«In der Langeweile erleben wir die nackte Zeit»

Der Philosoph Rüdiger Safranski beschäftigt sich in seinem neuen Buch «Zeit» mit der Erfahrung des Vergehens. Das Weltgeschehen mitzuerleben, sei grossartig – und anstrengend.

«Die Zeit besitzt uns»: Philosoph Rüdiger Safranski auf dem Lindenhof in Zürich. Foto: Giorgia Müller

«Die Zeit besitzt uns»: Philosoph Rüdiger Safranski auf dem Lindenhof in Zürich. Foto: Giorgia Müller

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Herr Safranski, Sie nehmen sich Zeit für ein Interview. Was heisst das?
Das bedeutet, dass man sich aus der Agenda mit all den Abmachungen und Plänen ein Stück herausschneidet und diesen Zeitabschnitt zur Verfügung stellt. Schon hier merken wir, dass man sich, wenn es um die Zeit geht, immer schon mit der Gesellschaft beschäftigt. Denn man bewirtschaftet die Zeit ja nicht nur selbst, sie wird auch von der Gesellschaft bewirtschaftet. Deswegen findet hier die Begegnung mit der reinen Zeit, mit der Zeit an sich, gar nicht statt.

Dies geschieht, wie Sie in Ihrem Buch über die Zeit schreiben, in der Langeweile.
Ich überlegte mir, welches die Momente sind, bei denen man nicht in einem planerischen Sinne mit der Zeit umgeht, wozu uns das Leben in der Arbeits- und Leistungsgesellschaft nötigt – Momente, in denen man sie direkter erlebt. Was mit dem Menschen los ist, erkennt man dann besonders gut, wenn sonst nichts los ist. Langeweile kennt ja jeder.

Was zeichnet diese Zeit aus?
Während ereignisarmer Zeiten merkt man das Vergehen der Zeit selbst. Um dies bildlich zu veranschaulichen: Der Ereignisteppich lässt uns die Zeit nie richtig wahrnehmen. Nur da, wo dieser Ereignisteppich fadenscheinig wird, wo die Ereignisse dünn oder spärlich werden, ist der Durchblick auf das reine Zeitvergehen möglich.

Ein nicht nur angenehmer Anblick.
Es ist eine prekäre Erfahrung, weshalb sie auch als Folterinstrument eingesetzt werden kann: Hört jemand in einer Zelle nur ein regelmässiges Tropfen, kann dies ihn in den Wahnsinn treiben. Der Tropfen ist dieses spärliche Ereignis, sonst gibt es nur Leere; aber eben nicht nichts, sondern das Verstreichen von Zeit. Wenn man die Zeit gewissermassen nackt erleben will, kommt man um die Langeweile nicht herum.

Ändert sich das Interesse an der Langeweile mit der Zeit?
Langeweile gibts, seit es Menschen gibt. Aber es gibt Epochen, die sich stärker für sie interessiert haben. Dass die Romantik einen besonderen Blick auf die Langeweile hatte, hängt mit dem Talent der Romantiker zusammen, Gefühle ins Auge zu fassen, die etwas Abgründiges haben. Deswegen existieren in der romantischen Literatur wunderbare Beschreibungen der Langeweile.

Aber all unsere Unternehmungen zielen doch darauf ab, Langeweile gar nicht aufkommen zu lassen.
Ja, das ist ein zentraler Aspekt: Um Lange­weile zu vermeiden, haben wir den Furor des Tuns entwickelt. Zum Nutzen der Arbeit gehört auch, dass sie uns vor der Langeweile schützt. Die Angst vor ihr macht uns süchtig nach Unterhaltungen und Ablenkungen. Man kann so weit gehen zu sagen: Alles, was wir machen, ist eine einzige grosse Anstrengung, die Erfahrung der Langeweile und damit des Nichts zu meiden. Der französische Philosoph Pascal hat dies bereits im 17. Jahrhundert gesehen, als er in seinen «Pensées» menschliches Tun als eine einzige Flucht vor der Lange­weile beschrieben hat.

