«Ich kenne das Ende der Geschichte seit Jahren»

InterviewGeorge R. R. Martin schreibt die Buchvorlage zur TV-Erfolgsserie «Game of Thrones». Im Interview spricht er über die Zukunft des Fantasy-Epos und beleidigende Spekulationen über seine eigene Gesundheit.

Verliert sich gerne in seiner Schreibarbeit: George R. R. Martin in Neuenburg.
Video: Jan Derrer

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In Fan-Foren gab es negative Reaktionen, weil Sie eine Woche an einem Filmfestival teilnehmen – anstatt zu schreiben.
Das passiert mir seit Jahren. Einige Leute beklagen sich sogar, wenn ich ein Football-Spiel besuche. Oder Ferien mache. Ich arbeite aber nur zu Hause, niemals unterwegs. Doch was soll man machen – die Leute erwarten halt das nächste Buch.

Befürchten die Fans, dass Sie Ihr Epos nicht mehr vollenden können?
Diese Meinung gibt es. Allerdings empfinde ich die Spekulationen über mein Alter und meine Gesundheit als beleidigend. An alle, die so denken: Verpisst euch!

Zwei Bücher Ihres Epos sind noch ausständig. Für das letzte brauchten Sie fünf Jahre.
Am neusten Buch schreibe ich seit zwei Jahren. Aber ich kann Ihnen nicht sagen, wann es fertig sein wird. Tatsächlich bin ich langsamer geworden. Vielleicht liegt das am Alter. Ich habe wegen des Erfolgs der TV-Serie aber auch mehr zu tun. Ausserdem gibt es Videogames und anderes Merchandising zu betreuen. Und die Journalisten wollen einen andauernd sprechen.

Kennen Sie das Ende des Epos?
Ja. Seit Jahren.

Kennt HBO, der Sender, der die Serie produziert, das Ende?
Die beiden Macher der Serie kennen es. Sonst niemand.

Die Serie holt die Geschehnisse der Bücher rasant auf. Wird sie die Bücher überholen?
Diese Möglichkeit besteht. Eine Staffel besteht aus 500 Seiten Drehbuch. Meine Bücher haben 1500 Seiten.

Was dann? Brauchen die Serienmacher Ihr Einverständnis, wenn sie von der Buchvorlage abweichen?
Nein, ich habe die Rechte verkauft. Wir sprechen allerdings regelmässig miteinander und diskutieren die Plots. Ich schreibe ja ab und zu eine Episode für die TV-Serie.

Sie werden oft mit Tolkien verglichen. Ist das für Sie ein Kompliment?
Wenn man Fantasyromane schreibt, ist der Tolkien-Vergleich das grösste Kompliment, das man kriegen kann. Er hat das Genre der modernen Fantasy erfunden. Trotzdem sind wir sehr verschieden. Ich komme nicht an die linguistischen und mythologischen Qualitäten eines «Herr der Ringe» heran. Dafür haben meine Bücher andere Vorteile.

Sie sind politischer und weniger moralisch als jene von Tolkien.
Ja, meine Geschichte ist an die Geschehnisse der englischen Rosenkriege angelehnt. Auch den Hundertjährigen Krieg habe ich genau studiert. Einige Leute lesen auch gerne die amerikanische Nahostpolitik in den Handlungsstrang von meiner Figur Daenerys hinein, die ja Wüstenvölker befreit. Allerdings habe ich mein erstes Buch 1991 begonnen – damals war noch der alte Bush im Amt.

Sie haben den Kriegsdienst in Vietnam verweigert. Ihre Bücher aber sind voller Krieg. Ein Widerspruch?
Wenn man Krieg ablehnt, heisst das nicht, dass man ihn nicht zur Kenntnis nimmt. Während wir sprechen, wird Krieg geführt. In vielen meiner Lieblingstexten wie dem Gilgamesch-Epos oder der Illias herrscht Krieg. Es gibt richtige Kriege. Vietnam war ein falscher Krieg. Die Berechtigung von Kriegen und die Frage, wofür jemand kämpft, ist ein zentrales Thema in meinen Büchern.

