«Es kursierten Gerüchte, Jesus sei körperlich behindert gewesen»

«Die Welt zur Zeit Jesu» heisst das neue Buch von Historiker Werner Dahlheim. Im Interview spricht er über die antiken Dokumente, die vom Christengott handeln.

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Herr Dahlheim, welche Dokumente bezeugen die Existenz Jesu?
Dass Jesus gelebt hat, ist unstrittig. Seine Existenz wird belegt durch unverfängliche, weil ohne jede Sympathie notierte kurze Erwähnungen bei Sueton, Tacitus und Plinius. Die Evangelien hingegen vermitteln Glaubenswahrheiten und keine historischen Analysen. Wir werden daher nie genau herausfinden können, was Jesus Zeit seines Lebens getan hat.

Wie wird Jesus in den römischen Schriften dargestellt?
Als Aufrührer, den ein römischer Statthalter zu Recht ans Kreuz geschlagen hat. Auch seine Anhänger wurden sehr negativ charakterisiert, verdächtig des Menschenhasses, des «otium humani generis».

Wie kam es zu dieser Beschreibung?
Den Anhängern Jesu wurde Gleichgültigkeit gegenüber den Lebensgewohnheiten ihrer Mitmenschen vorgehalten. Ein schwerwiegender Vorwurf, da die römische Gesellschaft auf dem Zusammenhalt ihrer Bürger beruhte. Wer, wie die Christen, Staatsdienst und Teilhabe am religiösen Leben ablehnte, wer weder zu den Spielen im Zirkus noch in die Thermen ging, sonderte sich ab und provozierte seine Mitbürger.

Auf wann datiert das erste Jesus-Bild?
Das erste Bild ist aus der Zeit um 170 nach Christus überliefert. Es ist eine schmähende Wandritzung an einem Haus auf dem Palatin in Rom, die einen Gekreuzigten mit Eselskopf zeigt. Die blasphemische Zeichung verdeutlicht das Ärgernis, das der Glaube an einen hingerichteten Aufrührer für viele Heiden bedeutete.

Und was ist mit den christlichen Darstellungen?
Diese setzen erst im 4. Jahrhundert ein – zu anstössig war das Kreuz. Jesus wird als Herrscher, König und Lehrer inszeniert, nicht aber als Leidender. Bilder vom am Kreuz sterbenden Jesus kommen erst um 450 auf, und selbst auf ihnen erscheint der Sohn Gottes wie ein Herrscher. Die bildliche Vorstellung vom geschundenen Jesus wird erst im Mittelalter populär.

Woher kommt die Annahme, dass Jesus einen Bart und lange Haare gehabt habe?
Es ist schon bemerkenswert, dass keine einzige der frühen christlichen Quellen auf das Aussehen Jesu eingeht – nicht einmal in Andeutungen. Und dies obwohl in jeder antiken Biografie grundsätzlich als Allererstes die Gestalt des Helden geschildert wird. Dies öffnete der Fantasie Tür und Tor. Seit dem späten 2. Jahrhundert kursierten gar Gerüchte, Jesus sei körperlich behindert gewesen. Diesen Gedanken nährte die Gewissheit, dass Jesus für die Mühseligen und Beladenen eintrat und für jene kämpfte, denen das Schicksal übel mitgespielt hatte. Diese Interpretation wird im 4. und 5. Jahrhundert beiseite getan und durch die Vorstellung vom strahlenden, schönen, bärtigen jungen Mann ersetzt, die vielfach bis heute Gültigkeit hat.

Und seit wann gilt Jesus als Wundertäter?
Von Anfang an. Also seit den Evangelien, die zwischen 70 und 90 nach Christus verfasst wurden. Nichts daran war ungewöhnlich. Die damalige Welt war voll von Wanderpredigern, die als Dämonenaustreiber und Wunderheiler ihren Lebensunterhalt bestritten.

Die Vorstellung, dass Jesus Gottes Sohn sei?
Auch dieser Glaubenssatz prägte bereits die Schriften der Evangelisten. Die Annahme allerdings, dass Jesus Gott selbst gewesen sei – die Trinitätslehre -, wurde erst im 4. Jahrhundert zum Dogma, zur unumstösslichen Wahrheit.

In der Bibel gibt es zahlreiche negative Figuren. Was sagen etwa die historischen Schriften über Pontius Pilatus?
Sie vermitteln ein ganz unterschiedliches Bild. Schon allein die Tatsache, dass Pilatus zehn Jahre lang als Statthalter von Judäa regierte, zeigt, dass er seinem Amt durchaus gewachsen war. Denn zehn Jahre sind eine ungewöhnlich lange Zeit, die ein Kaiser nur einem Gouverneur gewährte, der gute und zuverlässige Arbeit leistete. Allerdings: Alle jüdischen Quellen verdammen Pilatus als pedantischen Steuereintreiber und Verächter des jüdischen Glaubens. Dieses Bild übernahmen die Christen zu keiner Zeit vollständig. Ja, einige unterstellten gar, der Richter Jesu habe versucht, den Angeklagten zu retten, sei aber am Widerstand der jüdischen Behörden und des jüdischen Volkes gescheitert. Wieder andere glaubten, Pilatus sei Christ geworden und habe dem Kaiser vorgeschlagen, das ganze Imperium taufen zu lassen.

Hat Ihr Buch Ihren persönlichen Blick auf Jesus verändert?
Nein. Das Buch ist das Ergebnis eines 30-jährigen Nachdenkens und Forschens. Was mich seit jeher an Jesus fasziniert hat, ist die Tatsache, dass dieser galiläische Wanderprediger und der Glaube an ihn als Erlöser und Auferstandener die Weltgeschichte wie kein anderer Mensch und kein anderes Ereignis der Antike geprägt hat.

Wurden Sie durch die wissenschaftliche Beschäftigung mit Jesus zum Atheisten?
Nein. Ich würde mich als Agnostiker bezeichnen. Atheisten kommen mir mit ihrem unbegründeten Furor und ihrer Verspottung der Kirchen immer etwas lächerlich vor. Sie leitet mehr Ahnungslosigkeit als historisches Verständnis für einen Glauben, der seit zweitausend Jahren die Menschen bewegt.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 26.10.2013, 10:02 Uhr)

Werner Dahlheim (*1938) war von 1972 bis zu seiner Emeritierung 2006 Professor für alte Geschichte an der Technischen Universität Berlin. Dahlheims Spezialgebiet ist die römische Antike.

Werner Dahlheim: Die Welt zur Zeit Jesu, C. H. Beck Verlag, 491 Seiten, ISBN 9783406651762, CHF 39.90 Franken

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