Kultur

Dürrenmatt zur Schnecke gemacht

Aktualisiert am 25.09.2012 3 Kommentare

Feuilletonist Fritz J. Raddatz veröffentlicht eine ganz besondere Porträt-Sammlung: Er präsentiert Schriftsteller der Nachkriegszeit als Fabelwesen.

1/4 Die Dürrenmatt, Weinbergschnecke
«Sie befällt vornehmlich bestimmte Weinsorten der Schweiz – Espese; Dôle; Fendant –, von deren Beeren sie sich ernährt. Auf dem Rücken trägt sie ihr besonders zierlich gemustertes Schneckenhaus, zart gefärbt und wie von Künstlerhand modelliert. Nach wie vor unerforscht bleibt die Produktion eines dünnen, aber reissfesten Seidenfadens, was Experten von einem ‹dramatischen Rätsel› sprechen lässt...»
Bestiarium der deutschen Literatur, 2012

   

Fritz J. Raddatz, Bestiarium der deutschen Literatur. ISBN 978-3-498-05793-0, 138 Seiten, 31.90 Franken. September 2012.

Bestiarium der deutschen Literatur

Fritz J. Raddatz (*1931) ist Feuilletonist, Schriftsteller und Literaturbetriebs-Analytiker («Tagebücher 1982-2001»).

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Max Frisch ist ein brünstiger Riesenpanda, «bei steigendem Testosteronspiegel brummt er mit zunehmend grösserer Ausdauer». Friedrich Dürrenmatt ist eine behäbige Weinbergschnecke, die in eine Art Rausch gerät bei «behaglich-geniesserischem Abnagen der Rebstöcke». Adolf Muschg und Martin Suter sind beide Murmeltiere, allerdings unterschiedlicher Art: «Das Muschg» «ist wegen seiner durchdringenden Pfeiftöne, die es in Fällen von Gefahr oder Bedrohungsgefühlen ausstösst, bei den Einheimischen nicht sehr beliebt», «das Suter» hingegen ist sehr wohl «beliebt als bekömmliches Nationalgericht», empfohlen wird eine Zubereitung mit «Lavendelessenzen, Feigenschnaps oder Granatapfelwein». Sehr merkwürdig ist «der Hürlimann» beschaffen, er ist nämlich eine «besonders seltene und kunstvoll gemusterte Kreuzung aus Seegurke, Seestern und Wurmseewalze.»

Einladung zur Spekulation

Der Feuilletonist und Schriftsteller Fritz J. Raddatz («Zeit») nimmt in seinem lustigen Werkchen eine Vorlage des österreichischen Satirikers Franz Blei (1871 bis 1942) auf, der 1920 in München ein «Grosses Bestiarium der deutschen Literatur» publiziert hatte. Auf 140 Seiten versammelt der umtriebige Raddatz die wichtigsten deutschsprachigen Autoren der Nachkriegszeit – neben Frisch und Dürrenmatt also auch Grass, Böll oder Bernhard – sowie Stars der Gegenwart wie Clemens Setz oder Rainald Goetz.

Sorgsam schwarz-weiss visualisiert wurden die Fabelwesen vom Berliner Illustrator Klaus Ensikat. Einzig störend am Buch ist, dass Ensikat sich nicht konsequent auf die Skizzierung der wunderlichen Tiere konzentriert, sondern immer wieder Porträtbilder der Autoren in seine Darstellungen einbaut, was die Idee des Bestiariums konterkariert.

Raddatz spielt in seinen Porträts mit Ironie, Unschärfe und Insiderwissen. Die meisten seiner pseudobiologisch-phantastischen Beschreibungen sind rätselhaft und laden ein zur germanistischen Spekulation. Seine ästhetischen Beurteilungen hält der Kritiker dabei säuberlich bedeckt. Bloss weil ein Tier hässlich ist, heisst das noch lange nicht, dass Raddatz auch die Werke des verkörperten Autors hässlich findet. Erst nach genauer und vollständiger Lektüre werden seine Präferenzen sichtbar.

Als Lektüre-Cicerone taugt das «Bestiarium» notabene nicht – im Gegenteil: Wem es an profunder Kenntnis der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur mangelt, der dürfte sich alsbald verirren in dieser wimmelnden Poesie-Fauna. (lsch)

Erstellt: 25.09.2012, 09:02 Uhr

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3 Kommentare

Hans Huber

25.09.2012, 16:45 Uhr
Melden 7 Empfehlung 8

Ich mag jedem die Freude an so einem Werk gönnen. Es fällt jedoch auf, dass
unsere Gesellschaft sich allerhand Luxus inform von unsinnigen und selbstbezogenen Temen leistet wie das hier beschriebene irgendwas. Es interessiert offenbar eher ob Migros nun braune oder grüne Kartoffeln verkauft, oder die Kaffeemaschine püniktlich geliefert wurde. Währenddem sterben 30'000 Kinder pro Tag an Hunger ...
Antworten


Christian Duerig

25.09.2012, 14:41 Uhr
Melden 8 Empfehlung 12

Trickreich mogeln sich Künstler, Feuilletonisten, Intellektuelle uam. durch die Postmoderne. Einen konstruktiven Beitrag leisten sie nicht. Sie unterhalten ab und zu und nennen dies dann Durchbruch. Ich bleibe bei der Mathe. Antworten



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