«Facebook ist Satan»

Verlagsblogs sind das neue Ding: Nahe an den Autoren und den Käufer im Blick. Die ambivalente Haltung gegenüber den neuen Medien ist dabei allerdings unüberlesbar.

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«Jedes Werk wirkt erst dadurch, dass es in Kontakt zum Leser gebracht wird.» Ein Satz des Verlegerpatriarchen Samuel Fischer, der als Motto des neuen Verlagsblogs «Hundertvierzehn» dient. Der Satz ist binsenweise, aber wie alle Binsenweisheiten auch zutreffend. Bei der Kontaktanbahnung zum Leser müssen Verlage heute neue Wege gehen. Literaturkritiken in Zeitungen sind für viele nicht mehr der Königsweg zum Buch; Buchhändler kennen sich oft nicht mehr aus oder den Geschmack der Leser nicht; Internetportale und Social Media treten dazu, wenn nicht sogar an ihre Stelle. Also fangen auch die ehrwürdigsten Verlagshäuser an, zu twittern, Freunde auf Facebook zu werben und Klickzahlen zu sammeln. Auf Teufel komm raus, auf gut Glück – oder mit Konzept und Köpfchen.

Selbst bei Hanser, wo bis Jahresende Michael Krüger amtierte, der grösste «Analogist» der Branche, verfügt man längst über eine vorzügliche Website mit Filmbeiträgen – etwa ein Buchhändleressen mit Alex Capus in Olten – und einem «Social Media Room», der über Twitter auf die neuesten Rezensionen verlinkt. Mehr noch: Ausgerechnet Krüger selbst stellte sich zuletzt allmonatlich den Videokameras, in der Adventszeit sogar täglich, im klassischen Umfeld von Schreibtisch, Papierstapel und Kaffeebecher, und plauderte über Lyrik, Übersetzer und das schöne, zu Ende gehende Verlegerleben.

Über die eigene Produktion hinaus

Auch Kiepenheuer & Witsch fokussiert seinen Verlagsblog auf den Chef – und kokettiert mit Charme und Patina des Analogen. «Aus dem Notizbuch des Verlegers» zeigt alle vier Wochen eine abfotografierte Doppelseite jenes Moleskine-Heftes, in das Helge Malchow allerlei einträgt, was er gehört, gelesen und gedacht hat und was er vorhat: «gratulieren» etwa oder «Buch kommt im Herbst». Alles gut leserlich, aufgelockert mit kleinen Zeichnungen und grosszügig auch gegenüber Autoren anderer Häuser. Die Redaktion versieht die Notizen mit digitalen und weiterführenden Fussnoten.

Über die eigene Produktion hinaus schaut auch «Hundertvierzehn», der Blog des S.-Fischer-Verlages (der Name leitet sich von der Verlagsadresse ab, Hedderichstrasse 114 in Frankfurt). Am vergangenen Donnerstag etwa fanden sich fünf Autoren zu einem 24-stündigen schriftlichen «Livegespräch» zusammen, durchaus nicht nur von Fischer. Wer auf die Seite ging, konnte verfolgen, wie sie über «Postsinguläre Literatur» palaverten – ihre Beiträge waren farblich unterschiedlich markiert und so gut zuzuordnen.

Grosse Begeisterung

Eine bunte Mischung aus Geistesblitzen und Halbdurchdachtem, wie bei jedem analogen Kaffeehaus- oder Beizengespräch, faszinierend zu lesen und zur Nachahmung empfohlen. «Das Ding oder Unding bläst mir das Hirn weg. Schreiben und Lesen gleichzeitig. Ständig wächst und schrumpft irgendwas irgendwen», klagte einer der Teilnehmer zwischendurch, ein anderer meinte: «Facebook ist Satan.» Von solch besonderen Aktionen abgesehen ähnelt «Hundertvierzehn» aber eher einer digitalen Zeitschrift. Alle zwei Wochen gibt es eine neue Lieferung, neuerdings etwa anregende Essays über die Fotografin Leonore Mau, über Stuttgart und Tiflis, über «Zeitzahlenzauber» oder das richtige Mass an Bewegung, dazu Videointerviews und Postkarten (Handschriftliches im Computer muss irgendwie cool wirken).

Der Blog wird vom Lektorat betreut und befeuert, nicht von der Presse- oder Marketingabteilung; ausdrücklich steht «das Gespräch über Literatur» im Vordergrund, nicht Werbung, so der Lektor Oliver Vogel. Man sei ständig im Gespräch mit den Autoren, «die immer wieder Gedanken und Gefühle in Sätze fassen, die überraschend sind, andersartig – warum, dachten wir, behalten wir das für uns?» Und so entstehe aus einem Telefonat schnell ein Beitrag für den Blog. Schwierigkeiten, die Autoren zu motivieren, gebe es nicht, im Gegenteil: «Die Begeisterung ist gross.»

