Generation XY
Von Bettina Weber. Aktualisiert am 08.07.2011 11 Kommentare
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Mara Hvistendahl: Unnatural Selection – Choosing Boys over Girls and the Consequences of a World Full of Men. Public Affairs, New York 2011. 314 S.,ca. 30 Fr.
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«Surplus men», die Überzähligen, werden sie von den Demografen genannt, die Männer in China, Indien und anderen asiatischen Staaten. Überzählig sind sie in dem Sinne, dass sie keine Frau finden werden. Weil es schlicht keine gibt. Die weiblichen Föten wurden (und werden) abgetrieben, sobald ihr Geschlecht feststand. 160 Millionen sind es mittlerweile – eine monströse Zahl, die etwas anschaulicher wird, wenn man sie auf die USA überträgt: Dann würde dort keine einzige Frau mehr leben.
Sie bedeutet auch: 2013 wird jeder zehnte chinesische Mann keine Partnerin finden. 2020 wird es jeder fünfte sein, dieselben Zahlen gelten für Nordwestindien. An der prekären Situation wird sich in ganz China bis 2045 nichts ändern. Das Phänomen nennt sich Geschlechterselektion und ist ein Problem. Und es weitet sich aus, längst sind nicht mehr nur China und Indien betroffen.
Die Folgen sind verheerend
Natürlicherweise kommen auf 105 neugeborene Buben 100 Mädchen. Das ist ein weltweit geltender Durchschnittswert; deshalb weiss man, dass alle Werte, die darüber liegen, künstlich herbeigeführt wurden. Während also in Indien mittlerweile 112 Buben auf 100 Mädchen kommen, sind es in China 120, in gewissen Gebieten gar 163, und neu tauchen in der Statistik auch Aserbeidschan mit 115, Georgien mit 118 und Armenien mit 120 auf. Auch ein europäisches Land wird aufgeführt: Albanien mit 120 Knaben auf 100 Mädchen. Die Folgen einer Generation XY (benannt nach den männlichen Chromosomen), von der Wissenschaftler bereits sprechen, sind verheerend. Nicht nur für die Männer, sondern auch für die Frauen.
Mara Hvistendahl, Journalistin beim renommierten Wissenschaftsmagazin «Science», hat nun ein Buch darüber geschrieben. «Unnatural Selection» ist eine minutiös recherchierte, 314 Seiten starke Analyse des Problems, von dem man längst weiss, über das man aber nicht spricht. Die Gründe für das Töten von weiblichen Föten haben, klar, mit der immer noch minderwertigen Stellung von Mädchen und Frauen in Entwicklungs- und Schwellenländern zu tun. Dazu kommt die Ansicht, dass ein Mädchen ohnehin bloss Kosten verursacht, weil bei seiner Heirat eine Mitgift fällig wird – Plakate mit der Aufschrift «Besser 500 Rupien jetzt als 500 000 später» werben in Indien für die Abtreibung von Mädchen. Es sind indes nicht immer die Männer, die sich einen Stammhalter wünschen und ihre mit einem Mädchen schwangere Frau zum Abbruch drängen. Kurioserweise hat gerade die Emanzipation den Druck erhöht, dass Frauen sich verpflichtet fühlen, einen Sohn zu gebären: Sie mögen zwar, zum Beispiel in Südkorea, autonomer sein und nicht mehr durchschnittlich sechs Kinder bekommen, sondern nur noch eines, aber ebendieses eine Kind soll dann bitte männlichen Geschlechts sein.
Besser tot als lebendig?
Die Misere hängt allerdings nicht nur mit überholten Traditionen zusammen. Hvistendahl weist der UNFPA, dem Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, nach, dass sie das Thema verschweigt und verharmlost – aus Furcht, dass sonst die Debatte um die Abtreibung als solche wieder losgetreten würde. Hvistendahl gibt unumwunden zu, eine Befürworterin des Schwangerschaftsabbruchs zu sein, räumt aber ein, dass die Geschlechterselektion diesbezüglich unangenehme Fragen aufwerfe und man nicht darum herumkomme, sich diesen zu stellen.
Als in den 60er-Jahren das Problem der Überbevölkerung thematisiert wurde, begriff man den Zusammenhang zwischen der Anzahl Söhne pro Familie und der Anzahl Kinder insgesamt: Paare zeugten so lange Kinder, bis endlich der ersehnte männliche Nachkomme geboren wurde, erst danach wurde die Familienplanung als abgeschlossen betrachtet (das galt übrigens nicht nur für arme Länder, ähnliche Tendenzen liessen sich auch in den USA nachweisen). Paul Ehrlich, Autor des 1968 erschienenen und über zwei Millionen Mal verkauften Buches «The Population Bomb», schrieb: «Wenn es eine einfache Methode gäbe, mit der garantiert werden könnte, dass erstgeborene Kinder männlichen Geschlechts sind, wären die Bevölkerungsprobleme in vielen Ländern gelöst.» Sein Wunsch sollte sich auf unheilvolle Weise erfüllen: Zwei Jahre nachdem China 1980 die 1-Kind-Politik eingeführt hatte – finanziell unterstützt von der UNFPA –, gingen die Ultraschallgeräte in Massenproduktion. Staatlich verordnete Familienpolitik (nur ein Kind pro Familie), alte Traditionen (Mädchen sind weniger wert) und moderne Technik (Ultraschallgeräte, mit denen bereits im frühesten Stadium der Schwangerschaft zu erkennen war, ob sich das Austragen des Kindes «lohnt») gingen eine verhängnisvolle Verbindung ein.
