Kultur

Ein Leben zwischen hingebungsvoller Lust und Selbstbestimmung

Isolde Schaads erotischer Entwicklungsroman «Robinson und Julia» ist auch eine Hommage an Simone de Beauvoir.

Isolde Schaad: Robinson und Julia. Limmat-Verlag, Zürich 2010. 366 S., ca. 40 Fr.

Isolde Schaad: Robinson und Julia. Limmat-Verlag, Zürich 2010. 366 S., ca. 40 Fr.

Die Sache mit dem Feminismus ist noch nicht vorbei, lernen wir aus Isolde Schaads neuem Roman «Robinson und Julia». Solange es erotische Verwicklungen gibt, die auch den standhaftesten Anhängerinnen der grossen Simone («man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht») die Füsse unter dem Boden wegziehen, solange die Frage nach dem Verhältnis zwischen Eros und Intellekt, Selbstbestimmung und Hingabe nicht geklärt ist, müssen die Werke der Beauvoir immer neu gelesen werden.

Theorie und Praxis der Liebe

Zum Beispiel in der Frauengruppe von Eva, der Protagonistin von «Robinson und Julia». Schon in jungen Jahren hat die Zürcher Künstlerin als zeitweilige Geliebte Jean-Paul Sartres erfahren, dass Theorie und Praxis in Liebesdingen auseinanderklaffen. Doch konnte sie damals noch nicht ahnen, dass ihre Ehe ohne Trauschein mit Adam durch das Auftauchen einer grossen, sprachmächtigen Che-Verehrerin namens Claps ins Ungleichgewicht geraten würde. Was sich für Eva, Theorie hin oder her, als Verstossensein anfühlt, ist für Adam ein harmonisches Dreieck. Er liebt beide Frauen und sieht nicht ein, warum er auf eine verzichten soll. Wie leben als Frau zwischen hingebungsvoller Lust und konzentrierter Selbstbestimmung? Im Lauf ihrer «éducation sentimentale» wird Eva von der Frau, die in einem Atemzug mit Adam genannt wird, zu Eva Müller, Restauratorin und Künstlerin, selbstbestimmt.

Isolde Schaad hat Witz und Biss beim Schreiben, einen gnadenlosen Blick und eine scharfe Zunge. Die Autorin verfolgt das Schicksal ihrer Geschlechtsgenossinnen mit einer Mischung aus Empathie und analytisch-selbstironischer Distanz.

Nichts da mit Opferhaltung

Ihre Männerfiguren sind nicht die bösen Ausbeuter, sondern grosse Jungen mit einer Neigung zur Naivität und zum Genie, was das erotische Begehren bei Schaads Frauenfiguren erst so richtig anfacht. Die Frauenfiguren sind keine Opfer, sondern hochgradig erotische Wesen, die bei aller Kritik nicht bereit sind, die sexuelle Revolution sang- und klanglos zu begraben.

Isolde Schaad bedient sich an der Sprache, die sie vorfindet: Sie verfügt – das ist vielleicht ihre grösste Qualität als Autorin – über eine aussergewöhnliche Hellhörigkeit für Sprachregister, Dialekte, Soziolekte und die Energie, die in der Wortwahl steckt; je nachdem, ob der Mensch das Wort wählt oder das Wort den Menschen. Damit spielt sie, zündet immer wieder kleine Feuerwerke in einem Text, der insgesamt zu dicht und zu sehr auf die Sprache konzentriert ist, als dass der Plot über die 360 Seiten tragen würde. Im Einzelnen sind die Dialoge, die sozialkritischen Satiren, die Gefühlsausbrüche aber doch wieder so treffend geschrieben, dass man die langfädigen Passagen sofort wieder vergisst.

Fast 300 Seiten lang dauert es, bis Eva Müller sich ein Herz fasst und ihren von Beauvoir bis Marx geschulten Intellekt dazu bringt, mit dem rückständigen, archaisch leidenden Herz zusammenzuarbeiten. Eines der witzigsten Kapitel ist der Beschreibung des Versuchs gewidmet, bei den Kulturanthropologen in Paris eine theoretische Basis dafür zu finden, dass Eros und Intellekt nicht im Widerspruch zueinander stehen. Mit ihrem Verständnis von Sozialgeschichte schockiert Eva Müller die akademischen Herren aber zutiefst: «Wenn wir davon ausgehen, dass die gebildetsten Kurtisanen am französischen Hof auch die unverfrorensten Liebestalente waren. Ein faszinierender Forschungsansatz, was?» Stoff zum Weiterforschen für Eva und ihre Schöpferin ist weiterhin im Übermass vorhanden.

Buchvernissage morgen Mittwoch, 17. März, 20 Uhr, Literaturhaus Zürich. Moderation: Hans-Ulrich Probst. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.03.2010, 06:48 Uhr

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