Ein Dichter erntet Sturm der Entrüstung

«Irritierend», «abscheulich», «antisemitisch»: Selten hat ein Gedicht die Wogen derart hochgehen lassen wie das neue Werk von Günter Grass. Nun hat die Debatte gar den deutschen Bundestag erreicht.

Hält sich bisher mit einer Stellungnahme zurück: Günter Grass.

Hält sich bisher mit einer Stellungnahme zurück: Günter Grass. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Schon lange hat kein literarisches Werk mehr für so viel Aufsehen gesorgt wie das neue Gedicht von Günter Grass zum Atomkonflikt mit dem Iran. Der Nobelpreisträger attackiert darin den Staat Israel. «Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden», schreibt Grass. Zudem kritisiert er die deutsche Aussenpolitik.

Der Direktor des als Nazijäger bekannt gewordenen Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem, Efraim Zuroff, hat empört auf das Gedicht reagiert. Es sei «abscheulich», sagte er. Es scheine ein Zeichen dafür zu sein, dass Israel «zum Prügelknaben für die Frustrationen derjenigen wird, die es leid sind, über den Holocaust zu hören».

Das Gedicht trägt den Titel «Was gesagt werden muss». Veröffentlicht wurde es in den jeweiligen Mittwochausgaben der «Süddeutschen Zeitung», der «New York Times» und von «La Repubblica». In einer weiteren Passage des Gedichtes heisst es zu Israel, das Land habe «ein wachsend nukleares Potenzial verfügbar», das jedoch geheim gehalten und nicht kontrolliert werde.

Grass kritisiert U-Boot-Geschäft mit Israel

Grass stellt in seinem jüngsten Werk zudem infrage, ob der Iran tatsächlich über eine Atombombe verfügt. Der Bau einer solchen Waffe werde nur «vermutet». In diesem Zusammenhang kritisiert er auch die Position Deutschlands: «Mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert», schreibt Grass, solle ein weiteres U-Boot nach Israel geliefert werden, «dessen Spezialität darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu können, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist».

Schon kurz nach der Veröffentlichung stiessen die Verszeilen grösstenteils auf Empörung. Die Bundesregierung blieb indes demonstrativ gelassen. «Es gilt in Deutschland die Freiheit der Kunst, und es gilt glücklicherweise auch die Freiheit der Bundesregierung, sich nicht zu jeder künstlerischen Hervorbringung äussern zu müssen», sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin. Grass selbst lehnte eine Rechtfertigung vorerst ab.

Die israelische Botschaft in Berlin wies die Anwürfe des Literaturnobelpreisträgers zurück: Israel sei der einzige Staat auf der Welt, dessen Existenzrecht öffentlich angezweifelt werde, hiess es in einer Erklärung des Gesandten Emmanuel Nahshon. Die Israelis wollten in Frieden mit den Nachbarn in der Region leben. Sein Land sei «nicht bereit, die Rolle zu übernehmen, die Günter Grass uns bei der Vergangenheitsbewältigung des deutschen Volkes zuweist», betonte Nahshon. Auch das American Jewish Committee zeigte sich «entsetzt über Günter Grass' neuerlichen Versuch, Israel zu delegitimieren».

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, nannte das Gedicht ein «Hasspamphlet». Grass schiebe Israel die Verantwortung für eine Gefährdung des Weltfriedens zu, kritisierte Graumann. Auch die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, warf dem Schriftsteller ein «durchschaubares Schmierentheater» vor.

Publizist Broder nennt den Dichter Antisemiten

Der Publizist Henryk M. Broder nennt Günter Grass in einem Beitrag für die Tageszeitung «Die Welt» einen «Prototyp des gebildeten Antisemiten». Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki zog es vor, zu dem Gedicht von Grass zu schweigen: «Ich werde mich nicht über Grass äussern», sagte er der DAPD.

Die Debatte erreichte auch den Bundestag: Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Ruprecht Polenz, distanzierte sich klar von dem jüngsten Werk des Schriftstellers. «Das Gedicht gefällt mir nicht», sagte er der «Mitteldeutschen Zeitung» (Donnerstagausgabe). Der CDU-Politiker kritisierte, die einseitige Schuldzuweisung an Israel sei falsch. «Das Land, das uns Sorgen bereitet, ist der Iran. Davon lenkt sein Gedicht ab.»

Auch von den Grünen hagelte es Kritik. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles sagte «Spiegel online», sie schätze Grass sehr – «aber das Gedicht empfinde ich vor dem Hintergrund der politischen Lage im Nahen Osten als irritierend und unangemessen». Der Abgeordnete Wolfgang Gehrcke (Linke) vertrat hingegen die Meinung, Grass habe «den Mut auszusprechen, was weithin verschwiegen wurde». (mrs/dapd)

(Erstellt: 04.04.2012, 23:51 Uhr)

Artikel zum Thema

So schlimm ist es gar nicht mit den Muslimen

FAZ-Feuilletonchef Patrick Bahners hat sich die «Panikmacher» vorgenommen. Darunter versteht er alle, die in der Einwanderung von Muslimen ein Problem sehen. Mehr...

«Ich klage an»

Eine 46 Jahre zurückliegende Skandal-Rede von Günter Grass ist als Hörbuch veröffentlicht worden. Der Autor hielt sie damals unter Polizeischutz. Mehr...

Nobelpreisträger wegen Holocaust-Äusserung kritisiert

Der Direktor des Jüdischen Museums in Berlin, Michael Blumenthal, greift Günter Grass wegen einer Bemerkung über den Zweiten Weltkrieg an. Mehr...

Werbung

Die Welt in Bildern

Festgesunken: Holländische Retter bringen einen Mann im Hafen von Harlingen in Sicherheit. Das Boot sank in Folge des ersten Sturmes der Saison (22. Oktober 2014).
(Bild: Catrinus van der Veen) Mehr...