Hitler, high

Buchautor Norman Ohler versucht, den Wahn des NS-Regimes mit dessen Drogenexzessen zu erklären. Das überzeugt teilweise.

Ohlers Buch stiess in den Feuilletons auf grosse Resonanz: Reuters-Video zum Buch.
Video: Reuters

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Wenn psychoaktive Stoffe den Organismus fluten und der Verstand sich verfärbt, schärft oder ausdünnt, ist das ein verlockender Moment – für Konsumenten, aber auch für Schreiber. Doch nur wenigen gelingts, halluzinogene Zustände in Worte zu übertragen, so wie zum Beispiel Tom Wolfe mit seinem LSD-Report «The Electric Kool-Aid Acid Trip».

Auch Norman Ohler, bisher als Schriftsteller und Drehbuchautor mässig bekannt, zählt nun zu diesem Zirkel. Sein erstes Sachbuch «Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich» entwickelt in seinen besten Passagen einen seltenen Sog, wenn Ohler in Kapiteln wie «Planet Werwolf» oder «Ostrausch» von den drogenbedingten Nervenkrisen und Wahnideen der NS-Elite erzählt.

Der ominöse «Patient A»

Zumal die letzten Jahre von «Patient A» schildert Ohler eindrücklich als Dauerdelirium: «Sein durch Neurotoxität irreversibel geschädigtes Gehirn bekam keine neue Stimulanzien mehr, hatte alle Rezeptoren abgeschaltet, die die Transmitter hätten besetzen können – und so wirkte gar nichts mehr, es war nur noch ein Abspulen der alten Wahnschlaufen: die Verfolgungsangst, die Panik vor den roten Pusteln, vor den Juden, den Bolschewisten.»

Unter «Patient A» notierte Theo Morell die Anliegen und Gebrechen seines wichtigsten Patienten, Adolf Hitler. Der Leibarzt tat dies penibel, «denn wäre Hitler etwas zugestossen», schreibt Ohler, «hätte er detaillierte Berichte an die Gestapo aushändigen müssen». Mit einer allzu aggressiven Therapie einer Ruhr-Erkrankung begann Hitlers Drogenkarriere im August 1941. In der Folge konsumierte er eine Vielzahl teils ziemlich obskurer Beruhigungsmittel und Rauschgifte: von Quadro-Nox bis Profundol, von Kokain bis Belladonna Obistinol.

«Machen Sie das Kokainzeug hinein»: Diktator Hitler.

Ab 1943 setzte Morell Hitler zusätzlich Eukodal-Spritzen, die erste vor einem Treffen mit Mussolini. Ein voller Erfolg: Vor der Spritze war Hitler lethargisch – danach redete er Mussolini energisch den Kriegsaustritt aus. Das Heroin-ähnliche Eukodal wurde zu einem Lieblingsstoff Hitlers, den er auch als Bestandteil abstruser Drogenmischungen zu sich nahm. Ohne deren Euphorieschübe konnte sich der NS-Führer schon bald nicht mehr zu den Lagebesprechungen aufrappeln. Ohler spricht von «polytoxikomanischen Monaten».

Doch wenn der Flash nachliess, wurde Hitler apathisch und realisierte die Nebenwirkungen: Schlafstörungen und Schüttelanfälle, Verstopfungen und «quälende Winde» (Morell). Hitler, der Junkie, verfiel körperlich innert Monaten. Der Teufel selbst befand sich in einem psychoaktiven Teufelskreis – und aus offensichtlichen Gründen getraute sich niemand, ihn daraus zu befreien. Als er, Morell, sich in einer Sprechstunde zurückgehalten habe, habe Hitler bloss gesagt: «Sehen Sie doch bitte noch einmal in meine Nase und machen Sie das Kokainzeug hinein.»

Die Drogen als Unheilverstärker

Ohler legt Hitlers monströse Krankenakte als Erster so ausführlich wie anschaulich dar. Und er leitet aus ihr eine plausible These ab: Hitler habe sein Selbstverständnis als Übermensch, das von der Propaganda entworfen und durch die Blitzsiege 1939–41 bestätigt worden war, nur dank aufputschender Flashes aufrechterhalten können. Der Drogenkonsum war ein zentraler Pfeiler, ohne den das Wahngebilde eingestürzt wäre. Ein Hitler ohne Droge war nach Stalingrad ein gebrochener, handlungsunfähiger Mann; die Rauschzustände verliehen ihm nochmals Auftrieb und setzten «Selbststilisierungsenergie» (Ohler) frei, dank der er immer irrere Befehle erteilen und seine Gräuel und Fehler apokalyptisch zu verklären vermochte. Ohler betont: «Die Drogen verstärkten, was ohnehin angelegt war.»

Das galt ebenfalls für andere Mitglieder der NS-Elite, etwa den Morphinisten und Luftwaffenchef Göring oder den Amphetamin-Fan und Panzergeneral Rommel, deren Krankengeschichte Ohler streift. Weniger überzeugend ist Ohlers Versuch, Leistung und Aggressivität der deutschen Armeen auf einen exzessiven Drogenkonsum zurückzuführen. Vor allem dem Einsatz des Pervitins, einer seit 1938 in Deutschland vertriebenen Form von Crystal Meth, schreibt Ohler enorme Bedeutung zu.

Deutsche Wehrmachtssoldaten 1941 in der Sowjetunion.

Zwar schmückt Ohler Beispiele verdrogter Fuss-Soldaten und Flieger aus, bleibt jedoch den Nachweis schuldig, dass die Droge innerhalb der Truppe tatsächlich konsequent und systematisch verteilt und verwendet wurde. Der Einsatz der Aufputschdroge blieb ebenso Stückwerk wie Ohlers diesbezügliche Argumentation.

Trotz dieser Unzulänglichkeit ist Ohler ein gleichermassen rasantes wie informatives Sachbuch-Debüt gelungen, das eine wichtige, bislang weitgehend vernachlässigte Substanz im hitlerschen Wahn-Cocktail identifiziert. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.09.2015, 08:09 Uhr

Norman Ohler: Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich. 368 Seiten, 27.90 Franken. Köln 2015.

Bisher vor allem als Schriftsteller bekannt: Buchautor Ohler. (Bild: © Joachim Gern)

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