«Ich war eine Sklavin – weniger wert als ein Haustier»
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Das Buch
Natascha Kampusch: 3096 Tage. List-Verlag, Berlin 2010, 288 S., Fr. 33.90.
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«Erst jetzt kann ich mit diesen Zeilen einen Schlussstrich ziehen und wirklich sagen: Ich bin frei.» So beendet die heute 22-jährige Natascha Kampusch die 288 Seiten starke Geschichte ihrer Gefangenschaft im Keller von Wolfgang Priklopil. «3096 Tage» heisst das Buch, das nun in den Handel kommt. Am Donnerstag wird es die Autorin in einer Wiener Buchhandlung vorstellen. Die Medienmaschinerie läuft jedoch schon seit Tagen auf Hochtouren.
«Bild» in Deutschland und die «Kronen Zeitung» in Österreich bekamen das Recht zum Vorabdruck. Beide Blätter gingen in den Wochen nach Kampuschs Flucht nicht gerade zimperlich mit den Persönlichkeitsrechten des Opfers um. Aber das scheint heute vergessen. Andere Medien werden mit Interviews bedient. Weil sich die Boulevardzeitung «Österreich» übergangen fühlte, brachte sie Auszüge aus einem Polizeiprotokoll und versuchte damit angebliche Ungereimtheiten im Buch zu beweisen. Nun müsse die Kampusch-Story neu geschrieben werden, droht die Zeitung, «vieles war anders, als im Buch beschrieben». Beweise dafür gibt es nicht.
Der letzte Gang in Freiheit
«Psychisches Trauma ist das Leid der Ohnmächtigen. Das Trauma entsteht in dem Augenblick, wo das Opfer von einer überwältigenden Macht hilflos gemacht wird.» Mit diesem Zitat aus einem Buch von Judith Hermann beginnt Kampuschs Bericht, in dem sie nicht nur die 3096 Tage als Entführungsopfer, sondern auch die Zeit davor beschreibt: Kindheit in einer berüchtigten Neubausiedlung am Stadtrand Wiens, Trennung der Eltern, ihre eigenen Schuldgefühle, dafür verantwortlich zu sein. Das Buch ist in der Ichform gehalten, doch merkt man dem Text oft an, dass er durch die Hände zweier Ghostwriter ging. Wenn Kampusch ihre Siedlung als «Stein gewordene Vision der Stadtplaner, die ein neues Umfeld für neue Menschen schaffen wollten» bezeichnet, klingt das nicht sehr authentisch.
Spätestens nach 40 Seiten werden solche stilistischen Brüche jedoch nebensächlich. Dann beschreibt sie ihren letzten Gang in Freiheit, den Weg der damals Zehnjährigen zur Schule, den Blickkontakt mit dem ihr unbekannten Priklopil vor seinem weissen Lieferwagen, die verhängnisvolle Entscheidung, nicht die Strassenseite zu wechseln, der gezielte Griff, mit dem Priklopil sie in sein Auto zerrt. Erst fährt «der Täter» (wie ihn Kampusch im Buch meistens nennt) in einen Wald und erzählt ihr, er wolle sie «anderen» übergeben. Dann aber nimmt er sie mit den Worten «die kommen nicht» wieder mit und bringt sie in den zum Verlies umgebauten Keller seines Einfamilienhauses in einer Reihenhaussiedlung im Dorf Strasshof. Sehr genau beschreibt Kampusch die ersten Tage in Priklopils Gefängnis, ihre Gedanken an die Mutter und an TV-Serien, in denen Entführer immer gefangen werden, aber auch die Brutalität Priklopils, der sie hinter einer tonnenschweren Geheimtür allein und im Ungewissen lässt. Er habe sich immer eine Sklavin gewünscht, sagt Priklopil einmal zu seinem Opfer. Aber er will mit ihr auch heile Familie spielen. Er bringt ihr jeden Tag das Frühstück, Gewand, einen Radio, Fernseher, Videorekorder. Priklopil nennt sein Opfer «Bibiana», die Existenz von Natascha soll ausgelöscht werden. Die physische Gewalt eskaliert später. Kampusch veröffentlicht im Buch Auszüge aus ihren persönlichen Notizen in der Gefangenschaft. Es sind nüchterne Aufzählungen von Misshandlungen in einer einzigen Woche im Jahr 2005. Von Schlägen, von Tritten und von Messerattacken ist die Rede. Umso dankbarer ist sie dann für «kleine Wohltaten» ihres Peinigers, wie «ein Sonnenbad oder ein Besuch im Pool der Nachbarn». So befremdlich das auch klingen möge, schreibt Kampusch, sie könne anerkennen, «dass es bei all dem Martyrium auch kleine menschliche Augenblicke gab». Priklopil nimmt sie auch mit zum Einkaufen oder zu einem kurzen Skiurlaub. Für Gehorsam gibt es Belohnung, für Tränen Strafe. Manchmal muss Kampusch im Keller stundenlang durch einen Lautsprecher Priklopils Stimme hören: «Gehorche, gehorche!» Aber durch Gewalt habe er sie nie brechen können, sagt Kampusch.
