Ein Amerika der freien Bürger, nicht der Aliens

Der neue Roman «Hart auf hart» von T. C. Boyle beschreibt eine Radikalisierung.

Kein Alien, sondern amerikanischer Bestsellerautor: T.C. Boyle auf Lesereise in Europa. Foto: Robert Jaeger (Keystone)

Kein Alien, sondern amerikanischer Bestsellerautor: T.C. Boyle auf Lesereise in Europa. Foto: Robert Jaeger (Keystone)

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«Die amerikanische Seele ist ihrem Wesen nach hart, einzelgängerisch, stoisch und ein Mörder. Sie ist noch nicht geschmolzen.» Dieses Zitat des englischen Schriftstellers D. H. Lawrence stellt T. C. Boyle seinem neuen Roman «Hart auf hart» voran. Im Original heisst das Buch, das in den USA wegen eines Verlagswechsels erst im Frühling erscheint, «The Harder They Come» und ist ein Verweis auf einen Film gleichen Namens von 1972 – und den Reggae-Hit, den Jimmy Cliff schrieb.

Das Buch beginnt denn auch auf einer Kreuzfahrt in der Karibik. Ein paar ältere Amerikaner werden während eines Landgangs von Kleinkriminellen überrascht und sollen ihre Wertsachen abgeben. In Sten Stenson, einem ehemaligen Schulleiter aus Nordkalifornien, kocht die Wut über. Er packt einen der beiden Angreifer und erwürgt ihn. Die lokalen Behörden haben Angst um den Tourismus, und niemandem ist daran gelegen, Sten zur Rechenschaft zu ziehen. Daheim, in den USA, bekommen die Medien Wind von der Geschichte und machen Sten, den ehemaligen Vietnam-Kämpfer, prompt zum Helden.

Damit setzt Boyle wie in einem Prolog das Thema für seine fast 400 Seiten starke Geschichte. Recht und Unrecht. Gewalt und Gegengewalt. Ein alter, harter Mann, der einzelgängerisch handelt, stoisch – und der zum Mörder wird, denn dass er diesem jungen Einheimischen gleich den Garaus machen musste, war völlig übertrieben.

Sten Stenson und seine Frau Carolee haben einen Sohn, Adam. Und der driftet langsam ab in seine eigene Welt. Er akzeptiert keine Autoritäten, er lebt jenseits aller Konventionen, verbringt seine Tage alleine in den Wäldern östlich von Fort Bragg, Kalifornien, will nicht mehr Adam genannt werden, sondern Colter.

Der Waldläufer John Colter

Hart, einzelgängerisch und mörderisch. So war der Waldläufer John Colter. Er lebte von 1774 bis 1812 oder 1813, das ist unklar, und war Teil der legendären Expedition von Lewis und Clark auf der Erkundung des Nordwestens. Er war ein Pionier, ein Trapper, der als erster weisser Mann in Gegenden vorstiess, in denen vor ihm nur Indianer waren. Er überlebte zwei Mal nur dank langer, brutaler Fussmärsche. Adam Stenson will so werden wie er.

Die dritte Hauptfigur in «Hart auf hart» ist Sara. Geschieden. Hufschmiedin. Radikale Gegnerin des Systems. Als sie von einem Polizisten gestoppt wird, weil sie den Sicherheitsgurt nicht trägt, lässt sie die Situation eskalieren. Dann lernt sie Adam –Colter – kennen und fängt ein Verhältnis an. Er ist mehr als ein Dutzend Jahre jünger als sie.

T. C. Boyle hat schon immer gerne starke oder auffällige Charaktere in den Mittelpunkt seiner Romane gestellt, schon ganz zu Beginn seines Aufstiegs zum Schriftsteller von Weltrang, bei «Wassermusik». Da war es Mungo Park, der in Afrika auf Expediton war. Danach waren es John Harvey Kellogg («Willkommen in Wellville»), Stanley McCormick («Riven Rock») und der Sex­forscher Alfred Kinsey («Dr. Sex»).

Politik und Identität

Nachdem Boyle sich mit seinem vorletzten Buch «Wenn das Schlachten vorbei ist» dem durchaus aktuellen Thema Umweltschutz widmete, hat er jetzt mit «Hart auf hart» einen Stoff angepackt, der noch viel politischer, viel tiefschürfender ist. Es geht ihm um die amerikanische Seele. Was ist er, der Amerikaner, wenn es hart auf hart geht? Das Zitat von Lawrence ist seine Antwort.

