In der Welt der Bolzenschussgeräte
Von Bettina Weber. Aktualisiert am 14.01.2011 33 Kommentare
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Das Buch und die Lesung
Karen Duve: Anständig essen.Ein Selbstversuch. Galiani, Berlin 2011. 335 S., ca. 34 Fr.
Karen Duve liest am 21. Januar zusammen mit Jonathan Safran Foer («Tiere essen») im Kaufleuten in Zürich.
Das Erfrischende am Buch von Karen Duve ist, dass es ohne erhobenen Zeigefinger daherkommt. Angesichts des Titels «Anständig essen» ist das nicht selbstverständlich. Denn wer diesen Titel wählt, sagt ja, dass in der Regel unanständig gegessen wird – und da schwingt die Moralkeule bereits mit. Erst recht, wenn auf dem Buchdeckel ein allerliebstes Häschen zu sehen ist: auf einem Teller sitzend, dahinter eine Frau mit Messer und Gabel in der Hand.
Duve gelingt das Kunststück, über ein moralisch belastetes Thema zu schreiben, nämlich über die Ethik beim Essen, ohne dabei je in dem Sinne moralisch zu sein, dass es als vorwurfsvoll empfunden wird. Sie fragt sich ganz einfach: Wie viel gönne ich mir auf Kosten anderer? Konkret: Inwiefern kann ich es vor mir selbst rechtfertigen, Tiere zu essen, von denen ich weiss, dass sie vor ihrem Tod ein himmeltrauriges Dasein fristen mussten? Und weshalb, obschon ich die Umstände doch kenne, kümmert es mich nicht?
Chemotherapie für den Hund
Worüber die Roman-Autorin («Regenroman», «Taxi») nachdenkt, ist nicht neu. Man kennt die Zustände in den Massentierbetrieben, weiss, dass die Tiere oft noch nicht tot oder genügend betäubt sind, wenn sie aufgeschnitten werden, weiss, dass männliche Ferkel ohne Betäubung kastriert, Gänse in Polen, Ungarn und China für die Gewinnung von Daunen lebend gerupft werden. Man weiss es. Und greift dennoch zum Aktionspoulet oder Daunen-Duvet zum unschlagbaren Tiefpreis. Duve machte das auch, ihr Lieblingsessen war die Grillhähnchen-Pfanne für 2.99 Euro.
Im Dezember 2009, als sie gerade wieder mit ihrer Bulldogge beim Tierarzt in der Chemotherapie gewesen war – was sie nebst den Operationen schon mehrere Tausend Euro gekostet hatte –, begann sie, darüber nachzudenken. Wie muss ein Huhn gelebt haben, dass es zu diesem Preis erhältlich ist? Sie weiss, gut kann dieses Leben nicht gewesen sein, ahnt auch, dass es vermutlich nicht einmal den Begriff Leben verdient. Aber weshalb kümmert sie das nicht?
Einkaufen wird kompliziert
Duve zitiert die Philosophin Hannah Arendt: «Die grössten Verbrecher sind die, die das Denken verweigern», und sie beginnt zu recherchieren. Sie, die sich als Tierfreundin bezeichnet und mit Maultier, Esel, Pferd, Katzen und Hühnern auf dem Land in der Märkischen Schweiz lebt, liest jeden Artikel, jedes Buch, jede Statistik zum Thema, und sie geht dabei schonungslos vor, auch mit sich selbst. Sie taucht ein in eine Welt, die mit derjenigen aus der Fernsehwerbung, den idyllischen Bildern von Bauernhöfen auf den Verpackungen und der schicken Atmosphäre in Restaurants nichts zu tun hat. In eine Welt, in der es um Bolzenschussgeräte, Elektrozangen und Gas geht, in eine Welt, in der getötet wird, in der Tiere wie eine Ware behandelt werden. 700 Millionen davon werden allein in Deutschland jährlich geschlachtet.
Und sie beschliesst, fortan ein Jahr lang ethisch korrekt zu essen. Das sind anfangs zwei Monate lang Bio, danach zwei Monate vegetarisch, dann vier Monate vegan und schliesslich, das Allerhärteste, zwei Monate frutarisch. Letzteres bedeutet: Davon ausgehend, dass auch Pflanzen Schmerzen empfinden, wird nur gegessen, was sie von selbst hergeben. Erlaubt sind beispielsweise Äpfel, Nüsse, Samen, Beeren, Tomaten, Bohnen, Erbsen.
