Ein Preis mitten in der Missbrauchsdebatte
«Zeuge des freien und kritischen Wortes»: Thomas Hürlimann. (Bild: Keystone)
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Der Autor Thomas Hürlimann, die Literaturkritikerin Beatrice Eichmann-Leutenegger und der Theologe Karl-Josef Kuschel haben am Sonntag in Luzern den mit je 15'000 Franken dotierten Preis der Herbert-Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche erhalten.
Mit den Preisen werden «Zeugen des freien und kritischen Wortes» ausgezeichnet, die dafür einstehen, «dass die Freiheit des Wortes auch dort gelten muss, wo es um Glaube und Kirche geht und wo entscheidende Fragen der Moderne, um die keine Religion herumkommt, zur Debatte stehen».
Der Jähzorn des Lehrers
Das derzeit am meisten debattierte Thema - die von der katholischen Kirche lange verschleierten Missbräuche von Kindern und Jugendlichen durch Kirchenleuten - wurde fast von allen Rednern angesprochen, allerdings nur diskret.
Thomas Hürlimann, einst Schüler in der ebenfalls inkriminierten Klosterschule Einsiedeln, erzählte im Rahmen einer hochliterarischen «religiösen Biografie» eine kleine Episode von Misshandlung: Bei einer Testbeichte im Schulunterricht erregte er den Jähzorn eines Lehrers, als er fabulierte, er habe drei Mal die Bäckersgattin begehrt.
«Flut der Schauernachrichten»
Hürlimanns Laudator, der Regisseur Volker Hesse, empfahl darauf, sobald man ob der Flut an «Schauernachrichten» über die Untaten von «schwarzen Pädagogen» zu ermüden drohe, solle man doch lieber Hürlimanns «40 Rosen» lesen: Da lerne man mehr über die «Not der Kirchenvertreter mit der Sexualität» als aus den Medien.
Einen Satz, den man als Seitenhieb auf den von Opfern als ungenügend empfundenen neuesten Hirtenbrief des Papsts verstehen konnte, zitierte Preisträgerin Beatrice Eichmann-Leutenegger: «Je näher bei Rom, desto unheiliger der Christ», habe ihr Vater immer gesagt.
Küng fordert Schuldeingeständnis des Papstes
Die Stiftung feiert dieses Jahr ihr 25-jähriges Bestehen, wie deren Präsident Hans Küng in seiner Einführung erinnerte. Zu den Missbrauchsvorwürfen wollte er nicht Stellung nehmen sondern verwies auf am Ausgang aufliegende Zeitungsartikel, in denen er sich dazu geäussert hatte.
Küng fordert unter anderem von Papst Benedikt XVI. ein persönliches Schuldeingeständnis für den Kindsmissbrauch in der katholischen Kirche. Als Präfekt der Glaubenskongregation habe Joseph Ratzinger 2001 dafür gesorgt, dass alle Missbrauchsfälle unter päpstliche Geheimhaltung gestellt wurden. Das hatte Küng am Sonntag auch der Tagesschau des «Schweizer Fernsehens» gesagt.
Ausserdem forderte der gebürtige Innerschweizer wiederholt die Abschaffung des Zölibats als Mitursache sexueller Verfehlung von Kirchenleuten. Die Bibel erlaubt Kirchenführern ausdrücklich die Ehe. Das Gesetz der Ehelosigkeit wurde erst im 11. Jahrhundert gegen den Widerstand des Klerus Gesetz.
«Welttheater der Gegenwart»
Thomas Hürlimann wurde von der Haag-Stiftung «für seine radikale Auseinandersetzung mit den grossen Fragen des Menschseins und der Erlösung und für seine Ausdeutung der hergebrachten Bilder in das konfliktreiche Welttheater der Gegenwart» geehrt, wie es in der Widmungsurkunde heisst.
Beatrice Eichmann-Leutenegger wurde gewürdigt als eine Publizistin, die «jenen geistigen Prozess aufschlüsselt, der Leitbild sein muss auch für die Eigenständigkeit und Freiheit des Wortes von Theologinnen und Theologen».
Karl-Josef Kuschel, Professor für die Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs an der Universität Tübingen, wurde «für seine gewissenhafte Auseinandersetzung mit dem Christentum und dessen Verhältnis zur Dichtung und zu anderen Religionen» gelobt. (oku/sda)
Erstellt: 21.03.2010, 20:54 Uhr












