Kultur

Ein Akkordarbeiter der Literatur

Von Thomas Schlachter. Aktualisiert am 07.02.2012

Vor 200 Jahren wurde Charles Dickens geboren. Er galt als rührseliger Autor, dabei war er ein Pionier der Moderne.

Er soll sich seine Figuren stets laut vorgesprochen haben: Charles Dickens (7.2.1812 bis 9.2.1870).

Er soll sich seine Figuren stets laut vorgesprochen haben: Charles Dickens (7.2.1812 bis 9.2.1870).
Bild: Keystone

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Thomas Schlachter ist Übersetzer, u. a. von P. G. Wodehouse. Er lebt in Zürich und hat die Dickens-Ausstellung im Museum Strauhof kuratiert, die noch bis 4. März zu sehen ist.

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Das Bild kennt jeder: Ein abgezehrter Knabe tritt mit leer gegessenem Napf vor den Speisemeister des Armenhauses und verlangt Unerhörtes – eine Extraportion Haferschleim. Dem Schöpfer dieser Szene aus «Oliver Twist» war als Kind Ähnliches widerfahren. Zwar darbte Charles Dickens, anders als sein Held, nicht gerade im «work house», doch früh schuften musste auch er: Als er zwölf war, steckten ihn seine hoch verschuldeten Eltern für ein Jahr in die Fabrik, wo er fortan zehn Stunden pro Tag Schuhwichse abfüllte. Kein Wunder, dass ihm Olivers Forderung «I want some more» zu einer Art Lebensmotto wurde.

Schwerstarbeit bildete eine Grundkonstante seiner späteren Existenz. In die Tretmühle des literarischen Akkords sperrte sich Dickens aber fast freiwillig: Gleich mit dem Sensationserfolg seines Romanerstlings, «The Pickwick Papers», hatte der 25-Jährige einen Erscheinungsrhythmus etabliert, von dem er bis zum Tod nicht mehr abrückte. Seine 15 umfangreichen Romane erschienen allesamt in Monats- oder Wochenfolgen. Und dermassen voll waren seine Fantasiespeicher, dass er zu Beginn oft zwei Bücher gleichzeitig in Arbeit hatte: So mancher erzählerische Ausschuss im Frühwerk zeugt von dieser geradezu industriellen Produktionsmethode.

Kritiker des Kapitalismus

Dickens, der Pionier: Er machte den Fortsetzungsroman zur respektablen Publikationsform und sorgte für die Demokratisierung der Literatur. Breite Schichten gelangten durch ihn erstmals in den Besitz von Romanen: Eine Monatsnummer kostete 1 Shilling, weit weniger als ein gebundenes Buch. Umgekehrt verfügte kein anderer Autor über eine derart breit gefächerte Leserschaft. Und da sich sowohl in privaten Haushalten wie in Kneipen oder Gesindestuben alsbald Lesezirkel bildeten, erfasste das allgemeine Dickens-Fieber selbst Analphabeten. Nur so lässt sich wohl erklären, dass er auf seinen späteren Vortragstourneen riesige Hallen füllte: ein Freund des Volkes, ja fast ein Popstar der Literatur.

George Orwell hat einst konstatiert, Dickens sei in seinem Vermögen, bildliche Vorstellungen zu erzeugen, nie erreicht worden. Diese beispiellose Plastizität seines Stils wusste der Autor zu steigern, indem er fast alle Romane illustrieren liess. Das letzte Wort über jene Bilder, die sich auf der Netzhaut der Leser einbrennen sollten, behielt freilich er. Nicht nur seine Zeichner, sondern auch die Verleger konnten ein Lied von Dickens’ beängstigender Durchsetzungskraft singen. Er kannte seinen Marktwert genau und verspürte wenig Lust, andere den ganzen Gewinn abschöpfen zu lassen. Bei so viel merkantilem Geschick erstaunt höchstens, dass dieser prototypische Selfmademan nicht etwa seinen Frieden mit dem Kapitalismus machte, sondern zu dessen schärfstem Kritiker avancierte.

