Politisch, aber nicht überpolitisiert

Elif Shafak hat mit «Ehre» einen Roman über Kulturkonflikte geschrieben. Am Dienstag liest sie in Zürich.

Elif Shafak schreibt mit einer Fabulierlust, die in der 1001. Nacht gezeugt worden sein könnte. Foto: David Levenson (Getty Images)

Elif Shafak schreibt mit einer Fabulierlust, die in der 1001. Nacht gezeugt worden sein könnte. Foto: David Levenson (Getty Images)

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Drinnen herrschte Kuschelstimmung, draussen Krawall. Als Elif Shafak 2006 im Spital ihr erstes Kind zur Welt brachte, machte gerade ihr Prozess wegen «Beleidigung des Türkentums» Schlagzeilen, nach Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuchs. Zur Anklage hatte geführt, wie ihr Roman «Der Bastard von Istanbul» die Armenier-Frage thematisiert. Am Rand des Prozesses bespuckten und verbrannten Nationalisten öffentlich ein Porträt der Autorin; aber das Gericht sprach Elif Shafak frei.

Frei vom Druck allerdings war sie nie. Jetzt, in der Aprilausgabe der Londoner «Literary Review», schreibt die Genderforscherin und Romancière, die zwischen Istanbul und der Themsestadt pendelt: «Türkische Autoren haben nicht den Luxus, apolitisch zu sein. ­Politik ist für uns wie das Wetter für die Engländer: Es umgibt uns, packt uns und deprimiert uns regelmässig.»

Trotzdem sind Shafaks neun Romane keine Polemiken oder Pamphlete, sondern aus jenem Stoff gemacht, der auf Bestsellerlisten und Buchpreis-Nominationslisten gelangt. Auch «Honour», 2012 auf Englisch erschienen und nun unter dem Titel «Ehre» auf Deutsch erhältlich, hat es dorthin geschafft. Der Roman ist ein Verkaufsschlager und figurierte zudem auf den Longlists etwa des Asian Man Booker Prize und des Women’s Prize for Fiction.

Kein Wunder, schliesslich erzählt er auf seinen über 500 Seiten von türkischen Frauenschicksalen und Männlichkeitsmythen, von Orient und Okzident, von dem «Kampf der Kulturen» und der Friedenssehnsucht des Einzelnen – und er tut dies mit einer Fabulierlust und Parabelleidenschaft, die in der 1001. Nacht gezeugt worden sein könnten.

Wie politisch soll Literatur sein?

Dabei hält Elif Shafak allein schon den Sprung ins Narrative für riskant. Er sei schwierig für Autoren, die, wie sie, aus «Tunnel-Territorien» kämen, also aus Staaten, wo das Licht am Ende des Tunnels nur ein winziges Pünktchen in der Ferne sei. «Wir schwanken zwischen dem Verdacht, dass Literatur nutzlos ist, wenn bürgerliche Freiheiten bedroht und Menschenleben in Gefahr sind, und dem unbeugsamen Glauben daran, dass der Bedarf an Geschichten so akut ist wie eh und je.»

Wie verfasst man Literatur, die politisch ist, aber nicht überpolitisiert?, fragt die Schriftstellerin in ihrem «Review»-Essay «Im türkischen Tunnel»: Kann man Romane schreiben, in denen das Echo der Politik hallt, ohne die Sprache der Politik zu verwenden, die zu Enge und Dualismen neigt?

Man kann, und Elif Shafak tut es. Eben auch in «Ehre». Der Titel des Romans spielt bereits auf die Schrecken an, die sich bei uns zum Stereotyp versteinert haben: Vom Tanz um die Ehre scheint es, von aussen gesehen, kein riesiger Schritt zum Mord um der Ehre willen. Und rund um einen «Ehrenmord» entfaltet sich auch die Familiensaga, welche die 1971 in Strassburg geborene Autorin hier entwickelt.

Der Roman befriedigt unseren sensationsgeilen Blick über den Gartenzaun nicht – den lüstern-schockierten Blick hinein in die Welt unserer kopftuchtragenden Nachbarinnen. Sondern das Buch trägt Kapitel um Kapitel, Perspektivwechsel um Perspektivwechsel Fassade und Fremdheit ab, bis wir selbst mittendrin stehen und an den magischen Realismus dieses Kosmos glauben müssen. Es verwickelt uns in die Hintergründe und führt die vordergründige Mordgeschichte selbst am Ende ad absurdum.

