Gott ist tot. Es lebe der Glaube!
Von Guido Kalberer, Wien . Aktualisiert am 29.06.2010 14 Kommentare
Charles Taylor
Der kanadische Philosoph und Politikwissenschaftler Charles Taylor wurde 1931 geboren. Nach seinem Studium an der McGill University in Montreal und in Oxford lehrte er zuerstin England, dann bis zu seiner Emeritierung in Kanada. Charles Taylor ist einer der einflussreichsten Sozialphilosophen der Gegenwart. Die Hauptthemen seiner Forschungen sind die Moralphilosophie, die westliche Identität und die multikulturelle Gesellschaft. 2008 erhielt er für sein Lebenswerk den Kyoto-Preis, den «Philosophie-Nobelpreis», und für sein jüngstes Buch «Das säkulare Zeitalter», das auf Deutsch beim Suhrkamp-Verlag erschienen ist, den angesehenen Templeton-Preis. (kal)
Schon um 11 Uhr ist es über 30 Grad, die Luft steht reglos im Raum, nur ab und zu geht ein leichter Windstoss durch das offene Fenster. Draussen erstickt der Strassenlärm in der Mittagshitze, und der Donaukanal fliesst träge neben den Radfahrern dahin. Locker gekleidet sitzt der 79-jährige Philosoph Charles Taylor in seinem Bürostuhl im Institut für die Wissenschaft vom Menschen, wo er als Permanent Fellow arbeitet, und antwortet auf die abschliessende Frage genauso offen wie bestimmt: «Ja, ich bin ein praktizierender Katholik.»
Man glaubt es ihm sofort: Denn ohne diese religiöse Verankerung hätte er wohl kaum das monumentale Werk mit dem Titel «Ein säkulares Zeitalter» stemmen können. Faszinierend erzählt es auf 1300 eng beschriebenen Seiten die jüngste Geschichte des Christentums, das in seiner westlichen Variante schliesslich in ein säkulares Stadium mündete. «Man kann nun aber nicht behaupten, dass das Christentum die Voraussetzung oder Bedingung der Säkularisierung war. Denn in andern christlich geprägten Kulturen etwa im asiatischen oder arabischen Raum hat es keine Verweltlichung in unserem Sinne gegeben. Mit Sicherheit kann man jedoch sagen, dass unsere Säkularisierung christlich geprägt ist.» Manche christlichen Werte, von denen das Mittelalter bloss träumen konnte, prägen heute unseren Alltag.
Philosophie bleibt verständlich
Charles Taylor lehrt und betreibt eine Philosophie, die trotz der Komplexität der Materie stets verständlich bleibt. Sein Lehrer in Oxford, Isaiah Berlin, sagte einmal, wenn nicht einmal Taylor ein philosophisches Werk erklären könne, sei es schlecht um dieses bestellt. Zudem ist er einer, der im Dialog ein wesentliches Mittel zur Wahrheitsfindung sieht. So sucht Taylor am Abend dieses Sommertages das öffentliche Gespräch mit Kardinal Christoph Schönborn über die Rolle und Bedeutung der Kirche. Der Religionsphilosoph sieht in der Tatsache, dass sich immer mehr Menschen von der Kirche abwenden, eine Reaktion auf die Einengung dessen, was Religiosität ist.
In der Geschichte der katholischen Kirche seit dem Mittelalter sind, so bedauert Taylor, immer mehr religiöse Praktiken als Magie oder Aberglauben abgewertet und ausgeschlossen worden. «Zwingli hat sogar in der Heiligen Messe etwas Magisches gesehen, das es zu bekämpfen galt. Dies und vieles andere hat zu einer Exkommunikation der Spiritualität geführt.» Heute müsse es darum gehen, die ungemein vielfältigen Formen der spirituellen Sinnsuche wieder in die Kirche zu integrieren. Es sei keineswegs so, dass im verweltlichten westlichen Säkulum der Glaube keine Rolle mehr spiele – er äussere sich bloss anders.
Austreibung der Spiritualität
Auch am Schluss seines Opus magnum «Das säkulare Zeitalter» kommt Charles Taylor auf die spirituellen Sinnsucher zu sprechen, welche die durchrationalisierte westliche Welt bevölkern, in der der Glaube nur noch eine Option unter anderen Lebensentwürfen darstelle – und die häufig mangels Angeboten in andere Weltgegenden auswandern. Diese Austreibung der Spiritualität aus den Ordnungsorganen des Glaubens sieht Taylor als Armutszeugnis der Kirchen – beziehungsweise als Angst vor einer religiösen Ergriffenheit, die die Institutionen des Glaubens nicht vorsehen. Wie stark sich nämlich unser neuzeitlicher christlicher Glaube archaischer Spiritualität verdankt, das wird einem erst richtig bewusst, wenn man mit Taylor durch die Jahrhunderte schreitet und sich die Verflachung und Nivellierung der religiösen Praxis vor Augen führt.