Die UNFPA wie auch Ehrlich sind bis heute davon überzeugt, dass dies der einzig vernünftige Weg sei, um der Überbevölkerung Herr zu werden. Gegenüber Hvistendahl meinte Ehrlich gar, dass die Abtreibung für die weiblichen Föten ja auch ihr Gutes habe, es sei ihnen dadurch ein ohnehin schreckliches Leben erspart geblieben. Hvistendahl argumentiert genau umgekehrt: Das Leben der Frauen sei gerade wegen der Geschlechterselektion schrecklicher geworden. Die Zahlen geben ihr recht; nicht einmal eine hohe Armutsrate korreliert so stark mit der Kriminalitätsrate wie eine verzerrte Geschlechterstatistik. Will heissen: In Gegenden, in denen Männer in der Überzahl sind, herrscht mehr Gewalt. Für Frauen, die in einer solchen Umgebung leben, bedeutet das nichts Gutes. Dass die geschlechtsspezifische Abtreibung in Indien seit 1994 verboten ist, wie in China und Südkorea auch, hat nichts mit moralischen Gründen zu tun, sondern damit, dass man bereits damals um die Folgen für die Gesellschaft wusste.
Frauen als Ware
Sind Frauen ein knappes Gut, dann versagen die Regeln der Ökonomie: Ihr Status wird nicht etwa erhöht, im Gegenteil. Sie werden zur Ware. Es tun sich neue Märkte auf, Frauenmärkte gleichsam: Der Frauenhandel nimmt zu, die Prostitution ebenfalls (übrigens auch die männliche), arme Eltern verkaufen ihre Töchter bereits im Kindesalter an reiche Eltern von Söhnen, auf dass diese später nicht leer ausgehen müssen, die Heiratsvermittlungsagenturen boomen. In Taiwan, Südkorea und Singapur, den ersten Ländern, die ungleiche Geschlechterquoten entwickelten, stellt der Frauenhandel inzwischen einen eigentlichen Industriezweig dar, von staatlich anerkannten Agenturen verwaltet: In Südkorea gibt es über 1000 «international marriage agencies», bei einem Drittel aller in Taiwan geschlossenen Ehen ist die Ehefrau Ausländerin, in bäuerlichen Gebieten sind es gar 40 Prozent.
Wissenschaftler sprechen von «Heiratsmigrantinnen», wenn Männer aus armen Ländern sich Frauen aus noch ärmeren Ländern kaufen; in Asien sind das vor allem die Vietnamesinnen, die als «anspruchslos, devot und gehorsam» angepriesen werden. Die Beliebtheit der Importbräute vergrössert wiederum den bereits herrschenden Männerüberschuss in deren Heimatland: In Vietnam fehlen mittlerweile ebenfalls vier Millionen Frauen. Ähnliches befürchtet man in Armenien, Albanien und Georgien, wenn auch aus anderen Gründen. Das Problem des dortigen Frauenmangels wird sich zusätzlich verschärfen, weil es heute eher die Frauen sind, die aus einer wirtschaftlich unergiebigen Umgebung abwandern – ihre Arbeitskraft ist in den Industrieländern mit ihrem Bedürfnis nach Dienstleistungen mehr gefragt.Generell scheint das weibliche Geschlecht, zumindest im Westen, eine Aufwertung zu erfahren. In den USA, so schreibt Mara Hvistendahl nämlich, liessen sich bezüglich des Wunschkindes eindeutige Präferenzen beobachten: 80 Prozent aller Paare, die in Fortpflanzungskliniken das Geschlecht wünschen können, bevorzugten ein Mädchen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.07.2011, 08:12 Uhr
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11 Kommentare
Ein Zeichen, dass der männliche Sexismus die Menschheit/-lichkeit an den Abgrund führt... Wenn man gewisse Männer-Posts hier im Tagi online liest, kommt die Gewissheit auf, dass wir auch hier in der Schweiz diesen Sexismus und die Diskriminierung der Frau noch lange nicht überwunden haben. Wären diese CH-Männer in einem andern Land, würden sie wohl auch die Abtreibung von Mädchen befürworten... Antworten

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