«Ich lebe noch. Sorry»
Von Mathias Morgenthaler. Aktualisiert am 16.12.2010 20 Kommentare
Das Buch
Walter Däpp, Hansueli Trachsel: Vom Traum, reich zu sein: Armutszeugnisse aus der Schweiz. Stämpfli, Bern 2011.160 S., ca. 30 Fr.
In einem Land wie der Schweiz, in dem in den Verkaufsregalen mehr Fleischdelikatessen für Hunde und Katzen zur Auswahl stehen als anderswo für Menschen, in einem Land, in dem 220'000 Millionäre leben und die Arbeitslosenquote selbst in Rezessionszeiten kaum je über fünf Prozent steigt, in einem solchen Land hat Armut nichts verloren. Das sagt das Bauchgefühl.
Die Zahlen des Bundesamts für Statistik sagen etwas anderes: 118'000 Personen oder knapp vier Prozent der Berufstätigen zwischen 20 und 59 Jahren leben trotz Erwerbseinkommen unter der Armutsgrenze. Laut Schätzungen der Caritas leben zwischen 700'000 und 900'000 Menschen in einem Haushalt, der mit einem Einkommen unterhalb der Armutsgrenze über die Runden kommen muss. Wer sind diese Menschen? Wie sind sie in ihre missliche Lage geraten? Mit welchen Ängsten und Hoffnungen leben sie?
Leben ohne Perspektiven
Kurz nachdem der Basler Soziologie-Professor Ueli Mäder mit seinem Psychogramm der Reichen und Reichsten ein grosses Echo erzeugt hat, kommt ein Buch heraus, das den Gegenpol beleuchtet: Es sind Armutszeugnisse im buchstäblichen Wortsinn, die der Journalist Walter Däpp und der Fotograf Hansueli Trachsel festgehalten haben. 21 Geschichten von Menschen, die wenig Geld und kaum Perspektiven haben, die mit Krankheiten kämpfen und grösstenteils zurückgezogen leben, was sich in einem Fall in der Bemerkung niederschlägt: «Wenn ich sterbe, merkt es vielleicht erst jemand, wenn es stinkt.»
Ein anderer stellt fest: «Eigentlich müsste ich längst tot sein. Aber ich lebe noch. Sorry.» Diese Direktheit prägt das ganze Buch. Hansueli Trachsel lässt uns aus nächster Nähe in die Gesichter der Porträtierten blicken, nimmt uns mit in ihre Wohnungen, an die Schauplätze ihres Lebens; und Walter Däpp zeichnet nicht nur die an Tiefschlägen reichen Lebensgeschichten nach, er lässt die Betroffenen in so vielen charakteristischen Zitaten zu Wort kommen, dass man als Leser hineingezogen wird in den Alltag und die Gefühlswelt dieser Menschen.
Armut, das wird schnell klar, hat viele Gesichter. Das des 60-jährigen Baumaschinenführers Walter Wälti zum Beispiel, der 43 Jahre lang auf Baustellen gearbeitet hat, bis der Rücken streikte. Seit dem Tod seiner Frau lebt er allein und versucht, mit 800 Franken im Monat auszukommen. Neue Kontakte zu knüpfen, fällt ihm schwer: «Wenn man nichts mehr erlebt, hat man auch nichts zu erzählen.» Oder die 40-jährige Daniela Henggi, die mit 19 in die Dominikanische Republik auswanderte und später schwanger, aber ohne Mann in die Schweiz zurückkehrte.
Einmal fast Millionär geworden
Nun versucht sie, als Raumpflegerin und Hauswartin für sich und ihre Kinder aufzukommen, und fragt sich, warum sie mit Männern stets Pech gehabt hat. Oder Hans Hutmacher (62), der nach einem Hirnschlag seine Arbeit bei der Kehrichtentsorgung verloren hat und seither die 1700 Franken aus IV-Rente und Ergänzungsleistungen durch Mitarbeit in einer Behindertenwerkstatt aufzubessern versucht – für 3.80 Franken pro Stunde.
Einige der Porträtierten setzen einen Teil des wenigen Geldes fürs Glücksspiel ein und schimpfen über die «Abzocker» in den Chefetagen, die Millionenbeträge einstreichen. Andere erhoffen sich keine Wunderdinge vom Geld und bemitleiden sogar die gestressten Berufsleute, die materiell reich, aber arm an Zeit sind. Hans Hutmacher etwa hat, lange vor seinem Hirnschlag, einmal beinahe den Jackpot im Lotto geknackt. «Es ist gut so, wie es ist», sagt er heute; man müsse mit dem zufrieden sein, was man habe. Und wieder andere haben einige Zeit in Wohlstand gelebt und sind dann arm geworden «aus Blödheit», wie sie es selber nennen.
Eine Schweizer Realität
Die Autoren haben weder ein klagendes noch ein anklagendes Buch verfasst. Sie haben sich Zeit genommen, genau hinzuschauen und hinzuhören bei Menschen, die sonst wenig Gesellschaft haben; die stärker noch unter der Vereinsamung leiden als unter der Geldnot. Sie seien mit offenen Armen empfangen worden, sagen sie. Und sie hätten gestaunt, wie mutig und teilweise humorvoll die Leute auch mit schwierigsten Situationen umgingen. Ihr Buch lädt ein, die Armut als Realität in der Schweiz zu sehen und die davon Betroffenen ernst zu nehmen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.12.2010, 10:16 Uhr






