Ein Weg zu Sinn und Glück ohne Gott ist möglich

Michael Schmidt-Salomon gilt als Vordenker eines neuen humanistischen Atheismus. Dass er kürzlich in der Schweiz die Säle füllte, zeigt: Er befriedigt ein weit verbreitetes Bedürfnis.

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In weltanschaulichen Talkshows ist Michael Schmidt-Salomon oft der Quotenatheist. In den deutschen Medien gilt er als Sprachrohr des neuen Atheismus. In der Schweiz hat er neulich auf einer Vortragsreise ein grosses Publikum angezogen. Der studierte Erziehungswissenschaftler, Jahrgang 1967, bezeichnet sich als evolutionären Humanisten, sein «Manifest des evolutionären Humanismus» hat ihn bekannt gemacht. Und er bedient keineswegs das Klischee vom Hardcore-Atheisten, wenn er dazu ermuntert, aus den religiösen Schatzkammern das Lebensdienliche zu übernehmen.

Doch gefeit ist auch er nicht vor der Versuchung, Gott als Popanz darzustellen, von dem selbst Gläubige sagen: Nein, an einen solchen Gott glauben wir nicht. Für Schmidt-Salomon gehört die Zukunft der Religion eben nicht den weltoffenen Theologen wie Hans Küng und Eugen Drewermann. «Die wirklich funktionierende Religion der Zukunft ist fundamentalistisch. Wir laufen auf ein Jahrhundert der weltweiten Religionskriege zu», prophezeit er im Gespräch mit dem TA. Und er glaubt einen weltweiten Trend zu erkennen. «Je liberaler eine Glaubensgemeinschaft ist, desto eher verliert sie ihre Anhänger; je fundamentalistischer sie ist, desto eher hat sie Zuwachs.»

Heidenspass statt Höllenqual

Deshalb sieht es der 41-Jährige, den man äusserlich eher für einen Barden und Poeten als für einen streng rationalistischen Philosophen halten würde, als seine Lebensaufgabe an, Humanismus und Aufklärung zu stärken. Er tut das als Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, einer «Denkfabrik» für Humanismus und Aufklärung im deutschen Sprachraum. «Wir wollen nicht bei der reinen Religionskritik stehen bleiben», so Schmidt- Salomon, «sondern eine sinnvolle Alternative entwickeln», also einen Weg zu Glück und Sinn ohne Gott.

So lancierte er am Weltjugendtag mit Papst Benedikt in Köln eine «religionsfreie Zone» mit der Gegenveranstaltung «Heidenspass statt Höllenqual». Nicht nur für seine zwei biologischen und drei sozialen Kinder, mit denen er, zusammen mit drei weiteren Erwachsenen, in der Eifel lebt, hat er das Bilderbuch «Wo bitte gehts zu Gott, fragte das kleine Ferkel» verfasst. Religionskritik im Kinderzimmer: Das verursachte einen gewaltigen Wirbel in Deutschland und veranlasste das Familienministerium von Ursula von der Leyen, das Kinderbuch als «jugendgefährdende Schrift» indizieren zu lassen. Der Antrag wurde aber abgelehnt.

Eine noch grössere Provokation ist der Zentralrat der Ex-Muslime, den Schmidt-Salomon mitbegründet hat und der iranische Medien behaupten liess, er sei ein Agent des Mossad. Der Zentralrat hat die Islamkritik nicht nur verändert, indem er einen dritten Weg zwischen Multikulti-Ideologie und der Vision einer christlichen Leitkultur propagiert.

Schmidt-Salomon glaubt, dass Denker wie Mina Ahadi (die Vorsitzende des Zentralrates), Salman Rushdie oder Ayaan Hirsi Ali diese dritte Kraft vorantreiben, die aufklärerisch-islamkritisch, aber nicht muslimfeindlich ist. «Auch das aufgeklärte Christentum bedurfte der Ex-Christen wie Nietzsche, Freud, Marx, Feuerbach oder Deschner, damit es einen Küng, einen Drewermann oder eine Sölle gibt.» Ihn selbst, der früher mal mit dem Theologiestudium liebäugelte, überzeugten eines Tages auch Drewermann und Küng nicht mehr. Er sah hinter der Begrifflichkeit progressiver Theologen keine realen Glaubensinhalte mehr.