Besonders beklemmend sind jene Passagen, in denen Kampusch über die kurzen Momente der Hoffnung auf Befreiung schreibt. Etwa, als sie mit Priklopil auf einem ihrer Ausflüge mit dem Auto in eine Polizeikontrolle gerät. Während der Entführer seinen Ausweis zeigt, schaut sie der Polizist an: «In meinem Kopf formte sich ein Wort, das ich wie in einer grossen Sprechblase in der Luft schweben sah: H i l f e !» Kampusch spricht das Wort nicht aus, der Polizist lässt die beiden weiterfahren: «Ich hatte die wohl grösste Chance verpasst, aus diesem Albtraum auszusteigen . . . Zu lähmend war meine Angst gewesen, Priklopil könnte jemandem was antun . . . Ich war eine Sklavin, eine Untergebene. Weniger wert als ein Haustier. Ich hatte keine Stimme mehr.»
Der Weg zurück ins Leben
Kurz nach ihrem 18. Geburtstag aber beschliesst sie doch, zu fliehen. Priklopil habe das gespürt. Einmal sagt sie ihm: «Ich laufe nicht weg, das verspreche ich», ein anderes Mal aber: «Du hast uns in eine Situation gebracht, in der nur einer von uns überleben kann.» Am 23. August 2006 läuft Kampusch zu Nachbarn, die die Polizei verständigen. Priklopil begeht Selbstmord.
Im Epilog schildert Natascha Kampusch schliesslich ihren mühsamen Weg zurück ins Leben und die Enttäuschung über Medien und Öffentlichkeit. Schon kurz nach ihrer Selbstbefreiung brechen alle medialen Dämme: «Alles, was ich selbst vor dem Täter noch hatte verbergen können, wurde nun in die Öffentlichkeit gezerrt, die sich ihre eigene Wahrheit zurechtlegte.» Kampusch beschliesst, ihr Gesicht zu zeigen, Interviews zu geben, «ich hatte geglaubt, mit meinem Schritt an die Öffentlichkeit meine Geschichte zurückerobern zu können. Erst mit der Zeit begriff ich, dass das gar nicht gelingen konnte . . . Der Täter war tot – es gab keinen Fall Priklopil. Ich war der Fall Natascha Kampusch.» Sie schreibt von einer Flut von Liebesbriefen, Heiratsanträgen, von Stalkern. Viele Briefe hätten bei ihr ein mulmiges Gefühl ausgelöst.
Der Film zum Bestseller
Sehr nüchtern und klar analysiert sie, wie und warum die Anteilnahme in Neid, Missgunst und Hass umschlug: «Man liebt das Opfer nur, wenn man sich ihm überlegen fühlen kann.» Die Öffentlichkeit habe in ihr einen gebrochenen Menschen sehen wollen, «der immer auf die Hilfe anderer angewiesen sein wird. Doch in dem Moment, in dem ich mich weigerte, dieses Kainsmal für den Rest meines Lebens zu tragen, kippte die Stimmung.» Während sie bereits am Buch arbeitete, wurde Kampusch abermals lange verhört. Es gab Spekulationen, dass sie von Mittätern wisse und erpresst werde. Die Mittätertheorie hält sich bis heute, Beweise dafür gibt es nicht. Sie habe nun mit dem Vergangenen abgeschlossen und könne nach vorne sehen, schliesst Kampusch das Buch. Ganz leicht wird das nicht, in den nächsten Wochen wird sie noch oft alles erzählen müssen. Die Erwartungen sind enorm, ihr Buch wurde schliesslich schon vor Erscheinen zum «Bestseller» hochgeschrieben. 2012 kommt dann «Natascha – der Film» in die Kinos. Eine Hauptdarstellerin wird gerade in Hollywood gesucht. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.09.2010, 21:53 Uhr