Die «disziplinierende Gesellschaft», die schon Michel Foucault als ordnendes Zivilisationsorgan ins Visier genommen hatte, dämmte auch die Formen des Glaubens ein, die im Mittelalter wild wucherten. Hier setzt Taylors Kritik ein: Religiosität und Säkularisierung sind nicht, wie die meisten denken, zwei aufeinanderfolgende Einstellungen zur Welt, auch nicht zwei sich widersprechende Positionen, sondern zum Teil gegenläufige, zum Teil sich ergänzende Denkströmungen.
Mit der These, dass die Aufklärung nicht die Aufhebung des Mythos darstelle, mischt Taylor die Karten neu, die zwischen Atheisten und Gläubigen bereits verteilt waren. «Es gibt weniger Menschen, die an einen persönlichen Gott zu glauben behaupten, aber mehr, die an einer unpersönlichen Kraft festhalten.» Mit anderen Worten: Zugenommen haben religiöse Überzeugungen, die sich ausserhalb der christlichen Orthodoxie bewegen. Für Taylor gibt es eine Art «désir d’éternité», das heisst eine Sehnsucht nach einer Transzendenz, die über den Alltag hinausgeht. Selbst Nietzsches Diktum «Gott ist tot» lege den Finger auf eine Wunde, die letztlich nicht verheilen werde. Die Transzendenz ist nach Taylor eine unversiegbare Quelle.
Die Vernunft der Religion
Sein Buch, das Erzählung und Argumentation verbindet, belebt und bereichert eine Debatte, die unter dem Titel «Die Wiederkehr der Religion(en)» immer breitere Kreise erfasst. Selbst Jürgen Habermas, der sich zu dem Thema lange Jahre nicht geäussert hat, betont neuerdings, dass «die religiöse Rede bei entsprechenden politischen Fragen zu einem ernsthaften Kandidaten für mögliche Wahrheitsgehalte» werden könne. Dass der religiöse Diskurs als eine Option unter anderen anerkannt wird – weder höher noch tiefer stehend –, zeigt auch, dass die bipolaren Sichtweisen an Erklärungskraft verlieren.
Taylor fordert bei der Betrachtung des Themas mehr Differenzierung: Religion sei weder eine mangelhafte Form von Vernunft noch eine Bedrohung für das säkulare Denken. Und er kommt in einem Essay für die neuste Nummer der Zeitschrift «Transit» zu dem gesellschaftspolitisch relevanten Schluss: «Wenn die Demokratie den Herausforderungen unserer Zeit gewachsen sein soll, darf sie die säkularistische Ordnung nicht länger als Bollwerk gegen die Religion verstehen.»
An einer internationalen Tagung im traumhaft gelegenen Institut Français treffen sich tags darauf Religionsforscher, um über das Thema «Religion und Gewalt» zu diskutieren. Charles Taylor ist ein begnadeter Moderator, der mit einer geradezu jugendlichen Neugier zuzuhören versteht. Bei der populistischen These, dass der Islam des Teufels sei, kann er schon mal die Contenance verlieren und Nicolas Sarkozy scharf kritisieren, der sich nach den Unruhen 2005 in den Vororten von Paris der Sprache des Kampfes bediente. Dabei wäre «calmer les esprits» die vordringliche Aufgabe des damaligen Innenministers gewesen.
Von der Schweiz enttäuscht
Das Aufeinandertreffen der Religionen sei genauso unvermeidlich wie die daraus erwachsenden Konflikte. Anstatt diese zu einem Nebeneinander oder gar Miteinander zu führen, strebten einige Scharfmacher das Gegeneinander an. Die Geschichte lehre aber, dass nur durch ein Zusammenwachsen Fortschritte erzielt werden – der Ausschluss befeuere bloss die Fundamentalisten. «Im Unterschied zu den Naturwissenschaften gibt es in religiösen oder moralischen Fragen kein universelles Einverständnis. Wenn sich säkulare oder atheistische Ansichten ins absolute Recht setzen, können jakobinische Tendenzen nicht ausgeschlossen werden», meint Taylor im Gespräch.
Keinerlei Verständnis zeigt er für die Entscheidung des Schweizervolks, den Bau von Minaretten zu verbieten. Der zweisprachig aufgewachsene Kanadier, der während des Studiums Deutsch lernte, um Kant, Hegel und Nietzsche im Original lesen zu können, ist von dem multikulturellen Land im Herzen Europas sichtlich enttäuscht. «On the long run» ist Charles Taylor jedoch optimistisch, und zwar aus einem einfachen Grund: Das friedliche Zusammenleben sei letztlich das Ziel der grossen Mehrheit. Bloss sorgt dies nicht für Schlagzeilen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.06.2010, 20:00 Uhr
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14 Kommentare
Viele Intellektuelle (und natürlich sog. "gewöhnliche" Bürger) erachten das Minarettverbot als peinlich - vgl. auch das Interview im TA mit Tony Judt. Und dies mit Recht (abgesehen davon, dass das Minarettverbot den Fundamentalismus stärkt - siehe die Herren Vogel oder Blancho)! Was unser Unverständnis mit dem Akzeptieren von Demokratie zu tun haben, weiss ich nicht. Wir haben Meinungsfreiheit. Antworten






