Er war der Sänger der Rhone

Der Walliser Schriftsteller Pierre Imhasly ist 77-jährig in Visp gestorben.

«Ich wollte das ganz andere Buch»: Pierre Imhasly im Sommer 2015. Foto: Dominic Steinmann (Keystone)

«Ich wollte das ganz andere Buch»: Pierre Imhasly im Sommer 2015. Foto: Dominic Steinmann (Keystone)

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Einen «sentimentalen Eklektiker» hat er sich selbst genannt. Das trifft es: Ein Eklektiker nimmt von überall her, was ihn gut dünkt, und «le sentiment», das grosse Gefühl, ist wie der Kitt, der es zusammenhält und ein Ganzes daraus macht. Ein Ganzes ist die «Rhone Saga» zweifellos, Pierre Imhaslys Opus Magnum, nicht nur, weil es im Verlag Stroemfeld/Roter Stern zu einem ästhetischen Buchereignis wurde. 98 Mark kostete es seinerzeit, 1996, und bot auf 480 opulenten Seiten die universale Überhöhung eines Flusses.

Die Rhone ist Imhaslys Fluss, und sie ist zugleich der Fluss als solcher: Von der Quelle bis zur Mündung begleitet der Autor Natur und Kultur, alpine und mediterrane Welt, die Kuh, die Milch gibt, und den Stier, der zeremoniell getötet wird. Zwölf Jahre hat Imhasly an der «Saga» gearbeitet, die nicht episch vorwärts fliesst, sondern all das, was sie in sicht birgt, kaleidoskopisch bricht.

Über alle Ufer

Es ist ein sprunghaftes Buch, es springt durch die Themen, die Formen, die Töne und die Sprachen (neben Deutsch und Französisch findet man ältere Sprachformen, Spanisch, aber auch chinesische Schriftzeichen). Kein Reiseführer, keine Reportage, keine Kulturgeschichte, keine Folklore vor allem! «Ich wollte das ganz andere Buch», hat Imhasly angekündigt, und das ist es geworden. Ein Buch, das mehr als einen Autor hat: Künstler-Freunde, deren Porträts er eingearbeitet hat, sind mit ihren Bildern darin vertreten.

Beinahe gescheitert wäre Imhasly an dem Projekt, fand keine Form, versank in tiefe Verzweiflung. Da lernte er in der Arena von Nîmes Lucienne Bodrero kennen. Coup de foudre! – und ein neues Zentrum für das längst über alle Ufer getretene Werk: die Liebe, diese Himmelsmacht, die zu dem hohen Ton führt, der durch die «Rhone Saga» klingt. Sie war schon bei Erscheinen aus der Zeit gefallen und könnte schon deshalb den schnell wechselnden Geist der Zeiten überdauern. Lieferbar ist es, mehr als 20 Jahre nach Erscheinen, heute noch immer.

Pierre Imhasly, 1939 in Visp geboren und dort am Samstag 77-jährig gestorben, hat neben seinem Hauptwerk Gedichte und Prosa veröffentlicht, zuletzt «Requiem d’amour», 2014. Seinen Lebensunterhalt hat er sich als Übersetzer, vor allem des Walliser Landsmanns Maurice Chappaz, verdient.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.06.2017, 18:16 Uhr

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