Elif Shafak hat sozusagen gegen die Krimilogik angeschrieben, und das Fantastische ist: Ihre weiche Wahrheit aus Märchenmotiven und Migrationsmustern, aus Erinnerungsschnipseln und Brieffetzen entpuppt sich als das Härteste, Belastbarste, was unter dem Begriff Wahrheit überhaupt möglich ist. Nämlich zuallererst die Wahrheit von der innigen Liebe zweier eineiiger Zwillingsmädchen, die jedes Erschrecken miteinander teilen, selbst wenn sie kilometerweit voneinander entfernt sind; am Ende opfert die eine für die andere sogar unfreiwillig-absichtsvoll ihr Leben. Oder die Wahrheit von den Sünden der Mütter, die sich bis ins siebte Glied fortsetzen – und vielleicht gar keine Sünden sind. Und natürlich die Wahrheit von der Liebe der Mütter, die nicht einfacher ist als die zwischen Mann und Frau.

Die Töchter sieben und acht

1945 kommen in einem kurdischen Weiler am Ufer des Euphrat, an der Grenze zu Syrien, Tochter Nummer sieben und Nummer acht eines armen Ehepaars zur Welt. Die enttäuschte Mutter will sie «Schicksal» und «Genug» nennen, Bext und Bese, doch ihr Vater verleiht ihnen die Zweitnamen Pembe (Rosarot) und Jamila (Schönheit). Das Leben von Rosarotes Schicksal und Genug Schönheit wird weder rosarot noch schön sein, aber so prall, dass es sich wie viele Leben anfühlen wird, nein, viele Leben sein wird – und der Roman mit dem Satz beginnen kann: «Meine Mutter starb zweimal.»

Beim ersten Tod war der Mörder der eigene Sohn – Pembes Sohn Iskender. Und seine Schwester, Esma, will Pembe mit ihrer Chronik, die sie 1992 in London schreibt, ein letztes Mal zum Leben erwecken. Dass ihr das so hervorragend gelingt, liegt natürlich am packenden Stil ihrer Schöpferin: Der ist nicht dezent, sondern draufgängerisch und wischt alle Bedenken gegenüber Geschichten mit verschwenderischer Geste beiseite.

Schon auf den ersten Seiten ist alles da: das Mysterium rund um Pembe; die Erschöpfung der modernen Zwillingsmutter Esma; die Stimmung im London der Siebzigerjahre, als das Verbrechen passierte; und die Atmosphäre in der kurdischen Diaspora im London der Neunzigerjahre.

Pembe wandert mit ihrem Mann – der ursprünglich Jamila hatte heiraten ­wollen – nach London aus. Die Zwischen­station Istanbul war ein Horror; in der Kapitale Grossbritanniens ist die junge Mutter freilich noch verlorener. Sie muss zusehen, wie ihre drei Kinder von einer Kultur verschlungen werden, die sie nicht versteht. Auch deren Rassismus ist ihr ein Buch mit sieben Siegeln; als sie in einer Bäckerei dessen Opfer wird, kommt ihre ganze Existenz ins Wanken.

Diese buchstäblich bittersüsse Szene rund um eine Auslage von Eclairs wird zum Auslöser für einen Rattenschwanz an Ereignissen bis hin zum Mord: Pembes scheinbarer Ermordung. Ihr ältester Sohn, der tief verunsicherte Iskender – dessen Vater die Familie verlassen hat –, täuscht sich. Um die Familienehre zu retten, will er Pembe töten, erwischt ihre Zwillingsschwester und bemerkt den Irrtum nicht einmal. Ein böser, mehrschichtiger Witz der Autorin.

Für alle Geschichten-Gläubigen

Elif Shafaks Buch lässt sich in keine Schublade stecken: Ihr Panorama präsentiert sie in so sinnlichen (keineswegs subtilen) Shortcuts, dass sie fast als Kurzgeschichten für sich funktionieren könnten, mit starken Dialogen, starken Bildern. «Ehre» ist Familiensaga und Liebesdebakelroman, soziologische Studie mit politischen Echos und Märchen: ein schier überfrachtetes, durchaus persönlich getuntes Mutter-Vater-Sohn-und-Tochter-Buch – ein Krawall-und-Kuschel-Buch für alle Geschichten-Gläubigen ­dieser Welt.


Elif Shafak liest am 8. 4. um 20 Uhr im Kaufleuten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.04.2014, 07:32 Uhr

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Elif Shafak: Ehre. Roman. Aus dem Englischen von Michaela Grabinger. Kein & Aber, Zürich 2014. 528 S., ca. 36 Fr.

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