Aber Boyle wäre nicht Boyle, wenn es ihm nicht gelänge, seinen Einblick in das tiefste Wesen seiner Landsleute in eine faszinierende Story zu verpacken. Und er wählt für dieses Buch auch nicht ein echtes Vorbild für einen Radikalisierten wie etwa Timothy McVeigh, den Oklahoma-Bomber, sondern eine fiktionale Gestalt, was ihm – und dem Leser – eine subtilere Annäherung erleichtert.

Boyle wollte wohl vermeiden, dass dem Leser dieser Adam Stenson von Anfang völlig zuwider ist. Oder dass man Sara bloss als Spinnerin abtut. Denn obwohl sie beide Aussenseiter sind, radikal in ihren Ansichten und Überzeugungen, liegen sie ja im Kern nicht ganz falsch. Sie wehren sich gegen zunehmende Kontrolle im «Land of the Free» und im «Home of the Brave», sie hassen es, dass die Natur vor die Hunde geht. Und bei Adam schwingt immer auch die Ablehnung gegenüber Fremden mit, vor allem den Chinesen. Für ihn sind sie alle «Aliens».

Amerikaner und Autoritäten

Natürlich ist das paranoid, natürlich ist dieser Drogenkopf Adam Stenson hochgradig gestört, und natürlich muss man ihn, als er aus seinem Wahn heraus zum kaltblütigen Mörder wird, jagen. Aber, und das macht Boyle raffiniert, wie hält es denn der Amerikaner wirklich mit Autoritäten? «Live Free or Die» steht auf den Autokennzeichen im ­Neuengland-Staat New Hampshire. Das Recht auf Waffenbesitz und Selbstverteidigung ist den Rednecks in den Südstaaten genauso heilig wie den Cowboys in Wyoming ihre Flinte. Da scheisst man auf die «Liberals» in New York oder Washington oder Boston, verweichlicht, wie die sind.

Noch einmal: Was ist der Amerikaner? Hart, einzelgängerisch und ein Mörder. Brillant deshalb dieser Prolog in der Karibik, der die ganze Doppel­moral aufzeigt: Bringt der Amerikaner irgendeinen jungen einheimischen Dunkelhäutigen um, wird er als Held gefeiert. Greift der Kalifornier die Mexikaner an, die in den kalifornischen Wäldern illegal Hanf anbauen, ist das sein gutes Recht. Dieses sozusagen verbriefte Recht auf Gewalt muss nur dann gesühnt werden, wenn ihm die eigenen Leute zum Opfer fallen.

Einwanderer und Eroberer

Boyle versteckt seine Betrachtung über das Wesen des Amerikaners, über dessen Wurzeln als Eroberer und Landnehmender, in eine Geschichte, die sich zügig lesen lässt, die in 13 Teile und 39 Kapitel gegliedert ist und nicht zuletzt deshalb einen schönen Rhythmus hat, weil der Autor die Perspektiven zwischen Sten, Adam und Sara von Teil zu Teil wechselt.

Die Liebes­geschichte der beiden Aussenseiter, die so grundsätzlich mit dem System abgeschlossen haben, gibt dem Roman Tiefgang, Gefühl, Erotik. Boyle wertet nicht, er ­verurteilt seine Figuren nicht, er beschreibt. Es ist also schwer, für Adam und Sara gar kein Verständnis aufzubringen, sie so radikal abzulehnen, wie sie die herrschende Gesellschaft ablehnen. Das ist an sich schon eine ­Wertung.

Man kann «Hart auf hart» auch als aktuelle Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Radikalisierung lesen, auch wenn es nie um Religion geht. Vor allem aber zeigt das Buch die dünne Decke der Zivilisation, die der Amerikaner sich umhängt, darunter ist Colter, der Mann aus dem Wilden Westen.

(Basler Zeitung)

(Erstellt: 03.02.2015, 17:01 Uhr)

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Hart auf hart
T.C.Boyle

­Hanser, Berlin ­2015, 396 Seiten, ca. 26 Fr.

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