Kultur
«Frauen unterwerfen sich freiwillig»
Von Barbara Lukesch. Aktualisiert am 20.10.2012 37 Kommentare
Mika, Bascha, «Die Feigheit der Frauen», Goldmann, 254 Seiten, ISBN 978-3-442-15720-4, CHF 14.90.
Die Feigheit der Frauen
Eine provokative Autorin
Bascha Mika wurde 1954 in Oberschlesien geboren. Die Familie wanderte wenig später ins westdeutsche Aachen aus. Nach dem Studium der Germanistik und Philosophie begann Bascha Mika 1988 als Redaktorin bei der Berliner «tageszeitung» (taz). Sie blieb 21 Jahre, davon 11 Jahre als Chefredaktorin. Seit 2009 ist sie freie Publizistin und Honorarprofessorin der Berliner Universität der Künste. Sie lebt mit einem Theologen zusammen. 2011 erschien ihr Buch «Die Feigheit der Frauen. Rollenfallen und Geiselmentalität. Eine Streitschrift wider den Selbstbetrug». (TA)
Artikel zum Thema
- Wenn Frauen zum Muttertier werden
- Quotenfrau? Ist doch egal!
- «Frauen und Männer haben mehr Gemeinsames als Trennendes»
Korrektur-Hinweis
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Sie provozieren mit Ihrem Buch «Die Feigheit der Frauen» und Aussagen wie: Die Frauen seien selber schuld, dass die Gleichstellungsmisere fortbestehe.
Tatsächlich wird mir oft vorgeworfen, ich würde die Schuld den Frauen zuweisen. Mit Verlaub: Ich war 21 Jahre lang bei der linken Berliner «tageszeitung». Da habe ich mich intensiv mit den politischen und gesellschaftlichen Strukturen auseinandergesetzt. Selbstverständlich haben diese eine starke und nach wie vor negative Auswirkung auf das Leben von Frauen. Nur ist es so, dass wir heute so ziemlich alles wissen über ungleiche Löhne und den Mangel an Kindertagesstätten; da haben wir kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. Was wir aus den Augen verloren haben, ist die Verantwortung von uns Frauen für Bereiche, in denen wir sehr wohl Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten haben. Man kann meines Erachtens nicht behaupten, dass wir westliche Frauen da komplett fremdbestimmt sind. Wir selbst suchen uns den Mann aus. Wir selbst wählen unseren Beruf. Wir selbst regeln die Aufteilung der Haus- und Familienarbeit. Ich behaupte, dass zu viele Frauen hier Entscheide fällen, die das diskriminierende System stützen.
Wie verhält sich eine Frau, die einen «feigen Entscheid» fällt?
Gemäss einer europaweiten Umfrage will die Mehrheit der Frauen alles: einen eigenen Beruf, eine Familie, eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Solange Paare noch getrennt wohnen, funktioniert das besser. Wenn sie zusammenziehen, wollen die Männer ihren Teil an der Hausarbeit sehr oft nicht übernehmen. Statt einen Konflikt zu riskieren und ihrem Liebsten klarzumachen, dass auch die Dreckarbeit eine gemeinsame Sache ist, geben Frauen in der Regel klein bei und sagen: Du magst das nicht so gern, du kannst es auch nicht so gut, also nehme ich dir das ab. Das scheint erstmal banal, ist aber eine dieser Sollbruchstellen im Leben, wo wir den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden. Von jetzt an hinken wir hinterher, weil wir konfliktscheu sind und immer noch befürchten, dass eine Beziehung nur dann funktioniert, wenn wir uns unterordnen. Wahrscheinlich haben wir uns bereits den falschen Mann ausgesucht, der eine gleichgestellte Partnerin schlicht nicht akzeptiert.
Hat ein Schlüsselerlebnis Sie dazu veranlasst, die Gleichstellung so stark aus der Privatoptik der einzelnen Frau zu betrachten?
Je länger ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, umso mehr haben mich die vielen Ausreden der Frauen aufgeregt. Ständig ist die Rede von Zwängen: ‹Ich musste meine Stelle aufgeben und meinem Mann hinterherziehen, weil er einen viel besseren Job angeboten bekam.› ‹Ich musste die ganze Kinderbetreuung übernehmen und karrieremässig zurückbuchstabieren, weil mein Mann im Beruf nicht zurückstecken konnte.› Erst wenn wir mit diesen fadenscheinigen Begründungen auf die Schnauze gefallen sind, wenn uns der Mann verlässt und der Versorger wegbricht, wenn wir den Wiedereinstieg wegen jahrelanger Unterbrüche nicht schaffen und uns die Altersarmut droht, kommen wir zu Sinnen – und beginnen über die miesen Strukturen zu jammern. Da muss ich sagen: Stopp, das greift zu kurz. Die Strukturen tragen ihren Teil dazu bei, aber wir sind erwachsene Frauen, die all diese Entscheide selbst gefällt haben. Keine von uns ist dazu geprügelt worden.