Die neuen Medien des 20. Jahrhunderts popularisierten sein Werk nur noch mehr. Selbst wer in England nie eine Zeile von ihm gelesen hat, kennt seine Figuren aus zahllosen Verfilmungen für Kino und Fernsehen. Doch auch sonst ist dieser springlebendige Klassiker tief in die Populärkultur eingedrungen: Onkel Dagobert heisst im Disney-Original natürlich Scrooge (nach dem misanthropischen Geizhals in «A Christmas Carol»), die englische Rockband Uriah Heep hat ihren Namen einer Figur aus David Copperfield entlehnt, und selbst die amerikanische Zeichentrickserie The Simpsons verdankt einen ihrer durchtriebensten Gags einem genial eingestreuten Dickens-Zitat.

Hass auf das Establishment

So ungebrochen die Liebe englischsprachiger Leser zu Dickens noch heute ist – die Kritik begann ihn schon zu Lebzeiten zu zerzausen, und zwar ausgerechnet in dem Moment, da die Improvisationskunst der frühen Romane in die düstereren Grosskonstruktionen der reifen Werkphase mündete. Aufgeschreckt von der sich immer radikaler zuspitzenden Sozialkritik, die Dickens in den bedeutenden Gesellschaftsromanen «Bleak House», «Little Dorrit» und «Our Mutual Friend» auffuhr, schien das Establishment zu merken: Hier meint es einer wirklich ernst mit seinem Hass auf uns!

Zwei Generationen später kam es noch ärger. Vertreter der literarischen Moderne machten Dickens nun auch den ästhetischen Prozess: fehlender Realismus, klebrige Sentimentalität, blutleere Frauenfiguren und mangelnde erzählerische Ökonomie. Für all diese Anklagepunkte fanden sich im Werk haufenweise Beweisstücke, die bei einem minderen Autor zur Verstossung aus dem Literaturolymp geführt hätten. Dickens dagegen ging nur leicht ramponiert aus dem Strafgericht hervor, denn jeder der unbestreitbaren Mängel wurde von der vibrierenden Vitalität und Bildmacht seiner Prosa mühelos entkräftet. Die endgültige Rehabilitation erwirkte 1940 der amerikanische Literaturkritiker Edmund Wilson, der die Bedeutung des Spätwerks herausstrich und allen Skeptikern apodiktisch beschied: «Die Mitglieder der Bloomsbury-Gruppe sprachen gern von Dostojewski, übersahen aber Dostojewskis Lehrmeister: Dickens.»

Der späte ist der beste Dickens

Zu Dickens’ grössten künstlerischen Triumphen gehört die Charakterisierungs- und Dialogkunst. Diese wurzelt in seinem schauspielerischen Talent: So soll er sich seine Figuren stets laut vorgesprochen und dazu vor dem Spiegel wild gestikuliert und grimassiert haben. Genau deshalb verfügen selbst Randgestalten über einen unverwechselbaren Zungenschlag. Das sprachlich virtuoseste Beispiel hierfür ist wohl die ewig angesäuselte Hebamme Sarah Gamp aus «Martin Chuzzlewit», einem sträflich unterschätzten Glanzstück literarischer Komik.

In eine ähnliche Kerbe wie Edmund Wilson schlug 1960 Arno Schmidt in einem seiner legendären Rundfunkessays. Auch er stellte den reifen Dickens ins Zentrum und erkannte im monumentalen Justizroman «Bleak House» eines der Meisterwerke der Weltliteratur. Anders als Wilson machte Schmidt allerdings kaum Schule – zu zäh scheint am deutschen Dickens bis heute das Abziehbild des harmlosen Humoristen mit sozialkritischer Schlagseite zu kleben.

Umso erfreulicher ist es deshalb, dass der Hanser-Verlag mit «Grosse Erwartungen» soeben das wohl vollkommenste Buch dieses Sprachwunderwerkers in taufrischer Neuübersetzung vorgelegt hat. Ein prachtvolleres Eingangsportal als diesen erstaunlich modernen Roman kann sich der Dickens-Novize nicht wünschen – allein schon das famose Nachwort der Übersetzerin Melanie Walz lohnt die Anschaffung. Nicht den geringsten Zweifel an Dickens’ Aktualität hatte übrigens Vladimir Nabokov. Als er im Rahmen seiner Literaturvorlesungen an der Cornell University von Jane Austen zu Dickens überwechselte, begann er mit den Worten: «Bei ihm erweitert sich das Blickfeld. Austens Prosa will mir als eine zauberhafte Neu-Anordnung altmodischer Werte erscheinen, im Fall Dickens hingegen handelt es sich um neue Werte, und noch heute berauschen sich moderne Autoren an dem, was er gekeltert hat.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.02.2012, 15:32 Uhr

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