Kultur

«Israel träumt davon, möglichst viele von uns Arabern loszuwerden»

Von Inge Günther. Aktualisiert am 15.02.2009 2 Kommentare

Nach den Wahlen in Israel ist der arabische Schriftsteller Sayed Kashua besorgt über den Rechtsruck. Und er fragt sich, ob er aus Jerusalem wegziehen soll.

Sayed Kashua: «Viele Menschen in Israel haben unbekümmert für jemanden gestimmt, der eigentlich nur sagt: Wir hassen Araber.»

Sayed Kashua: «Viele Menschen in Israel haben unbekümmert für jemanden gestimmt, der eigentlich nur sagt: Wir hassen Araber.»

zur Person

Der 33-jährige arabisch-israelische Autor Sayed Kashua lebt in Jerusalem und schreibt wöchentlich eine satirische Kolumne für die Zeitung «Haaretz». Er hat mehrere Romane veröffentlicht, zwei sind auch auf Deutsch erschienen: «Tanzende Araber» und «Da ward es Morgen» (Berliner Taschenbuch-Verlag).

Herr Kashua, was bedeutet der Rechtsruck für Israel?
Freunde von mir, Juden wie Araber, sagen, Israel werde mit Benjamin Netanyahu und Avigdor Lieberman nun sein ungeschminktes Gesicht zeigen. Aber ich fürchte, meine Kinder und ich zahlen den Preis. Ich wusste, dass es in der israelischen Gesellschaft einen gewissen Hass auf Araber gibt. Als Araber, der in einem jüdischen Viertel lebt, macht mir die Entwicklung jetzt wirklich Angst.

Gibt es Feindseligkeiten seitens der Nachbarn?
Wir leben seit September hier. Die Nachbarn sind nett, auch wenn die Hälfte der Hausbewohner wahrscheinlich Lieberman gewählt hat. Aber ich bin nicht mehr sicher, ob das eine gute Entscheidung war hierherzuziehen.

Was ängstigt Sie mehr? Dass ein Rechtspopulist wie Lieberman so viel Macht besitzt oder dass der rechte Block insgesamt so stark ist?
Es ist nicht Lieberman allein. So viele Menschen in Israel haben unbekümmert für jemanden gestimmt, der eigentlich nur sagt: «Wir hassen Araber.» Nicht dass Netanyahu, Ehud Barak oder Tzipi Livni die Araber gut leiden können. Auch ihre Fraktionen waren dafür, zwei arabische Parteien nicht zu den Wahlen zuzulassen. Als ob die Hamas wären! Im Grunde hat die Linke in der Knesset nur noch sieben Mandate, drei für Meretz und vier für Hadash, die Kommunisten.

Die Arbeitspartei rechnen Sie nicht zur Linken?
Sicher nicht Barak. Ich kann nicht vergessen, wie er als Premier zu Beginn der Intifada im Oktober 2000 die Polizei auf unbewaffnete arabische Demonstranten schiessen liess.

Ihr Buch «Da ward es Morgen» erzählt von einem arabisch-israelischen Dorf, das ungefragt einem palästinensischen Staat zugeschlagen wird. Eine politische Fiktion, die dem Programm von Lieberman entspricht. Der plädiert ja für die Ausgrenzung «arabischer Ballungsräume».
Sogar mein Vater hat mir vorgeworfen, ich hätte Lieberman auf die Idee gebracht. Jedenfalls kam mein Buch vor seinem Parteiprogramm heraus. Ich könnte ihn glatt verklagen. Selbst Livni rückte kürzlich damit heraus, unsere «nationalen Aspirationen» hätten keinen Platz in einem jüdischen Staat.

Was ist Ihre Antwort auf Livni?
Ich bin kein Nationalist. Ich bin kein Typ, der eine Fahne braucht. Ich finde nicht, dass die Menschen stolz auf ihren Staat sein müssen. Ich möchte, dass die Leute miteinander leben. Klingt naiv, aber mir persönlich ist es egal, wer Jude oder Muslim, Palästinenser oder Israeli ist. Beide Nationen verhalten sich auf ihre Art idiotisch.

