Kultur

«Ich wollte die Wilden zu Christen machen»

Von Michael Meier. Aktualisiert am 04.01.2010

Peter Bichsel ist ein religiöser Mensch mit einer gebrochenen religiösen Biografie. Jetzt liegen seine gesammelten Texte zur Religion vor: Frömmigkeit weicht zunehmend echtem Interesse.

Er kann sich der Religion nicht entziehen, selbst der Hinduismus reizte ihn einst: Peter Bichsel.

Er kann sich der Religion nicht entziehen, selbst der Hinduismus reizte ihn einst: Peter Bichsel.
Bild: Keystone

«Ich muss ein religiöser Mensch sein, das habe ich zu akzeptieren, damit habe ich zu leben.» Das ist weniger ein Glaubensbekenntnis als ein Glaubenseingeständnis. Peter Bichsels Verhältnis zur Religion ist in der Tat ein problematisches. Dass er überhaupt religiös und gläubig ist, mag überraschen, wer ihn als Erzähler – und Sozialisten – kennt. Doch er hat sich immer wieder und in verschiedenen Formen zur Religion geäussert – in Laienpredigten, Geschichten, Kolumnen, Essays und Reden. Theologe und Literaturwissenschaftler Andreas Mauz hat jetzt Bichsels gesammelte Texte zur Religion aus fünf Jahrzehnten herausgegeben.

Um ein Haar katholisch

Der Schriftsteller, dem die theologische Fakultät Basel 2004 das Ehrendoktorat verlieh, hat auch eine religiöse Biografie, zumindest eine religiöse Jugend vorzuweisen. Als Kind wollte Bichsel Missionar werden. «Ich wollte in die Wildnis, nach Afrika. Ich wollte die Wilden zu Christen machen.» Als Jugendlicher war er aktiv im Hoffnungsbund des Blauen Kreuzes, im Bibellesebund und als Leiter im Jünglingsbund. Er wurde Sonntagsschullehrer in Solothurn, unternahm zugleich einen Ausflug in die religiöse Romantik und wäre um ein Haar katholisch geworden. So waren die Sonntage für Peter Bichsel reich befrachtet: «Ich besuchte um neun den katholischen Gottesdienst und hielt um zehn Uhr in der reformierten Kirche Sonntagsschule.» Jedenfalls wurde das religiöse Bekenntnis zu seinem Emanzipationserlebnis.

Wie bei vielen anderen auch bedeutete das intensive Interesse an der Theologie dann zugleich den Abschied von der Kirche: «Ich ersetzte meine Frömmigkeit durch Interesse», und die Kirche verlor für ihn ihren Wert als Alternative. Dennoch ist er insgeheim religiös geblieben. In seinem Essay «Abschied von einer geliebten Kirche» erzählt er ganz wunderbar, wie er nach Bali reiste und sich dort, nach jahrelanger religiöser Abstinenz, zum Hinduismus hingezogen fühlte, dann überstürzt aus Bali abreiste, weil er fürchtete, zum Hinduismus zu konvertieren.

Religionkritisches Auftreten

Bichsel bekennt, dass ihn nie eine Philosophie so tief beeindruckt hat wie jene des Jesus von Nazareth. Die Bergpredigt ist für ihn so kostbar wie uneinlösbar. Darum tritt er immer wieder als Religionskritiker auf den Plan und hält einer Gesellschaft den Spiegel vor, die das Christliche mit bürgerlichen Tugenden verwechselt und in der die Kirche zur «halbstaatlichen Anständigkeitsinstitution» verkommt. Er beklagt die Reduktion des Christentums auf Moral und Ethik, auf eine Stufe tiefer Anständigkeit. Ein guter Schweizer aber und ein guter Christ ist für ihn nicht dasselbe. «Christ sein ist viel schwerer, als Schweizer zu sein.» Mit zum Besten in Bichsels religiösem Florilegium gehören seine Gedanken über Religion und Politik. Es gibt für ihn zwar keine christliche Politik, aber auch kein unpolitisches Christentum. Dieses wäre eigentlich eine revolutionäre Idee. Doch die christliche Revolution hat nie stattgefunden, weil von Staat und Establishment hintertrieben. Vielleicht aber, mutmasst Bichsel, habe das Christentum gerade deshalb seine politische Sprengkraft bewahrt. Jedenfalls gönnt er der Kirche von Herzen, dass sie ihren Gründer nie loswird.

Versprechen einer Gegenwelt

Jesus von Nazareth ist für Bichsel das «Versprechen einer Gegenwelt», einlösbar in der Minderheit und Machtlosigkeit. Wie ein Leitmotiv zitiert er Dorothee Sölles Satz: «Christ sein bedeutet das Recht, ein Anderer zu werden.» Das langatmig wirkende Gespräch zwischen Theologin Sölle und Bichsel am Schluss des Buches zeigt allerdings, dass sich das spontan Mündliche weniger zum Abdruck eignet.

Umso mehr überzeugen seine Erzählungen, darunter etliche Weihnachtsgeschichten. Etwa jene, in der er von der Tätigkeit verschiedener Schweizer am 24. Dezember erzählt: Walter Binswanger pflegt dann die Schuhschachtel mit der Kartei seiner Mieter zu streicheln. Oder Otto und Peter, die sich dreimal die Woche im Rössli treffen, trinken am 24. Dezember mehr und sprechen weniger: «Man kann jetzt nicht über irgendetwas sprechen.» Manchmal schreibt Bichsel so etwas wie narrative, erzählende Theologie und erweist sich dabei als Meister der Anspielung.

Erinnerung an das Schöne

Von der Kellnerin, die einmal wunderschön gewesen sein muss, heisst es: «Sie ist es nicht mehr. Je weniger schön sie ist, je mehr erinnert sie daran.» Dass auch das Christentum Erinnerung an das Schöne und Gute ist, zeigt Bichsel an Jesu Liliengleichnis: Die Lilien auf dem Felde entfalten «ihre Schönheit erst im totalen Verblühen – dann, wenn ihre ersten Blätter fallen und alles nur noch eine Erinnerung an Schönheit ist». Im Unterschied zu den Kirchen, die das Unsagbare in handfesten Glaubenssätzen verdinglichen, macht Bichsel vom Recht des Literaten auf sublime Andeutung Gebrauch. Und wird damit dem religiösen Gegenstand gerecht. Schliesslich ist das Göttliche immer Verheissung.

Peter Bichsel: Über Gott und die Welt. Texte zur Religion. Herausgegeben von Andreas Mauz. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2009. 231 S., ca. 16 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.01.2010, 06:15 Uhr