Inside «Weltwoche»

Bruno Ziauddin war einmal in der Chefredaktion von Roger Köppels Zeitung. Jetzt hat er einen Medienroman geschrieben. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind natürlich rein zufällig.

Roger Köppel am Redaktionstisch der «Weltwoche»: Parallelen zur Romanfigur T sind kaum zufällig. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Roger Köppel am Redaktionstisch der «Weltwoche»: Parallelen zur Romanfigur T sind kaum zufällig. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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«Die Welt ist nicht ganz so sozi-mainstream, wie der Sozi-Mainstream es gern hätte. Es gibt sehr wohl eine andere, fast möchte man sagen: eine Gegenkultur.»

Diese Good News stammen vom «diabolischen Chefredaktor T», wie er im Klappentext des Buchs «Bad News» genannt wird. T wie Teufel?

Thema des Schweizer Medienromans ist der Rechtsruck von T und dessen Wochenblatt. Weil Bruno Ziauddin (heute Redaktor beim «Magazin», das wie der «Tages-Anzeiger» zum Verlag Tamedia gehört) einst 7 Jahre bei der «Weltwoche» arbeitete, liegen Parallelen zu real existierenden Personen auf der Hand.

Die Geschichte spielt im Jahr 2003. Hauptfigur ist der junge, talentierte Gesellschaftsjournalist M, der von T als stellvertretender Chefredaktor eingestellt wird: Zusammen könne man das Land verändern! Am Fernsehen legt Colin Powell der Weltöffentlichkeit gerade seine fragwürdigen Beweise vor, um in den Irak einzumarschieren. T ist begeistert, will die Kriegstreiberei journalistisch umsetzen. M weiss nicht recht. Zögerlich veranlagt und geprägt vom ironischen Zeitgeist der 90er-Jahre, mag er nicht einmal richtig zu seiner Freundin stehen. Eine ideologische Verankerung überfordert ihn komplett. Und dann das: Kaum ist M eingestellt, will T neun Mitarbeiter entlassen. M solle sich Namen überlegen. So etwas gehöre dazu, wenn man in der Führungsverantwortung stehe.

Ein Schlüsselroman?

Nun ist es mit Branchen-Schlüsselromanen so eine Sache. Schnell geraten sie zu plumpen Abrechnungen mit ehemaligen Kollegen. Wer hat welche Macken? Wer schlief mit wem? Doch «Bad News» erspart uns die Unterleibsperspektive, wie sie beispielsweise Hellmuth Karasek in seinem Roman über seine Zeit beim «Spiegel» verwendete. Ziauddin, zeitweilig auch in der Chefredaktion der «Weltwoche», will seinen Text sowieso nicht als Schlüsselroman verstanden haben (das überlässt er seinen Lesern). Auf Anfrage verweist er auf US-Autor Tom Wolfe: Fakten, die zur Fiktion arrangiert werden.

Während sämtliche Journalisten in «Bad News» knapp zur Unkenntlichkeit entstellt sind, riecht T stark nach Roger Köppel. Er ähnelt ihm äusserlich nicht, doch die persönlichen und publizistischen Parallelen sind unübersehbar. Beide sind mit ihrem Job verheiratet und in verschiedenen Ressorts kompetent. Als möglicher Investor beim Verlag wird in «Bad News» der steinreiche, neoliberale Jean Roemer gehandelt. In der Realität war es der rechtskonservative Tessiner Financier Tito Tettamanti, der 2002 die Aktienmehrheit an der Jean Frey AG erwarb, dem damaligen Verlag der «Weltwoche». Köppel besetzte die Redaktion danach zu grossen Teilen neu. Der Kurs der Zeitung drehte nach rechts, was gerade die Berichterstattung zum Irakkrieg zeigte.

Zürcher Lokalkolorit

Damit der Roman nicht zu einem Insiderwitz für Journalisten gerät – und weil M ein fast unerträglich passiver Held ist –, wird mit dem jungen Bosnier Damir eine weitere Hauptfigur eingeführt. Intelligent, aber von Schweizer Altersgenossen ausgegrenzt und gehänselt, gerät dieser an einen zweifelhaften Mentor. Der Koran ersetzt in seiner Freizeit fortan das Kiffen. Nach einer erneuten Demütigung will Damir gegen die islamfeindliche Stimmung im Land ein deutliches Zeichen setzen. Wie T radikalisiert er sich: eine ziemlich dreiste Parallelmontage, die zu einem wuchtigen Schlusstwist führt.

