Haruki Murakami, der Wirtschaftsmotor Japans
Von Jan Knüsel. Aktualisiert am 14.08.2009
Zum Buch und zur Person
«1Q84» erzählt die Geschichte der weiblichen Heldin Aomame, eine Singlefrau mit einer düsteren Seite und die ihres männlichen Gegenparts Tengo, ein Mathematiklehrer im müden Mittelmass, der nebenbei eine Romanvorlage einer 17-Jährigen heimlich umschreibt. Die Erzählungen der beiden alterniert von Kapitel zu Kapitel. Der düstere Roman versprüht die Atmosphäre der 1980er-Jahre und handelt von Themen wie Einsamkeit, Kult, Missbrauch, Verlust, Sex, Mord und einem Bestseller im Bestseller.
Haruki Murakami, 60, ist in Kobe aufgewachsen und hat an der renommierten Waseda Universität in Tokio Theaterwissenschaft und Drehbuchschreiben studiert. Zwischen 1974 und 1982 führte er eine Jazz-Bar in Tokio. Sein Debüt gab er 1979 mit dem Roman «Kaze no uta o kike» (engl. «Hear the Wind Sing»). Der grosse Durchbruch als Schriftsteller gelang ihm 1987 mit «Naokos Lächeln». Im deutschsprachigen Raum erschien zuletzt «Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede», ein Tagebuch über Murakamis Leidenschaft zum Marathon.
Über zwei Millionen Mal wurde der zweibändige Roman mit dem Titel «1Q84» seit der Veröffentlichung am 27. Mai 2009 verkauft, und das bei einem Verkaufspreis von umgerechnet zwanzig Franken. Das 1055 Seiten schwere Buch ist der erste längere Roman von Murakami seit fünf Jahren. Murakami hat sich im deutschsprachigen Raum mit Büchern wie «Naokos Lächeln», «Gefährliche Geliebte» oder «Kafka am Strand» einen Namen gemacht.
In allen grossen Buchhandlungen in Japan türmen sich die Neuausgaben von «1Q84». Der Titel lehnt sich an George Orwells Klassiker 1984 an und lässt auf japanisch als «1984» aussprechen, da die japanische Aussprache von Q auch 9 bedeutet kann. Bereits am 1. Juli waren eine Million Exemplare über den Ladentisch gegangen. Der Verkauf scheint nach zwei Monaten nicht wirklich abzuflauen. Die Nachdrucke laufen selbst im August noch auf Hochtouren.
«Ich kann mich nicht an einen ähnlichen Event erinnern», berichtet ein Verkäufer gegenüber der Tageszeitung Asahi Shimbun. Selbst der überaus erfolgreiche Murakami-Roman «Kafka am Strand» brauchte fünf Jahre, bis er sich 740'000 Mal verkaufen konnte. Von einem Bestseller spricht man in Japan bei 50'000 verkauften Büchern.
Murakamis wirtschaftliche Bedeutung
Der Buchverlag Shinchosha verzichtete auf eine aufwändige Marketingkampagne. Der Name Haruki Murakami und die Ansage eines neuen Romans genügten vollends, um die Gerüchteküche in den Medien und Blogs heisslaufen zu lassen. «Selten war eine Buchveröffentlichung ein derartiges gesellschaftliches Ereignis», sagt Fumiaki Mori, Sprecher von Shinchosha. Zudem verhalf die Verleihung des renommiertesten Literaturpreises Israels an Haruki Murakami diesen Februar dem Schriftsteller dabei, eine zusätzliche Leserschaft in seinem Land anzusprechen. Obwohl in Japan Stimmen laut wurden, er solle den sogenannten «Jerusalem Prize» wegen des Gazakrieges ablehnen, entschied er sich für das Gegenteil: «Besser als den Preis abzulehnen und nichts zu sagen, war es, sich für das Reden zu entscheiden.»
Haruki Murakami ist zu einem regelrechten Wirtschaftsmotor Japans geworden. Die Veröffentlichung des Buches zieht den japanischen Buch- und Musikhandel fast eigenhändig aus der Krise. So erlebt die Nachfrage nach George Orwells Literaturklassiker «1984» ein unerwartetes Comeback. Auch die Musikindustrie profitiert von Murakamis neuem Roman, denn in «1Q84» hören sich die Protagonisten Aomame und Tengo die «Sinfonietta» vom tschechischen Komponisten Leos Janacek an. Dies alleine genügte, um 6'000 CDs Janaceks in nur einer Woche zu vertreiben.
10 Millionen Mal «Naokos Lächeln»
Ganz nebenbei erleben Murakamis andere literarische Werke einen neuen Nachfrage-Boom. Erst gerade letzte Woche durchbrach sein bis anhin erfolgreichster Roman «Naokos Lächeln» von 1987 die Schallmauer von 10 Millionen gedruckten Büchern in Japan. Die Geschichte über den jungen Toru Watanabe und dessen Jugendfreundin Naoko gehört selbst 22 Jahre nach ihrem Erscheinen zu den Kultromanen unter den japanischen Studenten.
In den Verkaufsranglisten der japanischen Universitätsbuchhandlungen hat «Naokos Lächeln» seit Jahren einen festen Platz in den Top Ten. Der Roman wurde in 33 Sprachen und in 36 Ländern herausgegeben. Im Herbst 2010 kommt eine Verfilmung ins Kino. Der französisch-vietnamesische Regisseur Tran Anh Hung («Cyclo», «À la vérticale de l’été», «I Come With The Rain») wird dafür verantwortlich zeichnen.
Was «1Q84» anbelangt, wird sich die deutschsprachige Leserschaft bis Herbst 2010 auf eine Übersetzung gedulden müssen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 14.08.2009, 13:34 Uhr




