge Familie geklärt hat: Die Recherche machte sie zu Vegetariern. Nebenwirkung mag sein, dass Leser und Leserin nach der Lektüre ein wenig bewusster die Geschichte dessen vor Augen haben, was sie in den Einkaufskorb legen. Das kann auch Biofleisch aus artgerechter Haltung sein, bloss macht dieser Konsum heute in den USA gerade mal ein Prozent aus, in Deutschland zwei Prozent, in der Schweiz ein paar Prozentpunkte mehr – kleine Spitzen im Fleischberg unreflektierten Massenkonsums.

Es sind die drastischen Zahlen, die dem Leser bleiben: Eine Fleischmahlzeit weniger pro Woche in den USA würde in der Wirkung die Abgase von 5 Millionen Lastwagen und das Leiden von 200 Millionen Tieren ersparen. An Thanksgiving werden in den USA jedes Jahr 45 Millionen Truthähne aufgetischt. Wer als Nachgeborener der europäischen Kriegsjahre durchs Leben gegangen ist, wird in seinem Leben rund 21'000 Tiere verspeist haben. In dieser Zeit wurde Poulet vom Sonntags- zum Alltagsmenü, Essen zur Verpflegung und ein tiefgefrorenes Aktionshuhn so billig wie eine Tasse Kaffee im Restaurant. Dass der Rohstoff Tier ein Gefühlsleben hat, Schmerz empfindet, ein Sozialleben hat, wird dem Verbraucher erst allmählich bewusst. Hierzu hat die Tierforschung einen erheblichen Beitrag geleistet, aber auch Philosophen wie Walter Benjamin, Jacques Derrida oder Peter Singer mit ihrer Kritik an der willkürlich gezogenen Grenze zwischen Mensch und Tier.

Unreflektierte Massentierhaltung bald zu Ende

Die grosse Resonanz, die Foers Buch in den USA hatte und nun voraussichtlich auch in Europa haben wird, deutet an, dass die Geschichte der unreflektierten Massentierhaltung bald zu Ende erzählt ist. Am Ende des ersten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert scheint das Bewusstsein zu wachsen, dass Leben mehr als Rohstoff ist. Foers Hoffnung beruht darauf, dass inzwischen schon 19 Prozent aller Studierenden an US-Hochschulen Vegetarier sind. Wer weiss, vielleicht wird auch Foers Sohn Sam den Weg vieler Kinder seiner Generation gehen. Sie lieben Chicken Nuggets, Fischstäbchen, Sweet & sour und Hamburger über alles. Nicht nur, weil sie ihnen gut schmecken, sondern auch, weil sie beim Essen nicht daran erinnert werden, dass diese Vierecke, Stäbchen und Scheiben einst Teile einer Kreatur waren.

Foer, am Ende wieder ganz Literat, begründet seinen Optimismus mit einem Bild: Irgendwann werde die Erde die Massentierhaltung abschütteln wie einen Sack Flöhe. Wenn die junge Generation bemerken wird, dass das Nugget das Huhn Ginger aus «Chicken Run» ist, das Fischstäbchen der Regenbogenfisch aus dem Malbuch, das Sweet & sour Schweinchen Babe und der Hamburger die verrückte Kuh Mama Muh – dann wird das 20. Jahrhundert definitiv zu Ende sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.08.2010, 14:34 Uhr

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74 Kommentare

Mario Monaro

16.08.2010, 12:21 Uhr
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@Karla Rüdisühli: vergessen Sie aber nicht, dass wir unter natürlichen Umständen viel weniger Fleisch essen würden - nämlich dann, wenn die Jäger ein Tier erlegt haben (ein bis wenige Male im Monat). Heute essen viele aber fast jeden oder jeden zweiten Tag Fleisch. Dieses Mehr an Fleischkonsum bereitet viele Probleme (Methan, Gülle, Bodenübernutzung - vom Tierschutz ganz zu schweigen). Antworten


Adrian Meier

16.08.2010, 12:24 Uhr
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@Hanspeter Niederer sind sie veganer?? mitgefühl der gefolterten tiere - sie ticken wohl nicht ganz richtig... wenn sie kein schwein verputzen mögen ist das ja okay, aber so eine aussage finde ich hirnrissig!! Antworten



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