Ein wandelndes Konversationslexikon

Universalgelehrter, Bestsellerautor, ewiges Kind: Zum Tode von Umberto Eco.

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Die Bibliothek war Umberto Ecos Pompeji: archäologische Grabungsstätte, Schatzkammer und Mysterium, der heilige «Ort eines säkularen Gewispers, eines unhörbaren Dialogs zwischen Pergament und Pergament», kurz: die einzig angemessene Heimat für ebenso wissbegierige wie gesellige Geister. Ecos Mailänder Privatbibliothek umfasste 50'000 Bücher, und nur wenn er mehrmals täglich den siebzig Meter langen Bücherflur abschritt, fühlte er sich zu Hause.

In «Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana», seinem wohl autobiografischsten Roman, verliert der piemontesische Antiquar Yambo Bodoni im Koma die Hälfte seines Gedächtnisses. Der Büchernarr weiss alles über Alexander den Grossen, aber nichts über seinen Enkel; er kennt die ganze Weltliteratur, aber nicht einmal mehr den Namen seiner Frau, und so muss er sich seine Erinnerungen und seine Identität erst wieder mühsam aus seinen Kinderbüchern, Comics und Groschenheften auf dem Dachboden zusammensetzen.

Bis in die Niederungen der italienischen Politik

Yambo ist natürlich ein Alter Ego seines Erfinders, aber im Gegensatz zu dem «sterilen Genie» mit dem Gedächtnis aus Papier war Eco kein weltfremder Kauz. Als leidenschaftlicher Sammler, Leser und Autor von Büchern fühlte er sich in allen Epochen und Sphären von Kultur, Literatur und Philosophie wohl: Er konnte über kabbalistische Mythen, Platons Höhlengleichnis oder Hegels Rechtsphilosophie so kenntnisreich und anregend schreiben wie über Superman, Fussball oder die Niederungen der italienischen Politik.

Am 5.Januar 1932 in Alessandria geboren, hatte er gegen den Willen seines Vaters, eines Buchhalters, Philosophie und Literaturgeschichte statt Jura studiert und mit einer Arbeit über Thomas von Aquins Ästhetik promoviert. Eco arbeitete als Kulturredakteur beim Fernsehen und als Lektor in einem Sachbuchverlag, ehe er 1975 Professor für Zeichentheorie und Ästhetik wurde. Erst mit fast fünfzig Jahren begann er Romane zu schreiben; noch mit achtzig hielt er sich für einen «relativ jungen und entwicklungsfähigen Schriftsteller».

Seine grösste Angst

Sein quälendster Albtraum, bekannte Eco einmal in einem Interview, sei, dass er zu spät komme und der Zug ohne ihn abfahre. Im wirklichen Leben bestand diese Gefahr kaum je. Als umtriebiger Intellektueller, «Bestsellerprofessor» und «Pavarotti der Semiotik» pendelte er zeitlebens atemraubend leicht und schnell zwischen U- und E-Kultur, alten und neuen Medien, Wissenschaft, Journalismus und schöner Literatur. Er war ein Bibliophiler, der noch an die «grosse Zukunft» des gedruckten Buches glaubte, als er selber schon eine Internetzeitschrift herausgab, ein Superprofessor mit 37 Ehrendoktortiteln, aber er versteckte sich nie im akademischen Elfenbeinturm. Im Gegenteil: Eco liess kaum eine Talkshow, Petition oder Demonstration aus, um seine Meinung kundzutun; gern auch zu Silvio Berlusconi, dessen Bunga-Bunga-Philosophie ihm als Inbegriff des italienischen Schlendrians erschien.

Umberto Eco war so unfassbar geistes- und allgegenwärtig und produktiv, dass man manchmal geneigt war, ihn eher für eine vielköpfige Denkfabrik oder eine mittelgrosse Privatuniversität als für ein Individuum zu halten.

