«Ich habe mit Schweineblut geübt»

Der Beruf der Tatortreinigerin wurde durch den Film «Sunshine Cleaning» bekannt. In Deutschland war das ehemalige Model Antje Schendel die erste. Nun hat sie ein unzimperliches Buch geschrieben.

Der Geruch, die Flüssigkeit: Antje Schendel betritt Tatorte nur in Schutzkleidung.

Der Geruch, die Flüssigkeit: Antje Schendel betritt Tatorte nur in Schutzkleidung. Bild: zvg

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Wissen Sie noch, was in Ihnen vorging, als Sie zu Ihrem ersten Tatort gerufen wurden?
Ich habe mir eigentlich gar nichts gedacht. Ich wusste, dass sich jemand erschossen hat und konnte mir ziemlich gut vorstellen, wie das aussehen würde. Ich wusste bloss nicht, wie ich darauf reagieren würde. Gefühlsmässig war das aber überhaupt kein Problem.

In Ihrem Buch schreiben Sie, Sie hätten Zähne vorgefunden, die in der Holzdecke stecken geblieben seien. Damit rechnet man ja kaum.
Doch. Ich habe mich mit sehr heftigen Bilddokumentationen informiert, die im Internet zu finden sind. Einzig auf den Geruch kann man sich nicht vorbereiten.

Was hat Sie am meisten überrascht?
Es gibt ganz viele Dinge, die mich überraschen und beschäftigen. Eine Todesursache kann drei Mal dieselbe sein und doch kann der Tatort völlig unterschiedlich aussehen, weil der Verwesungsprozess anders verlaufen ist.

Warum?
Das hängt davon ab, welche Kleidung eine Person getragen hat, Synthetikkleidung oder Baumwollkleidung, ob sie krank war und Medikamente nahm oder ob es ein Drogenabhängiger war. Auch die Raumtemperatur spielt eine Rolle oder ob die Sonne auf die Leiche geschienen hat. Eine Person, die in der Sonne gelegen hat, kann nach drei Tagen so aussehen, wie eine Person in einem kühlen Raum nach drei Wochen.

In Ihrem Buch schreiben Sie immer wieder von Berufung. Was ist denn das Tolle am Tatortreinigen?
So gut wie nichts. Ich kriege sehr viele Anfragen von Leuten, die ebenfalls Tatortreiniger werden wollen und ich sage immer: «Um Gottes willen!» Man steht 24 Stunden lang sieben Tage die Woche auf Abruf und das für einen Hungerlohn. Die meisten denken, man werde reich damit. Aber wir sind nicht in Amerika, wo Tatortreiniger 800 bis 1000 Dollar pro Stunde verlangen. Das zahlt hier keiner.

Warum machen Sie es denn?
Vielleicht, weil es meine Idee war, das Angebot auf den deutschen Markt zu bringen. Dass ich eine Marktlücke gefunden hatte, war mir die ersten Jahre gar nicht bewusst. Inzwischen ist das mein Baby, ich liebe das. Jeder Tag ist anders.

Was genau finden Sie denn daran so interessant?
Das kann ich gar nicht sagen. Ich hab mich schon immer für Gerichtsmedizin interessiert. Da war keine Faszination, beispielsweise die Rückstände zu sehen oder die Fäkalien zu riechen. Da war einfach diese Idee, die ich gut fand.

Sie erschauern nicht, wenn das Telefon klingelt?
Nein! Da freue ich mich.

Ist der Leichnam bereits weg, wenn Sie zum Einsatz kommen?
Je nachdem. Wenn die Person kürzlich gestorben ist, wurde sie bereits abgeholt. Manchmal ist der Verwesungsprozess aber so weit fortgeschritten, dass sie den Menschen nicht mehr als körperlichen Umfang sehen, sondern als flüssige Überreste.

Gefühle komme keine hoch?
Nein. Mich lässt das kalt. Ich kann aber gar nicht sagen, weshalb dies so ist. Nicht, dass mir die verstorbene Person egal wäre, überhaupt nicht. Es ist ja meist so, dass ich nach einem Todesfall, der eine Weile lang unbemerkt blieb, die Wohnung auflöse. Dabei sehe ich das Intimste, was dieser Mensch hatte. Fotos, Liebesbriefe, das wahre Ich der Person, das vielleicht nicht mal die Familie kannte. Das berührt mich schon.

Ihr Buch heisst ja «Die Tatortreinigerin». Wird viel gereinigt oder werfen Sie hauptsächlich weg?
Doch, es wird viel gereinigt, damit man überhaupt mit der Räumung der Wohnung beginnen kann. Damit wir die geruchsfrei hinbekommen, muss die Wohnung leer sein, bevor sie nochmals komplett gereinigt wird. Wenn eine Person gestorben ist, kommen ja sofort diese Fliegen, die die Leichenflüssigkeit überall in der Wohnung verteilen. Durch die Fenster kann man oft gar nicht mehr durchschauen, weil sie so schwarz sind.