Das erlebt auch Doris Plöschberger, Lektorin bei Suhrkamp, die mit einer kleinen Crew das dortige «Logbuch» betreibt. Natürlich gibt es auch bei Suhrkamp eine gut aufgeräumte Website mit Hinweisen auf Lesungen und kurzen Filmchen, aber den Kreis der netzaffinen Leser erreicht man so nicht unbedingt. Eher schon über Facebook (15'000 «Freunde» hat der Verlag dort), und von dort her und über Twitter-Empfehlungen kommt man auch auf den Blog.

«Alberne Dateien, die gern Bücher wären»

Dieser bietet über verschiedene Rubriken neue Zugänge zu den Autoren des Hauses – Filmsequenzen zu Gunther Geltingers Roman «Moor» etwa, eine zehnteilige Hommage von Alexander Kluge an den Jubilar Arno Schmidt, Lesetipps, Schwärmereien, Clemens J. Setz’ Lieblingsfunde aus dem grimmschen Wörterbuch (und Lieblings-Lesefehler: statt «handkehrum» liest er immer und etwas irritiert «Handkeruhm») – und eine schon berühmte Polemik. Friedrich Forssman, der berühmteste Buchgestalter Deutschlands, wetterte in einem Beitrag gegen E-Books («alberne Dateien, die gern Bücher wären») und erntete einen Shitstorm – und mit ihm der Verlag.

Der Beitrag wurde verlinkt, gelobt, geschmäht und machte seinen Weg bis zum Fachmagazin Buchreport. Im Netz wird heftiger und oft auch grobianischer gestritten als in den klassischen Medien – eine interessante Erfahrung für die Lektorin. Doris Plöschberger und ihre Mitstreiter bewirtschaften den Blog neben ihrer sonstigen, nicht gerade geringen Arbeit; für den neuen Kanal gibt es weder neues Personal noch Geld.

Diogenes hält sich zurück

So sieht es derzeit auch bei Diogenes aus, und deshalb ist ein Verlagsblog, so gewünscht und sinnvoll er sei, im Moment nicht prioritär, sagt Pressechefin Ruth Geiger. Klar, dass die neuen Kanäle nötig sind, um ein jüngeres Publikum anzusprechen; aber ein möglicher Verlagsblog käme wohl erst als Gesamtpaket infrage, in das eine erneuerte Website und eine möglicherweise digitale Weiterentwicklung des Diogenes-Magazins (bisher auf Papier) einfliessen würden.

Nahe an der Literatur, Hintergründiges über die Bücher, Persönliches über Autoren und Verleger, möglichst weit weg von Werbe- und Marketing-Anmutungen: Das verbindet alle Verlagsblogs. Unausgesprochenes – und höchst legitimes – Fernziel aber auch des neuen Kanals muss es dennoch sein, den Blognutzer zur Lektüre und zum Kauf der hauseigenen Bücher zu animieren. Sonst wäre alle Mühe der engagierten Betreiber vergebens. Und darüber gibt es natürlich noch keine Erhebungen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.03.2014, 14:29 Uhr

Enzensbergers Thesen zur digitalen Entsagung sorgen für Diskussion

Schrifsteller Hans Magnus Enzensberger hat mit einer Streitschrift gegen die Digitalisierung für Befremden gesorgt. Er empfahl in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», als Gegenwehr gegen «Ausbeutung und Überwachung» digitale Dienste aus dem eigenen Leben zu verbannen.

«Wer ein Mobiltelefon besitze, werfe es weg», schrieb der Autor in der Samstagsausgabe der «FAZ». Auch Online-Banking, Internet-Shopping, E-Mail, werbefinanzierte Angebote und Online-Netzwerke sollten gemieden werden, hiess es in Enzensbergers zehn Regeln.

Der Aufruf stiess am Wochenende auf Kritik. «Einer der einst führenden Intellektuellen der Republik macht sich mit seinen 10 Thesen zum digitalen Leben fürchterlich lächerlich», schrieb Jürgen Kuri, stellvertretender Chefredakteur der Fachseite heise.de auf Google Plus.

Zwar habe Enzensberger Recht, die Probleme der digitalen Welt anzugehen. «Das Wegwerfen des Handys ist aber keine moralische Haltung angesichts der Auswirkungen der Vernetzung und Digitalisierung der Gesellschaft». Andere Kommentatoren verwiesen auf einen Text von Enzensberger aus dem Jahr 1970, in dem er die Möglichkeiten der Vernetzung noch gelobt habe.

Allerdings hatte Enzensberger seine Thesen möglicherweise absichtlich überspitzt. Das deutete FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher an: «Ironie scheint es schwer zu haben auf digitalen Endgeräten», schrieb er über Twitter. (sda)

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