Man sagt: Es langweilt einen. Was oder wer ist dieses Es?
Das Es ist wie ein Schatten, der sich über alles legt; es hat etwas Anonymes. Wenn einen ein bestimmtes Gegenüber langweilt, hat man einen guten Grund: Der ist langweilig; der verbreitet Langeweile! Nun stellt sich aber auch der Verdacht ein, dass die Langeweile aus einem selbst aufsteigt, dass man sich mit sich selbst langweilt, dass man das Gefühl hat, man ist mit sich selbst nicht in guter Gesellschaft, wenn man allein ist. Also: Dass man selber der Langweiler ist. Dann hält man natürlich lieber an dem fest, was einen von sich selbst als langweiliges Etwas befreit.

Kann man eigentlich Zeit haben im Sinne von besitzen?
Eigentlich nicht. Was besitzt man denn, wenn man glaubt, die Zeit zu besitzen? Der Moment, den man eben gepackt hat, ist ja schon wieder vorbei. Die Zeit ist immer etwas, was einem entgleitet. Das gehört zu ihrem Definitionsmerkmal.Ohne Aufnahmegerät wäre dieser Moment unseres Gedankenaustausches endgültig vorbei.

Dank der Technik haben wir nun aber ein Zeugnis davon.
Nur: Wir halten die Laute, die Stimmen fest – also äussere physische Zeichen. Oder Zeichen, die Schrift zum Beispiel, oder Bilder. Der begleitende innere Zustand aber, der bei jedem von uns jetzt als Befindlichkeit dieses Momentes da ist, der ist unwiderruflich vorbei. Und den können wir auch nie reproduzieren. Auch Messungen unserer Gehirnströme, ebenfalls äussere Zeichen, helfen nicht weiter. Der begleitende innere Zustand ist nicht mehr da, und wenn wir doch den Eindruck haben, er ist wieder da, so können wir doch nicht gewiss sein, denn das Original, woran wir messen könnten, ist unwiderruflich vergangen. Das ist der Grund, weshalb wir die Zeit nicht besitzen können. Es ist umgekehrt: Die Zeit besitzt uns.

Es ist ja auch nicht schlecht, wenn etwas vergeht.
Die Unumkehrbarkeit des Zeitpfeils kann einen melancholisch stimmen, sie hat aber auch etwas Entlastendes und Befreiendes. Borges hat sich einmal eine Figur ausgedacht, die nichts vergessen kann. Das ist unvorstellbar! Da merkt man dann, was für ein Segen das Verschwinden ist.

Das ist ja auch das Problematische an der Psychoanalyse und dem dauernden Aufarbeiten dessen, was in der Kindheit geschehen ist.
Die oft zu hörende Behauptung, dass man ein übles Ereignis nur überwinden kann, indem es noch mal durchagiert, trifft nicht immer zu. Manchmal kann es gut sein, manchmal aber auch gerade nicht. Vergessen können und nicht mehr an all das vergangene Schlechte rühren – dies sind feste Bestandteile unserer Lebens­bewältigung.

Liegt der Sinn des Seins letztlich also im Vergehen?
Martin Heidegger schreibt, dass der Sinn von Sein die Zeit ist, das heisst auch, dass der Sinn im Vergehen liegt – und nicht im Festhalten der Zeit. Gegen diese skandalöse Erfahrung des Ver­gehens versuchen wir Beständigkeiten zu schaffen mit unserem Tun. Diese Bestandssicherung und dieses Wachstum ist eine Vorsorge gegen das andauernde Vergehen. Auch die Kultur ist eine Massnahme zur Sicherung des Bestandes. Wenn sich keiner mehr an eine bestimmte Vergangenheit erinnert, ist es so, als gäbe es sie gar nicht mehr. Das kann befreiend sein, aber auch ein ungeheurer Verlust.

Ich bin also auch im Vergessen.
Dass man seine Zeit hat beziehungsweise in seiner Zeit ist, bedeutet ja auch eine grosse Chance: Auch ich erfahre die Zeit, auch durch mich geht sie hindurch! Zeit kann eine Rückkehr zu sich selbst bedeuten in seiner Unverwechselbarkeit und Unvertretbarkeit. Man erobert ein Terrain, das man sowieso bewohnt. Ich bin ich – bleibe erhalten, trotz des Zeitvergehens.

