Eine unverhoffte Begegnung

In Gertrud Leuteneggers neuem Roman «Panischer Frühling» erfasst die Themse die ganze Welt mit ihrem Erzählfluss.

Fabuliert mit Neugier und Humor: Gertrud Leutenegger.

Fabuliert mit Neugier und Humor: Gertrud Leutenegger. Bild: Ayse Yavas/Keystone

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London im Frühling 2010. Der isländische Eyjafjalla-Vulkan spuckt eine immense Aschewolke aus, die den Flug­verkehr in ganz Europa lahmlegt. Die Themse kümmert das nicht. Wie zu den Zeiten, als Flusspiraten noch an die allzeit bereitstehenden Galgen gehängt wurden, pulst sie durch die britische Metropole, allein den Gesetzen von Ebbe und Flut unterworfen.

Unter den Überschriften «High ­Water» und «Low Water» strukturiert das Anschwellen und Abebben des Flusses ­Gertrud Leuteneggers neuen Roman «Panischer Frühling»: In jedem der kurzen Kapitel stattet die Icherzählerin der Themse einen Besuch ab. Sie lebt für ­einige Zeit im Londoner East End – dem Wunsch folgend, «allem fern zu sein, um allem nah zu sein» – zwischen lauter bengalischen Familien und bewegt sich als Flaneurin durch die Stadt.

Aber immer muss sie zur Themse: «Wie vermisste ich, schon nach kurzer Zeit, das bald träge, bald eilige oder widerspenstige Fliessen.» Die Gegenwart des mächtigen Gewässers bewirkt, dass die Zeit plötzlich nicht mehr linear vergeht, sondern sich dreidimensional, in transparenten Schichten, vor dem Auge der Betrachterin ausbreitet: «Nie hat ein Fluss mich mehr verwirrt als die Themse. Wenn die Gezeiten wechselten, entstand ein quirlender Stillstand. Drängen die Wassermassen ins Landesinnere oder meerwärts? Unverwandt schaute ich in die miteinander im Widerstreit liegenden Strömungen. Vor meinen Augen ­begann, alles zu kreisen und sich zu ­drehen. Da schwammen wieder, wie vor Jahr­tausenden, Eichen aufrecht im Fluss!»

Das «Flirren der Wellen, ihre Unruhe, ihr Einanderüberholen und Widersprechen» ruft Erinnerungsbilder aus der Kindheit herauf; Bilder vom Pfarrhof des Onkels, wo die Familie die Sommer verbrachte. Es ist, als ob alle Dinge, innere und äussere, durch das Flusswasser ­gereinigt, von ihren alltäglichen Paa­rungen mit Wörtern befreit wären und bereit, nach einem neuen Muster zu­einander in Bezug gesetzt zu werden.

Behutsam tastet die Icherzählerin die Dinge mit ihrer Sprache ab, lässt sie mit den Bildern und Geschichten in ihrem Kopf in einen Dialog treten und knüpft zarte, aber vor Energie vibrierende Verbindungen zwischen der inneren Zone der Erinnerung und der äusseren Zone der Wahrnehmung.

Der ungleiche Freund

Im Kern des Romans steht eine unverhoffte Begegnung: Am Ufer der Themse findet die Icherzählerin so etwas wie einen Freund. Ein junger Mann, der die Obdachlosenzeitung verkauft, trägt das Widerstreiten der Strömungen im Gesicht. Von einer Seite gleicht er einem Renaissance-Porträt, von der anderen lässt sein Anblick die Icherzählerin vor Entsetzen zusammenfahren: Sie «bot sich geschwollen und wie von Fäule befallen dar, als würde sie von innen her von einem Tier zerfressen». Es handelt sich um ein Feuermal. Jonathan, so heisst der Mann, wurde seinetwegen als Kind gehänselt, ausgegrenzt, verfolgt.

Die zarte, auf eine merkwürdige Weise erotische Annäherung der beiden ungleichen Figuren vollzieht sich über das Erzählen aus der Kindheit. Er ­erzählt von Penzance in Cornwall, vom Meer und den Fischen, sie von der Innerschweiz, dem Pfarrhof und den Schleiereulen, die im Kirchturm nisten.

Mit der Zeit entwickelt die Ich­erzählerin die Obsession, ein «Doppelhaus der Erinnerung» zu bauen, in dem alles zusammenfindet, die helvetischen Schleiereulen, die Erinnerungen an die evakuierten Londoner Kinder, die in der Kriegszeit Leben nach Penzance brachten, die bengalischen Familien des East End und die mumifizierten Zwillingsfalken aus altägyptischer Zeit, die im British Museum ihre letzte Ruhe fanden.

Alles unter einem Dach

Der Roman liest sich passagenweise wie ein poetischer Essay über die Gegen­wärtigkeit alles Vergangenen; als Versuch, den Schichten und Ablagerungen ihre Geschichten zu entlocken. Doch zwischendurch gerät Gertrud Leuten­egger immer wieder in fabulierlustige Stimmungen, erzählt dann mit Neugier und Humor, was der Icherzählerin zugetragen wird.

Immer aber drückt die geradezu panische Dringlichkeit durch, alles ins Haus der Literatur einzugemeinden, keine Erinnerung, keine Geschichte verloren gehen zu lassen. Dass noch etwas anderes durch den Roman pulst, das im wiederkehrenden Motiv der toten und verwesenden Tiere vom Vergessen und Verstummen und vom Tod spricht, verleiht dem Roman eine beklemmende Tiefe. Denn Schweigen und Erzählen, hat Jonathans Grossmutter gesagt, sei ein und dasselbe, «nichts anderes als das Rauschen des Meeres».

Buchvernissage am 27. März, 19.30 Uhr, im Literaturhaus Zürich. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 25.03.2014, 11:19 Uhr)

Stichworte

Gertrud Leutenegger: Panischer Frühling. Roman. Suhrkamp, Berlin 2014. 220 S., ca. 33 Fr.

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