Hier steht Europa auf dem Spiel

Navid Kermani ist die Flüchtlingsroute abgereist – enstanden ist eine Reportage voll Empathie und Zorn

Grossartiger Romanautor und Reporter: Navid Kermani. Foto: Keystone

Grossartiger Romanautor und Reporter: Navid Kermani. Foto: Keystone

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Navid Kermani, Friedenspreisträger des Jahres 2015, schreibt nicht nur Romane und Sachbücher über den Islam, er ist auch ein grossartiger Reporter, wie er zuletzt mit dem Band «Ausnahmezustand» gezeigt hat. Seine Stärken: Er schaut genau hin, hört seinen Gesprächspartnern aufmerksam und unvoreingenommen zu und zieht die Konsequenzen aus dem Gesehenen, die er in deutliche, harte, politisch unbequeme Worte fasst. So ist für ihn, wie er im neuen Band «Einbruch der Wirklichkeit» schreibt, das europäische Asylsystem «ein Wahnsinn», die diversen Grenzschutzmassnahmen «nichts anderes als eine massive staatliche Förderung der Schlepperindustrie».

Neben dem Sinn für die treffende Formulierung zeichnet den Reporter Kermani auch der Blick für das kleine, aber aufschlussreiche Detail aus, das im grossen Ganzen unterzugehen droht und hier wie ein Brennglas wirkt, aus dem ein scharfes Licht auf die Verhältnisse fällt.

Sein neues Buch ist aus einer Reportage für den «Spiegel» entstanden, die Kermani erheblich erweitert hat, und beruht auf einer Reise, die der Autor im vergangenen Herbst entlang der Flüchtlingsroute unternommen hat, aber in Gegenrichtung: von seinem Wohnort Köln über diverse Stationen und Grenzen auf dem Balkan bis nach Lesbos und zum türkischen Hafen Assos. Dort trifft er Menschen, die alles riskiert und das Letzte gegeben haben, um Krieg und Elend zu entkommen, und die jetzt in der Türkei gestrandet sind, von betrügerischen Fluchthelfern um ihr letztes Geld geprellt. In Not und Chaos gedeiht eine besonders widerwärtige Form der Kriminalität.

Viele junge Helfer

Kermani kennt (und nennt) die Preise für jeden kleinen Schritt in Richtung Deutschland. Er empört sich über den «vom Staat eingeübten Rassismus» in Ungarn und begeistert sich für die vielen jungen Leute, die er – im selben Land! – unter den Helfern findet. Nein, dies sei keine apolitische, selbstsüchtige Generation, schreibt er: Überall stösst er auf engagierte Jugend. Und Helfen tut gut, auch den Helfern; es kann sogar traditionelle Feindschaften auflösen. Auf Lesbos beobachtet Kermani, wie Mitglieder einer israelischen und einer islamischen NGO abends in der Taverne zusammensitzen.

Umgekehrt stimmt die Beobachtung auch: Wer Europa abschotten, zur Festung ausbauen wolle, der werde «das eigene Herz verhärten», seine «Persönlichkeit verstümmeln», schreibt Kermani. Drastische Worte für drastische Verhältnisse. Nur europäische Solidarität könne die Lösung sein, meint Kermani, kein Rückzug hinter nationalen Stacheldraht. Tatsächlich steht für ihn mit der Flüchtlingsfrage das ganze Projekt Europa auf dem Spiel.

Ein Polizist in Tränen

Ein lesenswertes, schmales und deshalb schnell gelesenes Buch (illustriert mit Schwarzweissbildern des Magnum-Fotografen Moises Saman), gültig, auch wenn die Reise im letzten Herbst unternommen wurde und sich die Verhältnisse auf der Flüchtlingsroute schnell ändern. «Köln», also die unsäglichen Übergriffe in der Silvesternacht, lag noch in der Zukunft. Aber Kermani hat noch im Dezember bei der Stadt recherchiert und festgestellt, dass es eine regelrechte Warteliste für Helfer gibt.

Und die Brennglas-Details? Hier nur zwei. Das eine: Als er eine Gruppe von gestrandeten Afghanen trifft, die kaum noch Trinkwasser haben, reicht einer von ihnen – vielleicht ein Reflex, eine Erinnerung an alte Gesten der Gastfreundschaft? – die seine zuerst dem Reporter. Das andere: Ein kleines syrisches Mädchen streicht einem kroatischen Polizisten zärtlich über die Uniform; dieser bricht in Tränen aus. Und noch ein treffendes Zitat: «Ein Schuh von Frau Merkel ist mehr wert als alle arabischen Führer.» Sagt ein arabischer Flüchtling, gefragt nach der «Hilfe» der reichen arabischen Staaten.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 16.02.2016, 18:04 Uhr)

Hohe Bilder

Navid Kermani. Einbruch der Wirklichkeit. Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa. C. H. Beck, München 2016. 92 S., ca. 17 Fr.

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