Im Dienste Kim Jong-ils

James Church war jahrelang als Agent in Nordkorea stationiert. Nun verfasst er Krimis, die in dem totalitär regierten Land angesiedelt sind.

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Von Nordkorea weiss die Welt herzlich wenig. Kein Wunder blühen abstruse Anekdoten über den Alltag des totalitär regierten Landes. So sollen Frauen aus Gesundheitsgründen keine Fahrräder benützen dürfen. Und Briefmarken mit dem Abbild von Kim Jong-il können offenbar nicht benutzt werden, weil kein Postbeamter es wagen würde, einen Stempel in das Gesicht des «Geliebten Führers» zu setzen.

Was ist wahr, was Mythos? Einer, der es wissen muss, ist James Church. Der Autor der «Inspektor O»-Krimis gilt als einer der besten Kenner Nordkoreas. Church, heisst es beim Heyne Verlag, wo seine Bücher auf Deutsch erscheinen, sei das Pseudonym eines westlichen Geheimdienstlers, der viele Jahre in Nordkorea und Umgebung tätig gewesen sein soll.

Schicksalsverwandter von Kafkas Josef K

Churchs Krimis wurden mit jenen von Eric Ambler, Graham Greene oder John le Carré verglichen, weil er wie sie als jemand gilt, der Geheimdienste von innen kennt. Vor allem aber erinnern seine Geschichten an Martin Cruz Smiths «Gorky Park». Wie Inspektor Arkady Renko ermittelt Inspektor O in einem totalitären System, wo korrekte Polizeiarbeit gar nicht stattfinden kann, da die Mittel fehlen. So sitzt O getarnt in einem Feld und soll eine Limousine fotografieren, die auf der «Strasse der Wiedervereinigung» nach Norden unterwegs ist. Die Limousine hupt, als sie vorbeirauscht, als wüsste der Fahrer, dass O im Verborgenen lauert. O knipst, doch die Batterie der Kamera ist leer.

Nicht nur der Foto-, sondern auch der Staatsapparat ist kaputt. Als eine Art Schicksalsverwandter von Kafkas Josef K wird O zwar nicht der Prozess gemacht, aber er befindet sich ebenfalls in den Fängen einer Bürokratie, die an Wahrheitsfindung nicht interessiert ist. Apropos Staatsapparat: Kim Jong-il kommt in den Büchern nicht namentlich vor, Church respektive Inspektor O zieht es vor, von der «Zentrale» zu sprechen. Und mit dieser legt sich O immer wieder an – als Sohn eines «Helden der Republik» kann er sich mehr Ungehorsam leisten als seine Kollegen.

Es ist ein Genuss, wie Church Würdenträger, Beamte und Spione in die Mordermittlungen einfliessen lässt, um so auf einer zweiten Ebene historische Ereignisse zu beleuchten, die tatsächlich stattgefunden haben. Das erste «Inspektor-O»-Buch etwa thematisiert die Entführungen von Japanern in den 70er-Jahren. In anderen Büchern (die bisher leider nicht auf Deutsch übersetzt worden sind) tangiert Church die Hungersnot der 90er-Jahre oder – brandaktuell – die Nachfolgeregelung der «Zentrale».

Keine Zombies

Bei aller Politik und Polizeiarbeit beschreiben die Romane auch den nordkoreanischen Alltag. Die Menschen hungern, stehen staunend um ein Handy, müssen ohne Strom auskommen. Glücklicherweise gibt Church die Nordkoreaner auch in solchen Szenen nie der Lächerlichkeit preis. Im Gegenteil: Die Menschen, denen O begegnet, sind zwar ihrer Regierung müde, aber auch stolz auf die Berge und Strände ihrer Heimat, deren Schönheit Church an verschiedenen Stellen würdigt. Ausserdem begegnen wir stolzen Eltern, küssenden Teenagern und trauernden Witwen. Church erinnert uns so daran, dass die Bevölkerung des kommunistischen Staats keine Zombies sind, wie wir im Westen gerne glauben.

O will die Missstände in seinem Land bekämpfen, aber ohne ausländische Hilfe. Als Freidenker verachtet der Inspektor die Zentrale und die Arbeitslager, in denen ungehorsame Bürger korrigiert werden. In den Westen überlaufen mag er trotz zahlreicher Möglichkeiten dennoch nicht. «Wir haben hier nicht viel, aber immerhin haben wir das Gefühl, zu etwas zu gehören», erwidert er einem Südkoreaner. O steht, mag man Churchs Einschätzungen glauben, für die gespaltene Haltung vieler Nordkoreaner gegenüber ihrem Land. Vor allem aber ist er ein Polizist, dessen innere Zerrissenheit und Nachdenklichkeit einem Wallander in nichts nachstehen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 13.10.2010, 13:04 Uhr)

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Ins Deutsche ist aus der Reihe bisher bloss «Inspektor O» übersetzt worden. Auf englisch erschien kürzlich «The Man With The Baltic Stare».

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