Dieses «Christentum light», das alles symbolisch versteht, macht für ihn Begriffe wie Hölle oder Auferstehung zu Leerformeln. «Die Erlösungstat ohne Voraussetzung von Hölle und Teufel ist so sinnlos wie ein Elfmeterschiessen ohne gegnerische Mannschaft. Wenn Teufel und Hölle nicht mehr als Antagonisten des Helden antreten, macht sich dieser selber überflüssig.»

Schmidt-Salomon gehört nicht zu den Atheisten, die als Kind von der Kirche traumatisiert wurden. Aufgewachsen in einem liberal-katholischen Elternhaus in Trier, hatte er schon mit 16 Nietzsche, Schopenhauer, Marx und Freud gelesen. Er sagt, sich von Jürgen Habermas abgrenzend: «Ich bin religiös hochmusikalisch.» Deswegen aber habe er Mühe mit der Kakofonie. Was als Religion angeboten wird, erscheint ihm als Kitsch. Die wissenschaftliche Erzählung der Evolutionsbiologie überzeugt ihn weit mehr als der «Backe-Backe-Kuchen-Schöpfungsmythos der Bibel».

Ja, der Gedanke, dass wir alle einen Milliarden Jahre alten Lebenskeim in uns tragen, hat für ihn mystische Qualität. Enthusiastisch schildert er seine eigenen mystischen Erfahrungen, in denen Raum und Zeit, die Subjekt-Objekt-Spaltung und alle Ich-Fixiertheit aufgehoben scheinen. Nur bezeichnet er das als Hirnzustand.

In seinem nächsten Buch, «Die Erlösung von dem Bösen. Warum wir unschuldig sind», wird es ein Kapitel über rationale Mystik geben. Bei der Evolutionsbiologie und Hirnforschung anknüpfend, schlägt er den Bogen zum Zen-Buddhismus oder zur Mystik eines Meister Eckhart. Der kritische Rationalist entfaltet seinen evolutionären Humanismus. Er nimmt die von Freud diagnostizierten fundamentalen Kränkungen der Menschheit ernst: Der Mensch steht nicht im Zentrum des Universums. Er ist eine kleine überspannte Tierart, eine vorübergehende Spezies.

Diese bescheidene Weltanschauung führt Schmidt-Salomon zu einer existenziellen Gelassenheit, die ihn von Erwartungen wie der Unsterblichkeit befreit: «Die schönste Paradiesvorstellung ist nach 10 Millionen Jahren etwas Schreckliches. Man würde den Schöpfer, wenn es ihn denn gäbe, auf Knien anflehen, endlich sterben zu dürfen.»

Für ein besseres Diesseits

Für den Naturalisten gibt erst die Endlichkeit dem Leben Bedeutung: «Wir können uns ein viel besseres Diesseits schaffen, wenn wir uns nicht ständig ins Jenseits fortlügen.» Darum ist Entzauberung sein Programm. Was die evangelische Theologie im 19. Jahrhundert mit der Bibel gemacht hat, müssten wir mit uns selber machen: Fort mit Mythen, fort mit Göttern, Geistern und Dämonen! Schmidt- Salomon bläst in «Die Erlösung von dem Bösen» zu einem universellen Exorzismus.

Und er glaubt damit die Schablonen von Gut und Böse zu revolutionieren: Die Selbstüberschätzung der menschlichen Spezies manifestiere sich auch in der Überheblichkeit gewisser – auch nichtreligiöser – Gruppen, die angeblich aus Freiheit das Gute wählen, die sich besser finden als andere und die diese als Agenten des Bösen abqualifizieren, sie in Konzentrationslager und Gulags stecken. Es ist diese fundamentalistische Versuchung, die der Aufklärer überwinden will.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 19.02.2009, 19:43 Uhr)

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