Wäre Ihnen ein binationaler Staat am liebsten?
Ich glaube nicht, dass es den geben wird. Israel träumt davon, möglichst viele Araber loszuwerden. Es hat die arabischen Dörfer nie als wirklichen Teil Israels begriffen. Politiker wie Lieberman betrachten die Araber als Krebsgeschwür. Sie versuchen nicht mal, den Krebs zu heilen, sie denken gleich zuerst daran, ihn rauszuschneiden.

Haben die arabischen Israeli mit ihrem Verhalten dazu beigesteuert?
Nicht dass Araber alles wundervolle Leute sind. Nur, mir fällt nichts Schlimmes ein, was wir falsch gemacht hätten. Dass wir gegen den Krieg in Gaza waren, kann es nicht sein. Man kann doch von uns nicht im Ernst erwarten, dass wir die Tötung von Palästinensern oder die Besatzung unterstützen.

Es heisst, auf arabisch-israelischen Demos seien Hamas-Fahnen geschwenkt worden.
Auch ich habe gegen den Gaza-Krieg protestiert. Deshalb bin ich nicht für die Hamas. Nicht mal die Islamische Partei in Israel besitzt eine richtige Verbindung zur Hamas. Trotzdem erzählen Leute im Radio, sie hätten Lieberman gewählt, weil sie Araber nicht ausstehen könnten. Selbst in gemischten Städten wie Haifa, das viel auf eine Koexistenz gibt, kam Lieberman gross raus.

Was steckt hinter diesen Spannungen?
Gewöhnlich würde ich sagen: die ökonomische Situation. Aber ich bin wirklich ratlos. Vielleicht hat es mit dem wachsenden Gefühl zu tun, dass die Zweistaatenlösung sich davonmacht. Dabei gibt es auf palästinensischer Seite ja nicht nur die Hamas, sondern eine friedenswillige Führung unter Präsident Mahmoud Abbas. Trotzdem werden in der Westbank mehr und mehr Siedlungen gebaut. Der Zionismus schafft es offenbar nicht, seinen Traum von Gross-Israel aufzugeben.

Wenn es einen Staat Palästina gäbe, könnten Sie sich vorstellen, dort zu leben?
Es kommt darauf an, ich müsste erst die Bedingungen kennen. Ich will weder in einer Diktatur leben noch arm sein und keinen Job finden. Wenn Ramallah sich zu einer Art Silicon Valley entwickeln würde, wäre ich dabei. Nicht nur wir Araber, auch die Juden aus Tel Aviv würden sofort mitmachen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.02.2009, 20:14 Uhr

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2 Kommentare

Hans Zimmerli

17.02.2009, 07:16 Uhr
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Liebe Freunde des Friedens. Hamas ist natürlich an der heitigen Lage selber schuld. Abbas und Livni hätten den möglichen Frieden zusammen mit der UNO-EU-USA-Russland-Schweiz lösen können. Die Hamas hat immer Raketen in die israelischen Dörfer abgefeuert weil Olmert die Grenzübergänge immer schliessen liess. Nun hat Livni die Wahlen gewonnen aber hat keine Unterstützung wie Abbas. Also ohne Chance Antworten


Marie Wunderli

20.02.2009, 12:46 Uhr
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Israel hat die Grenzübergänge NACH den Raketen Angriffen geschlossen- Hamas verhindert dass Palestiner in Israel medizinische Hilfe bekommen- Ausreisen verhindert- nicht Einreise nach Israel- . Wenn der Westen einmal ernsthaft Terror Organisationen verurteilen würde anstatt noch moralisch zu unterstützen, könnte man endlich Fortschritte machen mit Waffenruhe. Antworten