Sie stellten am Festival in Neuenburg «Casablanca» vor. Der Liebesfilm habe auch Einfluss auf ihre Bücher gehabt. Erklären Sie das bitte.
In «Casablanca» geht es um denselben Konflikt wie bei vielen meiner Figuren: Liebe versus Pflichtgefühl. Was mir weiter gefällt, sind die vielen unsterblichen Sätze, die es darin hat. Das ist fast schon wie bei Shakespeare. «Uns bleibt immer Paris», «Dies ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft» oder «Schau mir in die Augen, Kleines». Mit meinem Satz «Winter kommt», der sich durch meine Bücher zieht, wollte ich etwas Ähnliches erreichen.

Fantasy gilt bei vielen Literaturkritikern als anrüchig. Stört Sie das?
Für mich ist Fantasy als Literaturgattung ebenso ernst zu nehmen wie jedes andere Genre. Fantasy gehört zu den ältesten Literaturformen überhaupt. Seit Urgedenken erzählen sich die Menschen Geschichten mit fantastischen Elementen. Meine Definition von Literatur geht auf William Faulkner zurück. Als er den Nobelpreis gewann, sagte er, das einzige lohnenswerte Thema für einen Schriftsteller sei das menschliche Herz im Konflikt mit sich selbst.

Von diesem Konflikt gibt es in Ihren Büchern genug. Braucht es da noch Drachen?
Zu Beginn war ich tatsächlich unsicher, ob es die Drachen braucht. Ich bereue den Entscheid nicht. Sie machen mir Spass und funktionieren vor allem als Symbole. Moby Dick ist ja auch viel mehr als ein Wal.

Ihre Bücher sind berühmt dafür, dass darin selbst die grössten Sympathieträger umkommen können. Geht das trotz der riesigen Fangemeinden so weiter?
Sie wollen wissen, wer als Nächstes umkommt? Vergessen Sie es. Da müssen Sie warten und meine Geschichte zu Ende lesen.

Sehen Sie beim Schreiben die Gesichter der Serien-Schauspieler vor sich – oder haben Sie immer noch Ihre eigenen Bilder im Kopf?
Ich trage meine eigenen Bilder seit über 20 Jahren mit mir herum. Ich träume sogar von den Figuren, sie sind in meinem Unterbewusstsein verankert. Ich kriege ihre Gesichter nicht mehr aus dem Kopf. Auch wenn die Schauspieler der Serie grossartig sind.

Im Unterschied zum Eisernen Thron.
Ja, der ist im Fernsehen etwas mickrig geraten. Aber meiner würde niemals ins Filmset passen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 08.07.2014, 18:52 Uhr)

Stichworte

George R. R. Martin (65) ist Schriftsteller und Drehbuchautor. «Time» bezeichnete ihn als modernen Tolkien und setzte ihn auf die Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Seit zwei Jahrzehnten schreibt der Amerikaner am Epos «Das Lied von Eis und Feuer». Fünf von sieben Bänden über mittelalterliche Clans und ihre Fehden sind schon erschienen. Die TV-Adaption davon, die Serie «Game of Thrones» vom Sender HBO, verzeichnet Rekordquoten. Weltweit warten Millionen von Fans auf die Auflösung von Martins monumentaler Geschichte. Martin ist aktuell am International Fantastic Film Festival in Neuenburg (4.–12. Juli) zu Gast.

Bildstrecke

«Game of Thrones»-Figuren

«Game of Thrones»-Figuren Ein paar der 1000 Charaktere in George R. R. Martins Epos.

Artikel zum Thema

Im Königreich der moralischen Beliebigkeit

George R. R. Martin hat die Vorlage zur Fernsehserie «Game of Thrones» geschrieben. Die Buchreihe, deren neuster Band eben auf Deutsch erschien, ist sogar besser als der TV-Knaller. Mehr...

Wie «Game of Thrones» schauen?

Am Sonntag startete in den USA die neue Staffel der Ausnahme-Serie. Fans in der Schweiz müssen sich gedulden – oder auf illegale Downloads zurückgreifen. Was viele auch tun. Mehr...

Herr der Ringe, aber mit Frauen

«Game of Thrones» ist das Aufregendste, was Fernsehen derzeit zu bieten hat – und lässt erahnen, wie sich die Geschichtsschreibung mit mehr Frauenfiguren entwickelt hätte. Mehr...

Marktplatz

Die Welt in Bildern

Wildfang: Ein Tierpfleger präsentiert im Zoo von Maubeuge (Frankreich) ein neugeborenes Leoparden-Baby (29. Juli 2014).
(Bild: Philippe Huguen) Mehr...