Kultur

Ein neunjähriges Mädchen kostet 100 Dollar

Von Alexandra Kedves. Aktualisiert am 08.01.2009 3 Kommentare

Zwischen 12 und 200 Millionen Sklaven gibt es heute weltweit, je nach Zählmethode. Eine Reportage zeigt nun erschreckende Details auf.

Das Buch

Benjamin Skinner: Menschenhandel. Sklaverei im 21. Jahrhundert. Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer. Luebbe. 412 S., ca. 37 Fr.

Bill steht um fünf Uhr morgens auf, wischt den Boden, kehrt den Hof und setzt das Wasser auf. Er füttert das Schwein, jätet die Beete, und schläft auf dem Boden. Als Mahlzeit kriegt er jeweils eine Hand voll Reste. Bill ist 7 und lebt in Haiti.

Muong sät und erntet Getreide, das er nicht essen darf. Er trägt so grosse Wassermengen, dass sein Rücken kaputtgeht. Er hütet Ziegen und Kühe, sammelt Feuerholz, macht die Hausarbeit, wird geschlagen. Muong ist 12 und lebt im Sudan.

Das Mädchen ohne Namen wird pro Nacht 5- bis 20-mal zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Durchs T-Shirt sieht man Schnittwunden, und die tränenverschmierte Schminke kaschiert nicht, dass die junge Frau am Downsyndrom leidet - und am Leben. Für 2000 Euro ist sie zu haben: «Keine Spielregeln. Was du willst. Für zwei Monate», sagt ihr Besitzer. Sie ist 28 und lebt in Rumänien.

Drei Schicksale stehen für Millionen

Diese drei Schicksale stehen für Millionen. Aufgeschrieben hat sie der US-Journalist Benjamin Skinner, der in den vergangenen fünf Jahren über 100 Interviews mit Sklaven, Menschenhändlern und Entkommenen geführt hat. In zwölf Ländern auf vier Kontinenten hat er recherchiert und, ein einziges Mal, auch interveniert. In Haiti hat man ihm eine Neunjährige für Hausarbeit und Sex verkaufen wollen, Preis 100 Dollar. Man nennt so ein Mädchen (oder einen Buben) für alles ein «Restavec», verbrämt die Sache als soziale Wohltat - und meint Sklaverei. In der Türkei wiederum wurden Skinner gleich ein Dutzend Frauen aus Moldawien und der Ukraine zum Kauf angeboten - ganz ohne Verbrämung.

Jetzt hat er ein aufrüttelndes Buch zusammengestellt, das auf Deutsch unter dem Titel «Menschenhandel» erschienen ist. Es bestätigt, was etwa die Nichtregierungsorganisation Free the Slaves am 2. Dezember, dem Internationalen Tag der Abschaffung der Sklaverei, in trockenen Zahlen rapportiert hat: Nie gab es mehr Sklaven als heute - Menschen, die mit Drohungen und Gewalt zur Arbeit gezwungen werden, keine Bezahlung erhalten und nicht davonlaufen können. Und es gibt sie überall: 24 Millionen in Asien, 1,3 Millionen in Lateinamerika und der Karibik, 1 Million in Afrika und dem Mittleren Osten, einige Hunderttausend in Europa und Eurasien sowie mehr als 50'000 in den USA. Skinner räumt ein, dass die Zahlen umstritten sind. So zählten die Vereinten Nationen 2006 «nur» 12 Millionen Sklaven; wer hingegen auch die mager entlöhnte, «freiwillige» Kinderarbeit mitrechnet, muss auf weit über 200 Millionen nach oben korrigieren.

Ausbeutung oft im Verborgenen

Aber Skinner gehts ohnehin nicht um Statistik, sondern um die Sensibilisierung für die Formen moderner Sklaverei, die oft im Verborgenen stattfindet; und, zuallererst, um die Menschen und ihre Geschichten - Geschichten, die es im 21. Jahrhundert gar nicht mehr geben dürfte. Schliesslich wurde die erste Abschaffungsinitiative 1787 ins Leben gerufen, und Artikel 4 der Internationalen Erklärung der Menschenrechte hält seit 1948 fest: «Sklaverei und Sklavenhandel sind in allen Formen verboten.» Skinners Vorfahren hatten sich im US-Bürgerkrieg für die Abschaffung der Sklaverei stark gemacht. Es war ein Schock für ihn, als er 2003 auf einer Reise für «Newsweek International» im Sudan einen jungen Mann kennen lernte, gleich alt wie er, 27, der keine Jugend gekannt hatte, sondern nur Gewalt und Plackerei; der voller Narben war und ein Analphabet - aber endlich frei: Muong.

