«Ich habe dann auf LSD verzichtet»

Ruth Binde, die grosse alte Dame der Schweizer Literatur, hat eben ihre Biografie veröffentlicht. Sie hat vieles schon erlebt.

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Frau Binde, welcher Autor hat als Mensch den grössten Eindruck auf Sie gemacht?
Sir Peter Ustinov. Meine Bewunderung für diesen Mann geht auf ein ganz bestimmtes Ereignis zurück. Als er bereits ein alter kranker Mann war, konnte ich ihn für meine Veranstaltungsreihe «Bernhard-Littéraire» gewinnen. Ustinov hatte Diabetes, und obwohl er sehr müde war, liess er sich nichts anmerken und unterhielt das Publikum prächtig. Aber das war noch nicht alles.

Erzählen Sie.
Nach der Lesung signierte er weit über eine Stunde lang seine Bücher und hörte den Menschen zu – trotz seines schlechten Zustands, während die zum anschliessenden Empfang geladenen Gäste sich einen Stock höher zuprosteten. Das hat mich tief beeindruckt. Einen solchen Respekt eines Autors gegenüber seinem Publikum habe ich sonst nie erlebt.

Von wem waren Sie enttäuscht?
Von Martin Walser. Er liess – ebenfalls in einem «Bernhard-Littéraire extra» – den Moderator Peter Zeindler und mich völlig im Stich, indem er sich nicht an die Abmachungen hielt.

Wie kam Ihre freundschaftliche Beziehung zu Thomas Hürlimann zustande?
Ich habe ja 1964 für den Diogenes-Verlag eine Theaterabteilung aufgebaut. Eines Tages erhielt ich das Manuskript eines Theaterstücks zur Prüfung. Der Autor war 20 Jahre alt und hiess Thomas Hürlimann. 36 Jahre später schrieb er mir folgende Widmung in das «Einsiedler Welttheater»: «Für Ruth, die – als Einzige – den blutigen Anfänger kennt, herzlich Thomas.»

Was ist mit Dürrenmatt?
Ich hatte nur ein einziges längeres, nächtliches Gespräch mit ihm, das war an einer Tagung in Wengen. Wir unterhielten uns über Gott und die Welt und vor allem über den Diogenes-Verlag. In Erinnerung habe ich allerdings nicht mehr viel. Ja, es floss viel Wein (lacht).

Sie sind ja berühmt für Ihre Feste. Kamen da Intellektuellenfreundschaften zustande? Gaben die Partys Anstoss zu neuen Texten?
Da herrschte ein solches Palaver – unmöglich, so was festzustellen! Als Gastgeberin bekommt man ohnehin am wenigsten mit. Ich war ja vor allem damit beschäftigt, die Gäste zu begrüssen und Einzelne miteinander bekannt zu machen.

Was viele Leser Ihrer Biografie verblüffen wird: Sie überlegten sich einmal, LSD zu schlucken.
Dieser Wunsch kam während eines glühenden Referats von LSD-Erfinder Albert Hofmann an seiner Pressekonferenz auf. Ich führte damals intensive Diskussionen mit meinem Sohn über Drogenfragen. Allerdings wollten mir dabei weder Hofmann noch die ebenfalls mit Drogen experimentierenden Autoren Erwin Jaeckle und Walter Vogt behilflich sein. Ich habe dann darauf verzichtet.

Teilen Sie die Einschätzung, dass Sie während der Blütezeit der modernen Schweizer Literatur tätig gewesen sind?
So etwas zu sagen, ist ungerecht gegenüber heutigen Autoren.

Welche heutigen Autoren interessieren Sie denn?
Ach, ich werde von der Biografie momentan sehr in Beschlag genommen, und ausserdem sehe ich nicht mehr so gut. Aber Urs Widmers Autobiografie zum Beispiel hätte ich gerne gelesen. Doch die Schrift ist mir zu klein.

Wie hat sich das Verlagswesen seit Ihrer Zeit verändert?
Der Wandel war eklatant. Immerhin gibt es noch Bücher und Zeitungen – aber das ist dann auch schon die einzige Konstante.

Wars früher besser?
Das kann man nicht absolut sagen, es hängt immer vom einzelnen Menschen ab. Ich bin dankbar dafür, in einem toleranten und gastfreundlichen Elternhaus aufgewachsen zu sein, das mir Urvertrauen eingeflösst hat. Vor kurzem war ich bei Schawinski im Radio, da habe ich mir zum Abschluss der Sendung «What a Wonderful World» von Louis Armstrong gewünscht. Diese positive Lebenseinstellung entspricht mir.

Sie sind 81 Jahre alt und wirken immer noch sehr vif – gibt es keinen Bereich, in dem Sie es etwas ruhiger angehen lassen?
Ja, den gibts tatsächlich. Auch wenn mir die Leute das nicht glauben wollen: Ich mache kein Quittengelee mehr. Das ist zumindest ein Anfang.

Sie meinten, man hätte Ihre Biografie auch mit «Eine Frau in einer Männergesellschaft» betiteln können.
Ich wurde von männlichen Vorgesetzten beleidigt und habe aus diesem Grund dreimal gekündigt, war alleinerziehende Mutter, arbeitete auch an den Wochenenden und machte nie mehr als drei Wochen Ferien. Und dennoch: Ich war glücklich und wollte tun, was ich tat.

Verstehen Sie sich als Feministin?
Nein, das war ich nie, obwohl ich mich als Tochter eines Politikers immer für politische Themen interessiert habe. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 06.11.2013, 12:14 Uhr)

Zur Person

Ruth Binde (*1932), Tochter eines bekannten Berner Politikers, wollte ursprünglich Schauspielerin werden. Nachdem sich dieser Wunsch zerschlagen hatte, wurde Binde Buchhändlerin. Mit einer Anstellung beim Diogenes-Verlag begann 1957 ihr erstaunliches Wirken im inneren Zirkel des deutschsprachigen Literaturbetriebs. Als sie sich 1972 als Presseagentin selbstständig machte, tat das der Karriere keinen Abbruch: In ihrer «Bernhard-Littéraire»-Reihe hiess sie Autoren wie Günter Grass oder Martin Walser willkommen, die Binde-Feste erlangten Kultstatus. Der Berner Journalist Alexander Sury, Co-Leiter des Kulturressorts des «Bunds», hat ihr Leben nun aufgezeichnet. (lsch)

Alexander Sury: Ruth Binde. Ein Leben für die Literatur. Wörterseh-Verlag, Gockhausen 2013. 240 S., 39.90 Fr.

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