Gibt es überhaupt entsprechende Putzmittel?
Mittlerweile ja. Früher habe ich selber mit einer Firma Putzmittel ausgetüftelt. Aber auch heute sehen die Hersteller kaum Bedarf. Dabei beweisen Todesstatistiken das Gegenteil. Es gibt ja auch keine technischen Geräte, die für die Tatortreinigung hergestellt wurden. Daher konstruieren wir halt bestehende Geräte um.

Zum Beispiel?
Es gibt ja Dampfreiniger. Allerdings verstärken die wiederum den Leichengeruch. Deshalb müssen wir spezielle Mittel wählen. Auch Schläuche müssen wir auswechseln, weil die standardmässig Rillen haben, in denen sich die Leichensubstanz festsetzt.

Wie haben Sie sich vor Ihrem ersten Einsatz vorbereitet?
Ich habe mich zwei Jahre lang intensiv informiert über allerhand Aspekte, von der Entsorgung bis zur Desinfektion. Geübt habe ich mit Schweineblut, weil das dem menschlichen Blut am nächsten kommt.

Wo haben Sie sich das denn besorgt?
Das kriegt man in jeder Fleischerei. Im Teppichgeschäften hab ich mir Schnittreste von Bodenbelägen geholt. Es gibt Teppiche, die saugen die Leichenflüssigkeit auf, bei anderen bleibt oben eine geleeartige Masse liegen.

Was ist das Schwierigste?
Laminat oder Parkett. Diese Bodenbeläge müssen raus, wenn Sie die Wohnung geruchsfrei haben wollen. Am einfachsten sind fest verklebtes Linoleum oder Fliesenboden. Wenn sich jemand erschiesst, ist es einfacher, da diese Todesfälle ja in der Regel schnell gemeldet werden. Da müssen wir bloss das frische Blut entfernen und keine sonstigen Verwesungsrückstände. Jemand ohne Kenntnisse schiesst sich meistens durch die Schläfe, und da haben Sie nur auf der anderen Seite Blut, wo die Kugel ausgetreten ist. Wenn sich allerdings jemand erschiesst, der eine Ahnung vom Schiessen hat, haben wir drei bis vier Tage Arbeit.

Wie viele Einsätze haben Sie?
Zwei bis drei am Tag. Inzwischen habe ich sechs Festangestellte und 15 Subunternehmer.

Sie betreten in voller Schutzkleidung einen Raum, manchmal mit Gasmaske. Worauf müssen Sie achten?
Schutzkleidung trage ich, weil ich nicht weiss, ob jemand krank war, also beispielsweise eine HIV-Infektion hatte. Jedes Land hat eigene Gesetze. Leider kann man in Deutschland bei der Entsorgung immer noch mehr oder weniger agieren, wie man möchte. Wenn aber beispielsweise eine Person über längere Zeit in Badewasser gelegen hat, ist der Körper komplett aufgelöst. Das kann man nicht einfach so ablassen. Wir arbeiten nach den Richtlinien von Krankenhäusern.

Vor Ihrem Beruf als Tatortreinigerin haben Sie 13 Jahre als Model in Deutschland und Grossbritannien gearbeitet. Darauf werden Sie jedoch nicht gerne angesprochen. Weshalb?
Weil ich in einer Männerdomäne arbeite, in der es hart war, Fuss zu fassen. Die Vorstellung von der kleinen Prinzessin, die als Fotomodell gearbeitet hat und sich die Hände nicht schmutzig machen kann und nicht weiss, was sie tut, ist da nicht förderlich.

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Tatortreinigung und Modeln?
Nein. Ich war auch nie Model im Herzen, sondern immer diejenige, die sich gerne dreckig gemacht hat.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 19.09.2012, 06:32 Uhr)

Stichworte

Schendel, Antje, «Die Tatortreinigerin», Droemer/Knaur, 219 Seiten, ISBN 978-3-426-78502-7, CHF 14.90.

Die Tatortreinigerin

Antje Schendel arbeitete nach ihrer Ausbildung zur Informatikerin als Model. Durch Zufall erfuhr sie, dass es normale Reinigungsunternehmen ablehnen, Tatorte sauber zu machen. Antje Schendel füllte die Marktlücke und gründete nach vielen Recherchen und Experimenten mit Reinigungsmitteln ihre Firma «Schendel Tatortreinigung». Sie ist Expertin im deutschsprachigen Raum und hat auch im Film «Sunshine Cleaning» als Beraterin für die deutsche Übersetzung mitgewirkt. Ihr Buch «Die Tatortreinigerin» ist ein Mix aus Antje Schendels Biografie und dem Beruf als Tatortreinigerin.

Trailer zu «Sunshine Cleaning»

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