Am Beispiel Sudan zeichnet Skinner nach, wie es zur kaum verdeckten, staatlich tolerierten oder gar geförderten Sklaverei kommen kann. Mit der Entdeckung der Ölfelder im Südsudan in den 1980er-Jahren flammte der Bürgerkrieg zwischen den arabischstämmigen Muslimen aus dem Norden und den schwarzafrikanischen, nicht muslimischen Dinka aus dem Süden wieder auf. Nordsudanesische Milizen haben Tausende Dinka verschleppt. Die Männer wurden erschlagen, die Frauen für Hausarbeit und Sex versklavt, die Kinder - die oft auch vergewaltigt wurden - für Stallarbeit. Sklaverei und Genozid gingen Hand in Hand. Und eine internationale politische Verurteilung solcher Praktiken zu erreichen, geschweige denn ein gemeinsames politisches Handeln, erscheint fast als Ding der Unmöglichkeit.

Der oberste Sklavenbefreier

Detailliert beschreibt der Reporter etwa die Bemühungen von John Miller - der von 2002 bis 2006 als oberster Sklavenbefreier der USA amtete. Manchmal ist das zu detailliert, liest sich wie ein Mix aus Politkrimi und psychologischer Studie und gerät dabei auf Nebenschauplätze des Themas. Dass Skinner solche Umwege unterlaufen, liegt freilich am journalistischen Temperament: Jedes der zehn Kapitel zoomt, bei allem Faktenreichtum, auf die persönliche Story seiner Interviewpartner. Skinners Stärke ist die Schilderung von Menschen und Lebensumständen.

Wenn er etwa die Folgen der unseligen Vermischung von traditioneller Kultur, Kolonialgeschichte und Globalisierung in Indien skizziert, zitiert er nicht nur Experten. Sondern er verbringt eine lange Zeit mit Gonoo und seiner Familie und nimmt uns dabei mit. Gonoos ganzes Leben hat sich auf 250 Metern rund um eine Kiesgrube abgespielt. Seine Hände sind verhärtete Schaufeln und von Arthrose verkrümmt, zwei Finger sind futsch; Gonoos Frau macht die Grubenarbeit todkrank, eins seiner Kinder - die er nicht vor der Arbeit bewahren kann - stirbt. 62 US-Cent hatte sich Gonoos Grossvater 1958 vom Besitzer eines Bauernhofes geliehen, um die kleine Mitgift für Gonoos Mutter zu bezahlen: «Drei Generationen und drei Besitzer später lebte die Familie noch immer in Sklaverei.»

In Indien wie überall ist die Leibeigenschaft verboten, und dennoch ist sie gang und gäbe. Dass offizielle Stellen dies leugnen - wie Skinner belegt -, gehört zum Geschäft. Und Sklavenhandel wie Sklavenhaltung sind ein gutes Geschäft, trotz zahlreicher Anti-Sklaverei-Abkommen und Verträge gegen ausbeuterische Arbeitsverhältnisse.

Lösbar im Laufe einer Generation

Meist ist es die Armut, nicht «die Kultur», die Eltern ihre Kinder verkaufen lässt oder Erwachsene ihre Freiheit und ihr Recht auf Lohn. Bisweilen nehmen sie auch einen Job an, der sich unerwartet als Gefängnis und Folter entpuppt - wie manche junge Frau aus dem Osten oder mancher nach Dubai eingeflogene Bauarbeiter.

Viele Politiker meinen daher, erst mit dem Ende der Armut komme das Ende der Sklaverei und legen die Hände in den Schoss. Skinner dagegen glaubt, dass das Problem im Laufe einer Generation lösbar sei. Seine Stichworte: Krankenversicherung für alle, sodass die Verschuldung wegen Krankheit aufhört; kostenlose Schulbildung für alle, damit die Kinder nicht auf falsche Versprechen hin weggegeben werden; Landrechte und Mikrokredite für geknechtete Landarbeiter; strikte internationale Kontrollen und Sanktionen. Er ruft nach sozialverantwortlichen Unternehmern und kritischen, engagierten Konsumenten. «Wir sind alle gefordert.» Recht hat er. Rufen wird er wohl trotzdem vergeblich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.01.2009, 08:04 Uhr

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3 Kommentare

Heidi Müller

08.01.2009, 11:28 Uhr
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Im Sudan kostest ein Slake EUR 25. ... ... Und hier bringen sich die Geldsklaven selber weil ihr Überflüss nicht mehr ganz so gross ist... Antworten


M. Pasefika

08.01.2009, 16:27 Uhr
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... nicht Krankenversicherung für alle - sondern kostenfreie Gesundheitsversorgung für alle wären gefordert. Krankenversicherungen können sich die Einwohner der meisten Ländern um den Globus nicht leisten - da nützt auch eine Zwangsversicherung wie in der Schweiz nichts. Im Pazifik/in Samoa ist ärztliche Versorung bei Unfall oder Krankheit in den Spitälern nahezu kostenfrei und von guter Qualität. Antworten