Wie kommen die Einzelnen aus diesem Dilemma heraus?
Um Konflikte innerhalb der Partnerschaft zielführend und mit offenem Visier auszutragen, statt nur ständig an allem rumzumeckern, muss man mutig sein. Dieser Mut lässt sich erlernen, der liegt nicht in den Genen und ist übrigens auch bei sehr vielen Männern nicht vorhanden. Bei den Frauen aber kommt dazu, dass sie als Mädchen sehr viel weniger als Jungen dazu erzogen werden, Konflikte als etwas Sportliches und Herausforderndes zu betrachten. Ein Junge lernt ja in der Regel: Du willst etwas, kriegst es nicht, kämpfst darum, fällst auf die Schnauze. Ja und? Du bist ja nicht tot, also steh auf und mach weiter. Vielleicht gewinnst du, vielleicht aber auch nicht. So what! Ich finde es wahnsinnig wichtig, dass auch kleine Mädchen sich streiten und raufen und merken, dass sie nicht sterben, wenn sie unterliegen.
«Die Feigheit der Frauen» wurde im Nu zum Bestseller. Trotz oder wegen des provokativen Titels haben Sie offenbar einen Nerv getroffen.
Aber ich habe auch einige Frauen verschreckt, Gott sei Dank nicht alle. Ich habe mir gesagt: Warum sollen wir Frauen einander immer mit Samthandschuhen anfassen? Warum sollen wir uns nicht mal tief in die Augen schauen und sagen: «Wir kennen uns doch, Schwester, und wissen doch, wo unsere Feigheiten liegen. Reden wir endlich Klartext.» Ich beziehe mich da ausdrücklich mit ein.
Welche Bilanz ziehen Sie nach mehr als 120 Lesungen, Referaten und Podiumsdiskussionen?
Der Druck, der auf den Frauen lastet, ist wahnsinnig gross. Viele wissen theoretisch eigentlich, wie sie sich verhalten müssten. Aber im entscheidenden Moment kuschen sie wieder. Es ist zum Haareraufen.
Der Druck auf den Männern ist aber auch gewaltig. Da eine stimmige Männerrolle für sich zu definieren, ist schwierig: Entweder man wird als Weichei verunglimpft oder als dumpfer Macho.
Es ist für beide Geschlechter schmerzhaft, sich aus traditionellen Rollen zu befreien. Das Problem der Männer ist, dass die Frauen seit Jahrzehnten daran arbeiten, die Männer aber ebenso lange dachten, das wird schon irgendwie, wir selbst müssen nichts dazu beitragen. Das Ergebnis? Die Männer sind tief verunsichert. Zudem machen ihnen die Frauen das Leben nicht gerade leicht. Da behaupten junge Frauen, sie wollen ein selbstbestimmtes Leben führen, träumen aber immer noch vom männlichen Versorger. Steht der auf der Matte, wollen sie sich aber auf keinen Fall unterordnen. Die Rollenkonfusionen sind erschreckend.
Irritierend ist auch, wie stark sich junge Frauen bei der Kleiderwahl einem sexistischen Modediktat unterwerfen. Das lässt sich nur schwer als Ausdruck von gelungener Emanzipation interpretieren.
Es hat überhaupt nichts mit Selbstbestimmung zu tun. Diese jungen Frauen halten die äussere Freiheit, sich so zu kleiden, wie sie es tun, für eine innere Freiheit, die Freiheit zur Selbstbestimmung. Dabei unterwerfen sie sich einem sexistischen Männerblick. Früher zwangen die traditionellen Geschlechterrollen den Frauen ihr Verhalten auf, heute übernehmen sie freiwillig ein Frauenbild, das sie auf den Körper reduziert. Kein Ruhmesblatt für unser Geschlecht.
Die Männer wissen nicht mehr, was es heisst, Mann zu sein. Die Frauen strampeln sich derweil bei dem Versuch ab, sexy zu wirken.
Ganz genau. Und darüber müssen wir reden, und zwar öffentlich. Wir müssen verschiedene Lebensmodelle für Männer und Frauen entwerfen und einander gegenüberstellen – eine anspruchsvolle Aufgabe. Was wir momentan haben, ist ein oberflächlicher Diskurs, der so tut, als hätten wir kein Problem mehr mit der Gleichstellung, als könnten beide Geschlechter alles erreichen, was ihnen vorschwebt. Vor allem junge Frauen fallen auf dieses dumme Geschwätz herein, das spezifischen Interessen dient: Die Politik redet teilweise so, die Unternehmen reden so, und viele Männer reden natürlich besonders gern so.
