«Herr Steinbrück, Sie haben Mundgeruch»
Die Schweizer sind in ihrer Mentalität Bergler geblieben: Thomas Hürlimann. (Bild: Keystone)
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Der Essay
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Thomas Hürlimann
Thomas Hürlimann wurde am 21. Dezember 1950 in Zug geboren. Nach der Matur studierte er Philosophie an der Universität Zürich und der Freien Universität Berlin. Dieses Studium brach er 1974 ab und liess sich als freier Schriftsteller in Berlin-Kreuzberg nieder. Von 1982 bis 1985 war er Regieassistent und Dramaturg am Berliner Schillertheater. 1985 kehrte er in die Schweiz zurück. Seit 2000 ist er Dozent am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.
Die Schweizer Öffentlichkeit hat sich nach dem medialen Schlagabtausch im Steuerstreit beruhigt. Doch noch immer hallen Steinbrücks «Kavallerie» und Münteferings «Soldaten», die gegen die Schweiz aufmarschieren sollten, in den Köpfen vieler Schweizer nach. Auch bei dem Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann, der in einem Essay für die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» den Konflikt analysiert.
Die Deutschen kommen aus den Wäldern, wir aus den Bergen, schreibt Hürlimann. Er – der «Schweizer Patriot» – habe nach den letzten Wochen wieder einmal feststellen müssen, dass Schweizer und Deutsche auf verschiedenen Planeten leben. Hürlimann betont aber, dass er ein «Freund» Deutschlands sei, und fragt: Was wäre die Schweiz ohne die deutsche Kultur?
«Ver-Bergler»
Für Hürlimann ist klar: Die Schweizer sind in ihrer Mentalität Bergler geblieben – und damit auch «Ver-Bergler»: «Das Horten war ihr Leben, ihre Leidenschaft». Damit erklärt er sich die Banksafe-Dichte hierzulande. Schon die alten Eidgenossen hätten sich auf die Höhen zurückgezogen, um die Habsburger zu bekämpfen. «Und in den Weltkriegen baute das Militär das Innere der Alpen zu einem einzigartigen Bunkersystem aus, worin die Armee, wäre die Schweiz überfallen worden, in ewiger Dämmerung ausgeharrt hätte. Auf gut eidgenössische Art verborgen».
Dieses «Tarngebot» ist es, so Hürlimann, das die Strategie der Schweiz bis heute prägt. Ganz anders die Deutschen: Sie hatten sich seit Alters her in den Wäldern versteckt. Doch mit der Moderne verschwanden die Wälder, die Deutschen wurden schutzlos. Aus der Angst vor der Blösse erwuchs die «Waldsehnsucht». Der Oberförster – zum Beispiel Peer Steinbrück – sei das Erscheinungsbild des deutschen Politikers, die Traum- oder Albtraumgestalt, die «den Nationalwald mit harter und treffsicherer Flinte beherrschen soll».
Kollektives Zusammenzucken
Genau in diesem Mentalitätsunterschied liegt für Hürlimann der Kern des Konflikts: Die Sehnsucht nach dem totalen Staat haben sich die Deutschen erhalten. «Natürlich muss ein solcher Staat stark sein, gesund wie ein gut gehegter Forst, und machtbewusst, kenntlich in Worten und Taten, lieben sie den Oberförster und seine Gesellen.» Die Schweizer lieben ihre Oberförster nicht. Deshalb seien sie kollektiv zusammengezuckt, als Müntefering und Steinbrück drohten. «Das halten wir für schlechten Oberförsterstil. Mit Mundgeruch. Widerlich.»
Hürlimann ist aber überzeugt, dass sich das Ganze spätestens nach den deutschen Wahlen im Herbst wieder legen wird. Dann würden die «Indianer-Jäger von ihrem Hochsitz purzeln» – und die Schweizer die Zeit wieder mit Scheffeln verbringen. (cha)
Erstellt: 09.04.2009, 14:51 Uhr