Dieses Vergnügen am perspektivischen Erzählen erinnert an die Bücher von Martin Suter, genauso wie das zürcherisch angehauchte Lokalkolorit. Ziauddins Stil ist allerdings überhitzter. Gelächter klingt wie «eine Schafherde auf Ecstasy». Ist T guter Laune, setzt er ein «Sammy-Davis-Junior-Lächeln» auf. Das sind lustige Metaphern, doch über 200 Seiten gehäuft, ermatten sie. Richtig süffig geschrieben sind die Szenen aus dem Redaktionsalltag. In einer Sitzung etwa ereifert sich T über «sozialdemokratisch approbierte Deproliteratur» – Köppels furioser Essay «Zum Genre des Scheissfilms» kommt einem da in den Sinn. Flugs wird daraus eine Serie angedacht: «Zehn Romane von konservativen Schriftstellern, die Sie gelesen haben müssen.»

Inside Weltwoche?

«Inside ‹Weltwoche›?» Vielleicht. Ziauddin liefert aber auch selbstironische Einsichten ins Metier. Egal, ob Feuilletonist oder Bundeshauskorrespondent, ob Gratiszeitungsjournalist oder preisgekrönter Autor – jeder hat hier eine persönliche Rechtfertigungsstrategie, wieso er wichtiger sei als der andere. Journalisten: ein Haufen Profilneurotiker mit viel Raum, aber wenig Verantwortung.

«Seit dieser Kackkrieg los ist, scheint Rechthaben zur neuen Freizeitbeschäftigung geworden zu sein», jammert also M. Er sinniert über den Wahrheitsgehalt von Schlagworten wie «Peace-Stalinisten» oder «kanonisierte Korrektheit» und ringt mit der Auslegung von konträrem Journalismus. Eine Zeitung muss dem Publikum doch mehr bieten als Selbstvergewisserung! Wo jedoch hört die erkenntnisbefördernde Lust am ­Widerspruch auf, wo beginnt neuer ­Dogmatismus?

Als T ernst macht und Mitarbeiter feuert, schwankt M noch: Waren die schlechtesten oder vielmehr liberalsten Schreiber entlassen worden? Andere Journalisten gehen freiwillig, unter anderem der Leiter des Auslandressorts: «Wenn der Chef Leitartikel verfasst, die wie Pressemitteilungen des Pentagons tönen, ist es egal, was der Rest von uns schreibt.» M bleibt. Wie ein kleiner ­Gustaf Gründgens folgt er seinen Ambitionen und behält seine Gewissensbisse für sich. Doch der neue, «fortschreitend gruselkabinetthafte Mitarbeiterstab» macht ihm immer mehr zu schaffen, als Vielfalt und Uneindeutigkeit der Zeitung abhanden kommen.

Was Ziauddin indirekt beschreibt, ist die Geburt von Köppels «Weltwoche», wie man sie heute kennt – als nationalkonservatives Wochenmagazin. Weitere Schweizer Zeitungen sind inzwischen nach rechts gerutscht oder im Begriff dazu. Dass «Bad News» jetzt erscheint, ist perfektes Timing. Mit der kürzlichen Wahl von Roger Köppel zum SVP-Nationalrat sowie der anstehenden Abstimmung zur Durchsetzungsinitiative hat der smarte Medienroman ein zusätzliches Momentum bekommen.

Ahnen konnte Bruno Ziauddin das nicht, als er mit dem Schreiben begann. Aber natürlich wusste er, was auch Theatermacher Milo Rau wusste, als er die «‹Weltwoche›-Prozesse» aufführte: Die umstrittenste Zeitschrift der Schweizer Pressegeschichte fasziniert viel mehr Leute, als sie Leser hat. Sie ist nicht nur Zeitung, sondern Stammtischthema, ­Lustangst, Obsession. Ts rechte Gegenkultur droht Mainstream zu werden.

Buchvernissage am 11. 2., 20 Uhr, im Kaufleuten. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 28.01.2016, 07:16 Uhr)

Köppels Reaktion

Er fühle sich geehrt, sagt Roger Köppel gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet, dass sich Ziauddin von der «Weltwoche» habe inspirieren lassen. Für den Roman-Autor hat er nur lobende Worte: Ziauddin habe ihm geholfen, «diese einzigartige unkonventionelle Zeitung, die damals ein schwerer Verlustbringer war, zum Erfolg zurückzuführen.» (lsch)

Bruno Ziauddin

Der Autor wurde 1965 in Zürich geboren und studierte in London Politik und Geschichte. Zum Journalismus gelangte er über ein Volontariat beim «Zürcher Unterländer». Von 2002 bis 2008 arbeitete er bei der «Weltwoche», zeitweilig auch als Mitglied der Chefredaktion, danach als Autor, bevor er 2009 zur «annabelle» wechselte. Ziauddin schrieb die Bücher «Grüezi, Gummihälse» und «Curry-Connection». Seit Mai 2015 ist er Redaktor beim «Magazin». (TA)

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Bruno Ziauddin: Bad News. Roman. Nagel & Kimche, Zürich 2016. 208 S., ca. 28 Fr.

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