«Er schreibt deutsch, nicht germanistisch»

Peter von Matt wird 75. Eine kleine Hommage, garniert mit Erinnerungen von Weggefährten und Bewunderern.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Fussstapfen waren riesig. 1976 trat Peter von Matt die akademische Nachfolge von Emil Staiger an. Jener Staiger, der sich als Meister der «werkimmanenten Interpretation» weit über die Landesgrenzen einen Namen gemacht hatte. Jener Staiger auch, der 1966 den Zürcher Literaturstreit ausgelöst hatte, nachdem er die sozial engagierten Schriftsteller seiner Zeit in einer Rede pauschal diffamiert («In welchen Kreisen verkehren sie?») und so eine heftige Gegenreaktion – unter anderem von Max Frisch – ausgelöst hatte.

Diesen Staiger beerbte von Matt also. Der gebürtige Luzerner (*20. Mai 1937), der im ländlichen Nidwalden aufgewachsen ist, hatte sich mit einer Doktorarbeit über Grillparzer und mit einer Habilitation über E.T.A. Hoffmann für die Professur empfohlen; bis 2002 besetzte von Matt den Lehrstuhl.

Einmischer, Vermittler, Rätselrater

Von Matts grosses Renommee hat allerdings weniger mit seiner Wissenschaftskarriere zu tun als mit seiner einzigartigen Vermittlerrolle, die der Innerschweizer seit Jahrzehnten ausübt. Wie kaum ein anderer Wissenschaftler mischt sich von Matt in tagesaktuelle Debatten ein (Beispiel Mundartdebatte), ohne dabei bewundernswerterweise an analytischer Schärfe einzubüssen. Von Matt ist ein Vermittler zwischen der akademischen und der öffentlich-politischen Welt, einer, der die Rolle des engagierten Intellektuellen sehr ernst nimmt und auch Anfeindungen seiner Gegner nicht scheut.

Vor allem aber ist von Matt ein Kurier zwischen Wissenschaft und Literatur. Sein eloquenter Stil und seine Belesenheit haben ihm grossen Respekt, ja Bewunderung seitens der deutschsprachigen Schriftsteller eingebracht. Von Matts Essaybände (zuletzt «Das Kalb vor der Gotthardpost») sind häufig geistige Grenzgänge – kunstvoll und fachkundig, unkonventionell und detailgenau zugleich. Es sind Grenzgänge zwischen den Rätseln der Literatur, die von Matt zufolge von bedeutsamen Dichtern seit jeher immer mit neuen Rätseln beantwortet werden. Die Grenzgänge und das Rätselraten – sie bleiben auch im 75. Lebensjahr von Matts grosse Leidenschaften.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 16.05.2012, 15:07 Uhr)

Matt, Peter von; Hanser Verlag, 367 S., 25.90 CHF.

Das Kalb vor der Gotthardpost

Ein Mann, der sich einmischt: Jubilar von Matt.

Artikel zum Thema

«Es ist ein Unterschied, ob das in der Schweiz oder in Deutschland gesagt wird»

Interview In Deutschland tobt die Debatte um das neue, israelkritische Gedicht von Günter Grass. Literaturprofessor Peter von Matt analysiert das Stück im Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Gespräch. Mehr...

«Sie befand sich in einem Verblendungszustand»

Interview Für Germanistikprofessor Peter von Matt war die heute verstorbene Christa Wolf eine ambivalente Literatin. Gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet erklärt er, warum. Mehr...

«Die Politiker sind süchtig nach Moral»

Der Germanist Peter von Matt sieht die Affäre Hildebrand auch als Folge einer boulevardisierten Politik. Und gerade davon habe die Bevölkerung genug, wie die letzten Wahlen zeigten. Mehr...

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Werbung

Blogs

Geldblog Kauft Novartis deutschen Pharmahersteller?

Sweet Home 10 Ideen für Weihnachtsbäume

Werbung

Schönes Besteckset

Hochwertiges 60-teiliges Markenbesteck von Sola Jetzt bequem im OTTO’S Webshop bestellen!

Die Welt in Bildern

Hart im Nehmen: Ein Schwimmer im chinesischen Shenyang nutzt eine aufgebrochene Stelle in einem zugefrorenen See, um ein paar Längen zu absolvieren. (9. Dezember 2016)
(Bild: Sheng Li) Mehr...