Grandios im Scheitern
Fürsprecher der unpraktisch veranlagten: Serhij Zhadan. (Bild: Maciek Król)
Das Buch
Serhij Zhadan: «Hymne der demokratischen Jugend». Suhrkamp, 185 Seiten.
Einer ist zurückgekommen, um in einem heruntergekommenen Sandwichladen den ersten Schwulenclub der Stadt Charkiw zu eröffnen. Eine Marktlücke. Dumm nur, dass die Schwulen den Club meiden – und so versucht man es halt mit der Durchführung eines Wettbewerbs für kreative Kinder, der sich ausgerechnet «Bestickte Tücher» nennt, später bringt man alternde Zigeunersängerinnen und Clowns in den Club. Nichts hilft, die Versuche, den Laden in Gang zu bringen, enden in Unfällen und Chaos.
Was jetzt? Lachen? Weinen?
Das ist nur ein Teil des Romans «Hymne der demokratischen Jugend» des ukrainischen Kultautors Serhij Zhadan, und doch drückt er aus, was sich wie ein roter Faden durch die sechs Episoden zieht: «Hymne der demokratischen Jugend» ist ein Buch über das Scheitern, ein so überdrehtes, satirisches und komisches Scheitern, dass die Leser gar nicht mehr wissen, ob sie über die Helden lachen sollen oder um sie weinen. Es scheint, dass die postsowjetische Ukraine nicht nur Hunderte neuer Geschäftsmöglichkeiten bietet, sondern mindestens gleich viele Arten zu scheitern.
Studienfeld Ukraine
Beobachter dieses bizarren Geschehens ist Serhij Zhadan, seines Zeichens einer derjenigen, die es trotz allem geschafft haben. Der 35-Jährige lebt seit Jahren als erfolgreicher Autor, Poet und Übersetzer in der Industriestadt Charkiw, wo er studiert und über den ukrainischen Futurismus promoviert hat. «Ich liebe diese Stadt sehr», sagt Zhadan, «ich kann hier alles spüren.» Dies sei für einen Autor etwas vom Wichtigsten: Er müsse die Stimmungen, über die er schreibe, auch fühlen.
Die Ukraine, nach über siebzig Jahren Kommunismus plötzlich auf sich selbst und den Kapitalismus zurückgeworfen, bietet sich dafür an. Dies hat Zhadan schon in früheren Werken gezeigt, zum Beispiel in seinem ersten auf Deutsch erschienenen Roman «Depeche Mode» (2007), der die unmotivierte Suche nach Spass und einem verschollenen Freund zum Thema hatte – und dabei unverkrampft die Orientierungslosigkeit der postkommunistischen Jugend aufzeigte. «Hymne der demokratischen Jugend» kommt erwachsener daher, die halbwüchsigen Helden aus «Depeche Mode» sollen nun etwas aus ihrem Leben machen – und haben ganz viele Einfälle, wie das anzugehen ist, nur ziehen sie die Sache nie durch. So ist nicht nur der Schwulenclub ein Reinfall, sondern auch die Bestattungsfirma House of the Dead, die letztlich an einer Powerpoint-Präsentation scheitert.
Halb fertige Helden
«Meine Helden sind irrational und unpraktisch veranlagt», sagt Serhij Zhadan. Es sei wichtiger für sie, kompromisslos für ihre Sicht der Dinge einzustehen, als etwas wirklich durchzuziehen. Halb fertige Helden, die Halbfertiges oder eben, aus Sicht der Gesellschaft, höchstens Unbrauchbares produzieren.
Diese Einstellung, sagt Zhadan, sei gar nicht so sehr mit dem Postkommunismus verbunden als vielmehr mit den Eigentümlichkeiten dieser Figuren. «Auch in der Schweiz gibt es solche Menschen, überall kann es sie geben, aber sie fühlen sich in die Ecke gedrängt, weil die Gesellschaft heute hart und intolerant gegenüber Andersdenkenden ist.»
Und die Reaktion darauf? Da kann es verschiedene geben. Zhadans Helden zum Beispiel – meist junge Männer – passen sich deshalb erst recht nicht an. Sie schlittern weiter und beinahe fröhlich in den Alkohol, Beziehungen ohne Zukunft, zwielichtige Geschäfte und ungesunde Freundschaften. Und auf ihre Art sind sie gar glücklich dabei. Oder, wie es Serhij Zhadan formuliert: «Sie sind es, die die Gesellschaft aufmischen und uns davor bewahren, dass wir vor Langeweile erstarren.»
Doch nicht alles verloren
Übrigens: Der Typ mit der Idee des Schwulenclubs findet am Schluss der Erzählung einen Hund, mit dem er spontan ein Stück Kuchen teilt. Die Helden in «Hymne der demokratischen Jugend» scheitern zwar an ihren Ideen, «dafür kommt irgendetwas anderes dabei heraus», sagt Zhadan. Zum Beispiel ein Hund als neuer, treuer Lebensgefährte. Und manchmal gar Freiheit und Unabhängigkeit. (Berner Zeitung)
Erstellt: 31.12.2009, 11:49 Uhr