Über Gott und die Welt

Eco schrieb Bücher über Bücher, buchstäblich Über Gott und die Welt: Glossen- und Essaysammlungen mit sprechenden Titeln wie «Platon im Stripteaselokal», «Kant und das Schnabeltier», «Derrick und die Leidenschaft für das Mittelmass», Hymnen auf die Buchkultur, dickleibige Kompendien über die Geschichte der Schönheit und der Hässlichkeit, der vollkommenen Sprache und der legendären Städte und Länder, Ratgeber für Übersetzer und Studenten («Wie man eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreibt»). Seine «Einführung in die Semiotik» wurde zum Standardwerk.

Nichts war ihm zu klein oder zu entlegen, um nicht seinen scharfen Geist daran zu wetzen: In «Die unendliche Liste» zeichnete er sogar akribisch die Geschichte der Listen von Homers Schiffskatalog bis zum Einkaufszettel nach. Wie sein neugieriger Erzbetrüger Baudolino verwandelt Eco die Geschichte von Aufklärung und Vernunft in lauter Märchen, Lügengeschichten und Abenteuer des Kopfes. Dass er dabei bis zuletzt der verspielte Junge blieb, der den Träumen, Spielen und Schundromanen seiner Kindheit die Treue hielt, machte seine monströse Gelehrsamkeit menschlich. Allerdings stand die Universalbildung seiner Belletristik oft im Wege. Eco, nach eigenem Dafürhalten ein literarischer «Amateur», schrieb das, was man im 19. Jahrhundert in Deutschland etwas abschätzig „Professorenromane“ nannte. Überhaupt wirkte er, nicht nur wegen seiner deutschen Frau, mit seiner preussischen Disziplin und Ordnungsliebe (und seinen unitalienisch schlecht sitzende Anzügen) manchmal ziemlich deutsch.

«Der Name der Rose»

Seine Romane wurden fast allesamt Weltbestseller, aber es waren doch eher barocke Wunderkammern und Wimmelbilder, geistreich collagiert aus Zitaten, kulturgeschichtlichem Material und Reflexionen, als nobelpreiswürdige Meisterwerke von hier und heute. Manchmal lesen sie sich in ihrem enzyklopädischen Furor und ihrer buchhalterischen Sprödigkeit wie die Einkaufszettel und Bibliothekskataloge eines listenreichen Doctor mirabilis der Scholastik.

Ecos erster und wohl bester Roman, «Der Name der Rose» (1980), war gleich auch sein grösster Erfolg: Der Klosterkrimi mit seinen doppelten Böden, Falltüren und Spiegeln hat das Genre des historischen Roman neu definiert – und leider auch eine Lawine konfuser Verschwörungsthriller und Schnitzeljagden à la Dan Brown losgetreten.

In Schmökern wie dem fast unlesbar esoterischen «Foucaultsche Pendel», «Die Insel des vorigen Tages», dem Schelmenroman «Baudolino», der nostalgisch-sentimental brennenden «Geheimnisvollen Flamme der Königin Loana» und zuletzt in seinem verwirrend-verworrenen Fälscherroman «Der Friedhof von Prag» verfeinerte Eco seine postmoderne Methode zunehmend und reicherte sie mit immer mehr autobiografischen Erinnerungen und selbstreferentiellen Vexierspielen an. Zuletzt setzte er sich in «Nullnummer» (2015) mit Medien und Politik im Nachkriegsitalien auseinander.

Ein wandelndes Konversationslexikon

Erzählen war für Eco immer die Fortsetzung ästhetischer und semiotischer Diskurse mit anderen Mitteln. «Wovon man nicht theoretisch sprechen kann», schrieb er einmal, «darüber muss man erzählen». So setzte er in seinem Prosawerk um, was er in frühen Essays wie «Das offene Kunstwerk» und «Lector in fabula» gefordert hatte: Fröhliche Kulturwissenschaft, souverän aus- und oft auch abschweifend.

Das literarische Kunstwerk war für Eco ein Gemeinschaftswerk von Produzenten und Rezipienten, ein ewiges Gespräch zwischen Texten, Autor und Leser. Und so schrieb er, geschult an Borges, Joyce und Italo Calvino, dann auch: Ein wandelndes Konversationslexikon, das in und mit Büchern kommuniziert. Am Freitagabend ist Umberto Eco nach langer Krebserkrankung 84-jährig gestorben. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.02.2016, 11:04 Uhr)

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