Das klingt nicht zuversichtlich. Ist keinerlei Abhilfe in Sicht?
Es gibt mehr Druck, beispielsweise vonseiten der EU-Kommissarin Viviane Reding, die offen damit droht, auf europäischer Ebene eine Frauenquote einzuführen. Dazu hat der demografische Wandel in allen hoch entwickelten westlichen Ländern zu einem Fachkräftemangel geführt, der die gut qualifizierten Frauen unentbehrlich macht und ihnen neue Chancen einräumt. Darüber hinaus hat eine Reihe von Publikationen wie Elisabeth Badinters «Der Konflikt – Die Frau und die Mutter» die öffentliche und private Debatte erneut angeheizt.
Die Zürcher Fachstelle für die Gleichstellung von Frau und Mann hat den Posten eines Männerbeauftragten geschaffen. Eine richtige Massnahme?
In Deutschland haben wir Gender- statt Frauenbeauftragte, die für beide Geschlechter zuständig sind. Das halte ich für sinnvoll. Mit der Einrichtung eines Männerbeauftragten erweckt man den Eindruck, als wären Männer und Frauen gleichermassen diskriminiert, wenn auch in unterschiedlichen Bereichen. Dem ist überhaupt nicht so. Ich denke, man muss sehr sensibel darauf reagieren, wenn es auf diesem Wege zu Relativierungen weiblicher Benachteiligung kommt.
Dass Frauen in Führungspositionen fehlen, gilt als eine der grössten Hürden auf dem Weg zur Gleichstellung. Sie selber waren mehr als zehn Jahre Chefredaktorin der Berliner «tageszeitung» und haben rund 300 Leute geführt. Wie kalt ist es wirklich an der Spitze?
Manchmal sehr kalt, auch hart und schmerzhaft. Man braucht Mut, Durchsetzungsvermögen, Frechheit, muss streiten können, ohne alles persönlich zu nehmen. Ich habe sicher davon profitiert, dass die taz zu Beginn der 80er-Jahre eine 50:50-Quote eingeführt hat – als erstes Unternehmen in Deutschland. Daher war ich bereits die dritte Chefredaktorin, die die Zeitung führte.
Was haben Sie gelernt, was Sie nur auf diesem Weg lernen konnten?
Strategisches Denken.
Werden Sie etwas konkreter.
Darunter verstehe ich die Fähigkeit, sich genau zu überlegen, wie man kurz-, mittel- und langfristig an ein Ziel kommt, welche Wege und Umwege man einschlägt, wen man sich zu Verbündeten macht. Es erinnert ein wenig an die Planung eines Feldzugs, was kriegerisch klingt, aber mitunter durchaus der Realität entspricht. Diese Art der Planung zu beherrschen, wäre für Frauen besonders wichtig. Sie gehen beim Begriff «strategisches Denken» aber schnell auf Distanz. Vielleicht wegen der Nähe zum Kriegshandwerk, vielleicht, weil Macht im Spiel ist, etwas, mit dem viele Frauen nichts zu tun haben wollen. Ich finde Macht toll, erlaubt sie mir doch, Entscheide zu treffen und die Welt mitzugestalten.
* Am Montag, 22. Oktober, findet um 20 Uhr im Kaufleuten Zürich die Veranstaltung «Chancengleichstellung – jetzt sprechen die Frauen!» statt. Sie wird von der Fachstelle für die Gleichstellung von Mann und Frau und dem Kaufmännischen Verband Zürich organisiert. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.10.2012, 16:32 Uhr
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37 Kommentare
"sie wollen ein selbstbestimmtes Leben führen, träumen aber immer noch vom männlichen Versorger" genau dies ist der springende Punkt, sie möchten "s'Föifi u s'Weggli" und dies geht in den wenigsten Fällen auf. Frau Bascha Mika spricht mir aus dem Herzen. Auch betreffend Führungspositionen sind "kalt, schmerzhaft" sehr treffende Worte da fehlt nur noch der Begriff "einsam". Antworten
Haben wir bisher 33 Lehrmädchen ausgebildet. An was scheitert die Weiterbildung zu 90%? "Ja mein Freund meint, dass..." Er zieht in eine andere Stadt zur Weiterbildung, die junge Frau zieht mit. Aus lauter Angst der "Gott" könnte sie sonst verlassen. Junge Frauen habt MUT, seit egoistisch und denkt an EURE Weiterbildung. Wenn der "Gott" dich verlässt ist er es nicht wert und du hast Glück gehabt. Antworten



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