Vegane Katzen
Jeder Schritt ist extremer, plötzlich werden Einkaufen und Essen zu höchst komplizierten Unterfangen (nahezu alle Produkte beinhalten tierische Stoffe, selbst Gummibärchen, Zahnpasta, Medikamente), immer wieder stellen sich neue Fragen (wie ernährt man Katzen vegan?), ergeben sich Widersprüche (weshalb verspürt sie trotz all der Erkenntnisse Heisshunger auf ein Steak?). Duve beschreibt das sehr vergnüglich und mit viel Humor; sie klagt nicht an, sondern staunt vielmehr über sich selbst und ihre bisherige Ignoranz, vor allem aber über die menschliche Fähigkeit, das Mitgefühl, das uns doch auszeichnet und auf das wir uns etwas einbilden, einfach nach Belieben ein- und ausschalten zu können.
Der Dioxin-Skandal, der Deutschland zurzeit erschüttert, macht deutlich, was die Fleischproduktion heute ist: eine Industrie. Duve schreibt: «Das Verwerfliche an der Massentierhaltung ist, dass hierbei nicht die Haltung an die Bedürfnisse der Tiere angepasst wird, sondern die Tiere an eine offensichtlich ungeeignete Haltungsform angepasst werden, indem man sie an Hörnern, Schnäbeln und Ringelschwänzen verstümmelt, damit man noch mehr zusammenstopfen kann. Massentierhaltung bedeutet, dass man Tieren Höchstleistungen auf Kosten ihrer Gesundheit anzüchtet. Massentierhaltung bedeutet Turbo-Futter, schlechte Gesundheit, Schmerzen, Stress, Bewegungsmangel und früher Tod. Massentierhaltung bedeutet Tierquälerei zur Gewinnmaximierung.»
Deshalb geht es Duve nicht um ihre Gesundheit, es geht ihr auch nicht ums Klima, was seit geraumer Zeit als akzeptiertes Argument gilt, um auf Fleisch zu verzichten. Es geht ihr um die Tiere. Und darum, dass wir als intelligente Spezies, für die wir uns halten, das Leiden von Tieren nicht gedankenlos in Kauf nehmen sollten.
Kaum mehr Platz als ein A4-Blatt
Sie beteiligt sich an Tierrettungsaktionen, und zu ihrer Überraschung sehen die Hühner in einem deutschen Biomastbetrieb nicht viel besser aus als deren Artgenossen in herkömmlichen Betrieben: Auch sie haben kaum Federn, abgetrennte Schnäbel, um sich nicht gegenseitig zu verletzen, und nur wenig mehr Bewegungsfreiheit als ihre Artgenossen aus der konventionellen Haltung, wo einem Huhn gemäss EU-Richtlinien gerade mal der Platz in der Grösse eines A4-Blatts plus Postkarte zusteht. Hühner aus normalen Mastbetrieben nehmen jeden Tag 5,5 Prozent ihres Eigengewichts zu, was ungefähr einem zehnjährigen Kind entspricht, das Tag für Tag zwei Kilo fetter wird.
Am Ende des Jahres zieht Duve Bilanz; zu welchem Schluss sie kommt, sei an dieser Stelle nicht verraten. Aber immerhin so viel, dass sie sich zwar trotz all des Wissens nicht zur radikalen Tierschützerin entwickelt, aber dennoch weiterhin anständig essen will. Unumwunden gibt sie zu, dass es ihr Leben deutlich vereinfachen würde, wenn sie sich wieder doof stellen könnte. Und sie spinnt den Gedanken von Hannah Arendt weiter: «Es gibt nämlich noch etwas Schlimmeres, als das Denken zu verweigern – die Zusammenhänge zu kennen, ohne daraus die Konsequenzen zu ziehen.» Was ja eigentlich heisst: Der Konsument hat es in der Hand. Zu sagen, er habe von nichts gewusst, gilt nicht als Entschuldigung.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.01.2011, 20:22 Uhr
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33 Kommentare
Lieber Herr Wöllner, welche Unwarheiten werden denn gemäss Ihnen in solchen Büchern verbreitet? Interessant fände ich auch ob Sie jemals in einem Massentierhaltungsbetrieb gewesen sind? Ich schon und diese Angaben stimmen 100% dem zu was beschrieben wird. Danke also für solch unnötige Kommentare. Antworten
Ich habe selten ein so deftiges Buch gelesen wie Duves "Regenroman". Der Artikel macht jedenfalls Lust auf die Lektüre ihres neuen Buches. Als ehemalige Vegetarierin hadere ich immer wieder mit dem Thema, wobei ich lediglich das Poulet einfach nicht lassen kann... Antworten






