Kultur

Er am Grill, sie am Herd

Von Paul Imhof. Aktualisiert am 08.05.2011 1 Kommentar

Männer und Frauen haben kulinarisch nicht dieselben Bedürfnisse. Aber warum essen und trinken sie anders? Ein neues Buch leistet Aufklärungsarbeit.

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Wer die Erfahrung noch nicht gemacht oder sie vergessen hat, kann sie mit einem kleinen Experiment nachholen: Man gehe als Paar ins Restaurant und überlasse das Bestellen ohne direkte Zuweisung dem weiblichen Part: als Entrees Terrine campagnarde und Crevettensalat, als Hauptgänge den gesottenen Saumon und das Entrecote, bitte bleu. Dazu eine Flasche Mineralwasser und den Pinot noir aus der Gegend.

Eingefahrene Konventionen

Wie serviert der Kellner? Die Frau erhält den Crevettensalat und den Fisch, der Mann die Entenleber und das blutige Steak – woher soll der Kellner wissen, dass der Mann Maritimes vorzieht? Selbstverständlich wird der Frau Mineralwasser eingeschenkt, der Probierschluck aus der Weinflasche dem Mann. So läuft es meistens ab. Sind die Verhältnisse anders, muss man dem Kellner deutlich sagen, dass die Dame den Wein verkosten will. Und soll: Frauen erkennen Misstöne im Wein oft eindeutiger als Männer. Doch die Konventionen bei Essen und Trinken signalisieren eine andere Welt, eingefahren, eintönig.

«An kaum einem öffentlichen Ort lassen sich gesellschaftliche Geschlechterrollen besser beobachten, klarer studieren und präziser dingfest machen als beim Essen und Trinken im Restaurant.» Mit diesem Satz eröffnen Eva Gritzmann und Denis Scheck als «Sie & Er» eine ebenso informative wie amüsante Achterbahnfahrt durch den Dschungel von Verhaltensweisen, Verboten und Geboten, durch ein Kuriositätenkabinett an Vorurteilen, Tabus und Komplexen. Das Duo – sie Ärztin, er Literaturkritiker – hat ein fulminantes Buch geschrieben über die Frage, ob Frauen und Männer nicht nur biologisch, sondern auch im kulinarischen Verständnis verschieden gewickelt sind.

Frauen bestellen kalorienarm

Essen Frauen und Männer anders? Natürlich, denkt man sofort. Das lässt sich Tag für Tag beobachten, das lässt sich auch statistisch festhalten, etwa beim Einkauf: In Deutschland geben allein lebende Frauen 50 Prozent mehr Geld aus für Obst sowie ein Drittel mehr für Gemüse als allein lebende Männer. Und Alice Schwarzer, die im Buch in einem von diversen prägnanten Interviews zu Wort kommt, antwortet auf die Frage, ob Frauen im Restaurant anders als Männer bestellen: «Ja, die meisten Frauen achten beim Bestellen auf die Kalorien.» Das nervt, findet sie, denn «wir Frauen sollen uns dünn machen».

Interessant wirds, wenn man den Ursachen dieser Bedürfnisse nachspürt und sich fragt, wie freiwillig solches Verhalten eigentlich ist. «Ist der Geschmack der Geschlechter wirklich verschieden?», fragen die Autoren. «Und sollte dem so sein: Ist der Unterschied naturgegeben oder erlernt und eingeübt?» Jamie Oliver weiss: «Der Monatszyklus der Frau hat gewaltige Auswirkungen auf ihren Geschmack.» Ebenso Schwangerschaft, Wechseljahre und Jahreszeiten: «Frauen lieben im Sommer ganz reine, schlichte, einfach zu kochende Sachen.» Männer feuern lieber den Grill ein.

Faszinierende Zeitreisen

Liegen die Unterschiede am Geschmacksempfinden? Gut ein Viertel der Bevölkerung hat ein ausgezeichnetes Geschmacksempfinden, davon mehr Frauen als Männer. Solche Fragen werden ausgiebig erörtert, doch die wenigsten, so die selbstironische Warnung der Autoren, würden wir eindeutig und befriedigend beantwortet finden.

Faszinierend an diesem Buch ist allerdings die Reise durch Zeiten und Gesellschaften. Man steigt hinab in die Urgeschichte, als der Mensch das Feuer kennen und deshalb kochen lernt und sich bald in einem Gestrüpp religiöser Dogmen von zahlreichen Genüssen ausgegrenzt findet – die Zitate über reine und unreine Tiere aus Bibel, Talmud und Koran sprechen Bände. Zwischendurch erholt man sich vom Stress des Strengen bei opulenten Gelagen, etwa bei Roastbeef-Exzessen, bis man als Opfer der Nahrungsmittelindustrie endet, die mit Genderfood eine neue Variante des Geschlechterkampfs am Köcheln hält.

Tiere kochen nicht

Zahlen, Studien, Meinungen, Anekdoten und reportagehafte Elemente, gespickt mit Tipps zu Restaurants, Büchern und Filmen, dazu einige Illustrationen: Das Autorengespann bietet in «Der kleine Unterschied beim Essen und Trinken» einen üppigen Topf voll Informationen, verliert sich aber nie ins Dozieren.

Eine Kernaussage des Anthropologen Richard Wrangham fällt allerdings auf. Dieser setzt den Beginn der Zivilisation auf den Moment, als der Mensch zu kochen begann: «Das Kochen hat den Nährwert der Nahrung enorm erhöht, doch zugleich hat diese Praxis die Autonomie der Frauen erheblich geschwächt. Die Männer haben davon wesentlich mehr profitiert. Das Kochen sparte den Frauen Arbeitszeit und nährte Kinder, doch gleichzeitig fesselte es sie an eine neue, untergeordnete Rolle, die ihnen von einer männerdominierten Kultur aufgezwungen wurde. Das Kochen schuf und verfestigte ein neuartiges System männlicher kultureller Überlegenheit.»

Tiere kochen nicht. Würden Löwen ihre Löwinnen an den Herd abkommandieren, gäbe es bald keinen Nachwuchs mehr. Denn die weiblichen Löwen jagen besser. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.05.2011, 06:51 Uhr

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1 Kommentar

Daniel Zollinger

08.05.2011, 08:46 Uhr
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Sie und Er in der Kneipe. Ein Bier und ein Mineralwasser. Das Bier wird Automatisch ihm hingestellt und das Wasser ihr. Die Szene konnte ich schon ein paar mal Beobachten. Antworten