«Ich habe nicht mehr die Kraft, das Ruder herumzureissen»
Interview: Rico Bandle. Aktualisiert am 11.08.2009 9 Kommentare
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Ammann Verlag
Heute teilte der Ammann Verlag mit: «Zum 30. Juni 2010 wird der Ammann Verlag seine publizistische Verlagsarbeit beenden.» Der Verlag wurde 1981 von Egon Ammann und Marie-Luise Flammersfeld gegründet. Der Ammann-Verlag hatte bereits mit seiner ersten Publikation für internationales Aufsehen gesorgt - mit dem Erzählungsband «Die Tessinerin» von Thomas Hürlimann. Während seiner Tätigkeit entdeckte und förderte der Verlag gemäss Mitteilung zahlreiche zeitgenössische deutsch- und fremdsprachige Autoren aus allen fünf Erdteilen. Bedeutende Werke der Weltliteratur wurden zum Teil erstmals in deutsche Sprache übersetzt und veröffentlicht, so Werke von Fernando Pessoa, Ossip Mandelstan, Antonio Machado. Die Neuübersetzungen der «Elephanten» von Fjodor Dostojewski durch Swetlana Geier hätten den Weg geebnet für eine neue Sichtweise und eine Renaissance dieses Autors.
Zu den Ammann-Autoren gehörten neben Hürlimann auch Ulrich Peltzer, Erika Burkart, Hansjörg Schneider, Ruth Schweikert und weitere. Zudem verhalf der Verlag Autorinnen und Autoren wie Julia Franck und Thorsten Becker zu erfolgreichen Debüts. Ammann veröffentlichte gegen 1000 Titel von denen viele mit Auszeichnungen und Preisen bedacht wurden. (ap)
www.ammann.ch
Herr Ammann, wie ist es, wenn man ein Lebenswerk aufgeben muss?
So schlimm ist das nun auch wieder nicht. Alles geht irgendwann zu Ende.
Wie schlecht stand es zuletzt um den Verlag?
Überhaupt nicht schlecht. Die Wirtschaft ist etwas Lebendiges, und wenn man beobachtet, dass die Umsätze zurückgehen, muss man versuchen, das Ruder herumzureissen. Dafür fehlt mir jetzt einfach die Kraft. Wenn ich zehn Jahre jünger wäre, hätte ich dies sicherlich angepackt. Ich muss die Situation nun einfach akzeptieren.
Grundsätzlich hält sich die Buchbranche trotz Krise ziemlich gut...
Das ist sehr oberflächlich gesehen. Der Erfolg beruht auf Harry Potter und was sonst noch alles auf der Bestsellerliste steht. Schauen Sie die mal genauer an. Mit unseren besonderen Büchern, den literarischen Werken, haben wir es sehr schwer.
Sie publizierten sehr aufwändige Werke, zum Beispiel die Dostojewskij-Neuübersetzung. Dafür hatten Sie auch mal einen Bestsellerautoren wie Éric-Emmanuel Schmitt oder Hansjörg Schneider im Programm.
Der Erfolg mit Schmitt ist schon Jahre her, das reicht nicht. Wir sind angetreten, um Literatur als Kunst zu machen und nicht einfach Bücher. Wir haben sehr viele unbekannte Autoren verlegt, die sich erst etablieren mussten. Das ist teuer und risikobehaftet. Dieses Geschäft ist sehr schwierig geworden. Um weiterzumachen, hätte ich das ganze Internet-Business lernen müssen, ohne das geht es heute nicht mehr. Ich bin knapp vor 70, da will und kann ich das nicht mehr lernen. Deshalb die Einsicht: Eigentlich bin ich müde, ich habe genug gemacht, jetzt bleibe ich mal still, jetzt wird zugemacht.
Ist die Schliessung auch eine Erleichterung?
Nein. Aber eine Einsicht, dass nun ein neuer Lebensabschnitt beginnt.
Warum ist es nicht gelungen, eine Nachfolge zu finden?
Die letzten zehn Jahre habe ich bestimmt vier Anläufe genommen, alle sind gescheitert. Das ist traurig. Der Verlag ist so persönlich geführt, den kann man nicht einfach so weitergeben oder einem Konzern verkaufen. Das ist nicht möglich ohne dass das Programm verwischt wird.
Was passiert mit all Ihren Autoren?
Die werden woanders unterkommen.
Sind die jetzt auf sich gestellt?
Nein, ich helfe ihnen. Mit meinem grossen Beziehungsnetz suchen wir gemeinsam nach der besten Lösung.
30 Jahre haben Sie den Verlag geführt. Wie hat sich das Verlagsgeschäft in der Zeit verändert?
Ich bin ein Verleger der alten Schule, eher konservativ. Die enge Bindung zum Autoren, die Begleitung eines Werks durch den Verleger, das passiert heute immer weniger. In den letzten drei, vier Jahren hat aber vor allem durch das Internet ein enormer Wandel eingesetzt, auch gesellschaftlich. Und die Veränderungen werden sich noch weiter fortsetzen.
Stellen Sie auch im Leseverhalten Veränderungen fest?
Man will Fun, Spass, Fantasy. Die Literatur als Kunst wird von immer weniger Leuten gefragt, insbesondere die Jungen lesen weniger. Das kann sich aber wieder ändern.
Diese These wird von vielen Experten bestritten. Heute werde mehr gelesen denn je, auch Anspruchvolles.
Das stimmt so nicht, sonst wären unsere Zahlen anders. Es kommt natürlich drauf an, was man zur ernsthaften Literatur zählt. Aber wir stellen da eindeutig etwas Anderes fest.
Auch jetzt klingen Sie noch voller Elan, einen Egon Ammann in Rente kann man sich nur schwer vorstellen.
Doch, doch. Ich bin zwar etwas laut, aber ich habe auch gesundheitliche Probleme. Jetzt möchte ich den Verlag fulminant zu Ende bringen. Was ich danach mache, weiss ich nicht. Es waren wunderbare Jahre, jetzt geht der Verlag zu und ist dann der Geschichtsforschung überlassen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 11.08.2009, 08:04 Uhr












