Im Königreich der moralischen Beliebigkeit

George R. R. Martin hat die Vorlage zur Fernsehserie «Game of Thrones» geschrieben. Die Buchreihe, deren neuster Band eben auf Deutsch erschien, ist sogar besser als der TV-Knaller.

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Es ist der Serienhit schlechthin. Quoten wie einst «Dallas», Kritiker und Fans in Jubel vereint. Die Rede ist von «Game of Thrones», diesem Fantasyspektakel im fiktiven Königreich von Westeros. Die gezeigten Landschaften und Städte sind so überwältigend wie die vielen Sexszenen, raffinierten Intrigen und kunstvoll abgehauenen Köpfe. Kurz, die Serie macht süchtig. So sehr, dass mancher nach dem brutalen Cliffhanger am Ende der zweiten Staffel (die man sich – geben Sies zu! – ohne zu bezahlen im Netz heruntergeladen hat) in ein Loch gefallen ist. Was nun? Ein Jahr warten, bis die neuen Folgen erscheinen?

Es geht auch anders. Was viele Fans der Serie nicht wissen: «Game of Thrones» basiert auf den Romanen von George R. R. Martin. «Das Lied von Eis und Feuer» heisst die Reihe, 22 Millionen Bücher hat Martin inzwischen verkauft. Wobei der Amerikaner noch nicht abgeschlossen hat, zurzeit schreibt er am sechsten Band. Er ist der TV-Serie also vier Staffeln voraus. Vor wenigen Tagen erschien die Übersetzung des zweiten Teils des fünften Bandes «Ein Tanz mit Drachen». Über die Handlung sei hier nichts verraten. Stattdessen wollen wir einen Blick auf das Phänomen George R. R. Martin werfen – und darlegen, wieso die Bücher gar noch besser sind als die Serie.

Der moderne Tolkien

Ironischerweise hat Martin zuerst fürs Fernsehen geschrieben. Seiner ausufernden Fantasie wurde dort von kleingeistigen Produzenten jedoch Grenzen gesetzt. Als er eine Folge von «Twilight Zone» im Mittelalter spielen lassen wollte, hiess es: «Wir geben dir Pferde, du kannst auch Stonehenge haben. Aber Pferde und Stonehenge bekommst du nicht.» Doch Martin wollte Pferde, Stonehenge und Tolkiens Mittelerde obendrein. Also sass er an den Schreibtisch und schrieb den ersten Band vom «Lied von Eis und Feuer».

Das war 1996. Heute gilt sein Werk als das grosse Fantasy-Epos unserer Zeit. Wo Martin liest, bilden sich Menschenschlangen, um ein Autogramm zu erhaschen. Martin-Clubs diskutieren im Internet sein Werk. Eltern taufen ihre Kinder Daenerys oder Jon – nach den Hauptfiguren in seinen Büchern. Martin ist der neue Tolkien. Und vor allem: Der moderne Tolkien. Während der Engländer als Weltkriegsveteran in «Lord of the Rings» eine gigantische Endschlacht zwischen Gut und Böse malte, ist Martins Universum so komplex wie die Zeit, in der der Autor lebt.

Nicht zwei Mächte kämpfen in Westeros gegeneinander, sondern sieben. Es herrscht ein politisches Chaos, die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen. Dazu passt, dass Martin mit offensichtlichem Genuss Figuren zu Sympathieträgern aufbaut – nur um sie dann vor den Augen ihrer Kinder köpfen zu lassen. Zahlreiche Romanfiguren wechseln zudem nach Belieben die Fronten. Wo es bei Tolkien eine klare christliche Botschaft gab (Schuld, Vergebung, Auferstehung), herrscht bei Martin moralische Beliebigkeit. Handfest hingegen ist das Setting. Seine über tausend Charaktere siedelte er nicht in einer Art mystischem Disneyland an, sondern er orientiert sich an den Kreuzzügen und am Hundertjährigen Krieg.

Fans befürchten einen «Jordan»

Was ist von «Eis und Feuer» literarisch zu halten? Stilblüten wie in einem Dan-Brown-Bestseller kommen kaum vor. Den poetischen Stil eines Tolkiens sucht man aber vergebens. Doch Martin ist ein flinker Erzähler, sein Stil ist nüchtern und pragmatisch, ganz im Dienst der perfekt gedrechselten Plots, die gnadenlos vorangetrieben werden – mit Kapiteln, die stets aus der Perspektive einer Figur geschrieben sind und meistens mit einem Cliffhanger aufhören. Das ist natürlich ein alter Trick, aber er kommt des Autors Hauptstärke entgegen: Martin ist ein Meister der Figurenzeichnung. Vom Stallburschen zum König bedenkt er alle Figuren mit derselben psychologischen Aufmerksamkeit und macht dem Leser stets aufs Neue bewusst: Letztlich funktionieren wir alle gleich, pendelt jeder zwischen Selbstaufopferung und Selbstinteresse. «Sopranos in Mittelerde» hat das der Produzent der TV-Serie einmal genannt.

Noch zwei Bände fehlen dem Mann mit dem Rauschebart zur Vollendung seines Werks, das dann etwa 8000 Seiten umfassen wird. Doch Martin ist übergewichtig und 64 Jahre alt, pro Band braucht er fünf Jahre. Bereits fürchten seine Fans einen «Jordan»: Robert Jordan, der Autor von «Wheel of Time», starb, bevor er seine Fantasyreihe zu Ende schreiben konnte. Ereilt Martin dasselbe Schicksal – es wäre der brutalste Cliffhanger aller Zeiten. Wir stärken uns gegen diese Vorstellung derweil mit einem typisch markigen Spruch aus «Eis und Feuer»:

«Es gibt nur einen Gott und sein Name ist Tod. Und es gibt nur etwas, das wir ihm zu sagen haben: Nicht heute.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 26.07.2012, 15:11 Uhr)

Martin, George R. R., «Game of Thrones. Box. A Song of Ice and Fire 1-4», Random House US, ISBN 978-0-345-52905-3, CHF 49.90.

Game of Thrones

George Raymond Richard Martin wurde 1948 in New Jersey geboren. Nach der Veröffentlichung seiner ersten Romane machte er 1986 einen Abstecher als Drehbuchautor in die Filmbranche. 1996 erschien der erste Band seines Fantasy-Epos «Das Lied von Eis und Feuer». Martin lebt verheiratet in Santa Fe, New Mexico.

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