Ist das dann die Eigenzeit?
Eigenzeit bedeutet mehreres: Wir haben eine Eigenzeit in unserem Körper, ein inneres Zeitprogramm; jeder kennt diese körpereigenen Zeitvorgänge. Und es gibt den gesellschaftlich aufgenötigten Zeit­ablauf. Hier muss man sich Inseln der Souveränität einrichten, auf denen man die Zeit selbst bestimmt. Selbstbestimmung – das wird oft vergessen – schliesst den Bereich der zeitlichen Struktur mit ein. In der Gesellschaft bestehen ja verschiedene Geschwindigkeiten: vom hohen Tempo der Finanzmärkte bis hin zum langsamen Funktionieren der Demo­kratie. Die verschiedenen Lebensbereiche haben ihre Eigenzeiten. Heute ist ein Kampf darum entbrannt, welche Geschwindigkeit die dominierende sein soll. Die Frage, wer sich nach wem richten muss, ist sehr politisch.

Das Internet erhöht das Tempo zusätzlich.
Einerseits geht es um Geschwindigkeit, andererseits um Gleichzeitigkeit – um ein Phänomen, das es früher nicht gab. Wir sind Zeugen einer ungeheuren Zäsur: Raumentfernte Punkte hatten vor 1890 nie eine Gleichzeitigkeit erfahren. Jeder Ort lebte einzig in seiner Eigenzeit. Alle Informationen, die eintrafen, bezogen sich auf Ereignisse, die schon vorbei waren. Die Erfahrung, in Echtzeit an allem teilnehmen zu können, ist ganz neu. Die Ferne belästigt uns mit trügerischer Nähe, und das Gleichzeitige, vor dem wir durch Raumdistanzen geschützt waren, dringt in unsere Eigenzeit ein. Das ist grossartig, aber auch anstrengend.

Bedroht dies auch die Eigenzeit?
Da man regelrecht überschwemmt wird mit Informationen, ist sie zumindest gefährdet. Jeder lebt in den Grenzen seiner Eigenzeit, aber in der Neuzeit sind diese Grenzen weit geöffnet. Man wird überspült von einer globalen Gleichzeitigkeit: Potenziell kann ich alles erfahren und alle Informationen mir zu eigen machen. Nur stellt sich die Frage: Benötigen wir nicht eine Art Immunschutz? Wie hoch ist eigentlich unsere Reiz­verarbeitungs­kompetenz, ohne dass wir Schaden nehmen?

Funktioniert unser Reiz-Reaktions-Schema auch bei Informationen?
Wir nehmen Reize auf und wollen darauf angemessen reagieren, handelnd antworten. Wie soll das gehen, wenn Unmengen von Reizen in uns eindringen? Die enorme Reichweite der aufgenommenen Reize durch Wahrnehmungsprothesen wie das Fernsehen oder das Internet führt dazu, dass wir auf der Handlungsseite ein Problem haben: Wir können nicht mehr angemessen darauf reagieren. Daraus entsteht ein fundamentales inneres Ungleich­gewicht mit latenter Panik und Hysterie aufgrund nicht abgeführter Energie. Diese Unruhe wird in medialen Sensationen und Skandalen abgefackelt wie die überschüssigen Gase auf den Ölfeldern.

Aber der Mensch ist ein ­anpassungsfähiges Wesen.
Der Mensch ist wahnsinnig flexibel. Es scheint, als ob er mit allem fertig würde. Er ist ein autoplastisches Wesen, und es lohnt sich nicht, eine feste Definition seines Wesens zu geben. Er ist das «nicht festgestellte Tier», wie Friedrich Nietzsche einmal geschrieben hat. Daher bringt Kulturpessimismus nichts. Aber man muss doch festhalten, dass sich heute Ungeheures tut. Es handelt sich um einen gigantischen mentalen Umbruch. Früher gab es nur ein Wesen, das Gleichzeitigkeit erfahren konnte: Gott, der mit seinem Superbewusstsein überall und jederzeit anwesend war.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.10.2015, 23:38 Uhr

Rüdiger Safranski

Philosoph und Biograf

In seinem neuen, beim Carl-Hanser-Verlag erschienenen Buch «Zeit» beschäftigt sich der 70-jährige deutsche Philosoph mit der Frage, was die Zeit mit uns macht und was wir aus ihr machen. Seine Kulturgeschichte der Zeit beleuchtet verschiedene Positionen: die vergesellschaftete Zeit, die Langeweile, die Zeit der Sorge, die Eigenzeit und die erfüllte Zeit. Der in Badenweiler lebende Safranski hat vielgerühmte Biografien etwa über Goethe, Schopenhauer und Nietzsche publiziert. Daneben hat er sich auch mit Büchern über das Böse, die Romantik oder die Wahrheit einen Namen gemacht. (kal)

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