Eine Rechte gegen den Unterkiefer des Lesers

Ein Genfer Autor macht international Furore: Joël Dickers «Wahrheit über den Fall Harry Quebert» wird in 30 Sprachen übersetzt. Jetzt ist er auf Deutsch zu lesen.

Der Schweizer, der in 30 Sprachen übersetzt wird: Der Genfer Autor Joël Dicker.

Der Schweizer, der in 30 Sprachen übersetzt wird: Der Genfer Autor Joël Dicker. Bild: Keystone

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Harry Quebert, der weltberühmte Autor von «Der Ursprung des Übels», gerät unter Verdacht, als in seinem Garten die Überreste der damals 15-jährigen Nola gefunden werden, die vor 33 Jahren seine heimliche Geliebte und Muse war. Harrys Meisterschüler Marcus Goldman ist schockiert, aber der Skandal ist auch seine Chance: Seit dem sensationellen Erfolg seines Erstlings leidet er unter Schreibblockaden und Selbstzweifeln. Verleger, Agenten, Kritiker, Fans und nicht zuletzt der Autor warten ungeduldig auf einen neuen Geniestreich, und da kommt ihm «Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert» gerade recht.

Was für ein Bestsellerstoff! Der Altmeister der US-Literatur unter Mord-, Pädophilie- und Plagiatsverdacht, ein junger Literaturdetektiv, der ihm gegen alle Widerstände und Wahrscheinlichkeiten aus der Patsche hilft, eine Kleinstadt-Lolita, dezente Kritik am amerikanischen Puritanismus.

Der 28-jährige Genfer Jurist Joël Dicker teilt mit seinem Helden nicht nur das Alter, sondern auch den unbedingten Willen, quasi aus dem Nichts ein Meisterwerk zu erschaffen (und vielleicht auch die heimliche Angst, als Blender und Hochstapler enttarnt zu werden). Allerdings hat Dicker keine Schreibhemmungen, ganz im Gegenteil: Schon als Jugendlicher begann er, Romane zu schreiben.

Sein Erstling, der Agententhriller «Les derniers jours de nos pères», war ein Achtungserfolg, sein zweiter wurde 2012 in Frankreich ein veritabler Bestseller: 800 000-mal verkauft, mit Preisen und Kritikerlob überschüttet («Wenn Sie erst einmal die Nase in diesen grossen Roman gesteckt haben», urteilte Literaturpapst Bernard Pivot, «sind Sie hin und weg»), in 30 Sprachen wird er übersetzt. Piper ersteigerte die deutschen Rechte gegen acht Mitbieter und wirft das Wunderbuch des weithin unbekannten Westschweizers jetzt in einer gewagten Startauflage von 100 000 Exemplaren auf den deutschen Markt.

«Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert» ist ein spannender Thriller, ein klassischer Pageturner; allerdings hält er explizit nicht alles, was er implizit verspricht. Die ehrgeizige Konstruktion, ein verschachteltes System von Rückblenden, Zeitungsartikeln, Briefen, Romanauszügen und selbstreflexiven Spiegelungen, wackelt manchmal bedenklich; das Gestrüpp der Zitate aus Film- und Literaturgeschichte, von Hitchcocks «Psycho» bis Nabokovs «Lolita», wuchert über 700 Seiten und manche Längen und logische Luftlöcher hinweg.

Die Wenden nützen sich ab

Ständig erscheint Harrys Beziehung zu seinem Engel Nola in einem anderen Licht, kommen neue Indizien und Verdächtige ins Spiel: ein schwuler Krösus und sein malendes Faktotum, eine unglücklich verliebte Schönheitskönigin und ihre schrille Mutter, ein unheiliger Sektenprediger und ein lüsterner Polizeichef. Die Wahrheit kennt viele Facetten und Versionen, und so muss Goldman seine Rekonstruktion des Kriminalfalls quasi in Echtzeit dauernd umschreiben. Das hält die Spannung hoch, aber spätestens nach der fünften verblüffenden Wende nutzt sich der Effekt ab.

Am Anfang jedes Kapitels steht ein Ratschlag Harrys an seinen Schüler. Oft sind es nur Binsenweisheiten aus dem Nähkästchen des Grossschriftstellers, Sentenzen wie «Schreiben heisst frei sein» oder «Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf über Genialität. Reihen Sie einfach nur ein Wort ans andere.» Aber manchmal hat der Meister auch gute Tipps: Ein Roman, weiss er als alter Boxer, «muss eine Rechte gegen den Unterkiefer Ihrer Leser sein». So schreibt sein Sparringpartner dann auch: Geraden und Kopftreffer, Pathos und ein bisschen Kitsch, selbstironisches Augenzwinkern und klassische WhodunitRätsel à la Agatha Christie – was Wirkung verspricht, ist erlaubt.

«Bücher sind ein austauschbares Produkt geworden», belehrt der zynische Verleger seinen an sich zweifelnden Goldesel. «Die Leute wollen ein Buch, das ihnen gefällt, sie ablenkt und unterhält. Wenn du ihnen das nicht lieferst, tut es dein Nachbar, und du bist abgemeldet.» Goldman dagegen liebt die Literatur und das Schreiben um ihrer selbst willen; er will nicht nur sein Idol aus dem Gefängnis befreien, sondern auch Harrys hohen Ansprüchen genügen.

Ein solider Provinzkrimi

Die ganze Wahrheit über den Fall Joël Dicker ist das freilich nicht: Hier empört sich ein junger Autor scheinbar naiv und sympathisch bescheiden über die Tricks und Mechanismen des Literaturbetriebs, die er selber durchaus routiniert bedient. «Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert» ist ein solider Provinzkrimi aus dem literarischen Milieu, aber kaum der geniale «Mordsroman», von dem Goldman träumt und alle Welt inner- wie ausserhalb des Buchs schwärmt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.08.2013, 09:08 Uhr

Joël Dicker: "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert", Piper, 723 Seiten, ISBN 978-3-492-05600-7, CHF 35.90

Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert


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