Kultur

Jesus hatte Jünger, der Papst hat Leser

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 29.03.2011 52 Kommentare

Auch Benedikts zweites Buch über Jesus verkauft sich prächtig. Ein Wunder ist das nicht, es gibt weltliche Gründe.

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Ist auch ein Bestsellerautor: Benedikt XVI.

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Der Papst schreibt seine Bücher mit einem dünnen Bleistift, die Krakelschrift kann nur er selber lesen. Später spricht er die Notizen auf Band. Ordensschwester Birgit tippt sie nieder, der Papst schaut alles noch einmal durch und bringt letzte Korrekturen an. Dann kommt Verleger Manuel Herder angereist, meldet sich beim päpstlichen Privatsekretär Georg Gänswein und darf den Text auf einen USB-Stick kopieren.

So weit die Vorgeschichte auch von «Jesus von Nazareth – Band II», das am 10. März erschienen ist. Wie der Vorgängerband vor vier Jahren ist die Fortsetzung sofort zum Bestseller geraten. Die 150'000 Exemplare der Startauflage waren bereits durch die Vorbestellungen des Buchhandels mehr oder minder aufgebraucht, 30'000 Stück musste der Herder-Verlag in Freiburg im Breisgau umgehend nachdrucken. In der Bestsellerliste des Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» schoss der Titel in der Sparte «Sachbuch» von null direkt auf Platz eins. Auch in Amerika und in der Schweiz hat er es in die Top Ten geschafft.

Hoffen auf Ostern

Dies ist ein sensationeller, aber kein einzigartiger Erfolg. Das zweite Jesus-Buch laufe etwas schlechter als das erste, hört man aus dem Handel. Joe Küttel, Chef der Herder AG in Pratteln, die die Auslieferung in die Schweiz besorgt, findet allerdings, es sei zu früh, einen Trend abzuleiten: «Gerade vor Ostern rechnen wir mit einem guten Verkauf.» Sicher wurde der Papst von einem anderen Autor im religiösspirituellen Sachbuch-Segment bei weitem überflügelt. «Ich bin dann mal weg», die leichtfüssige Jakobsweg-Pilgerei von Hape Kerkeling, hat sich seit 2006 gut vier Millionen Mal verkauft. Hingegen wurden vom ersten Jesus-Buch des Papstes «nur» 500'000 Stück abgesetzt – und diese Zahl dürfte das jetzige Nachfolgebuch bestenfalls egalisieren.

Aber unbestrittenermassen ist Benedikt XVI. als Sachbuchschreiber ungemein erfolgreich. Ist das ein Wunder? Immerhin ist die katholische Kirche eine weltumspannende Organisation. Mannigfache Marketingeffekte ergeben sich für ihr Oberhaupt automatisch, das ohnehin bestens eingeführt ist – jeder Buchhändler kennt den Papst und weiss, dass es sich lohnt, dessen Buch im Laden prominent zu platzieren. Da schreibt kein Geringerer als der Konzernleiter einer globalen Firma mit mehr als einer Milliarde Kunden und zwei Jahrtausenden Geschichte. Und sein Thema ist der zentrale Stoff der Firma: Es geht um die charismatische junge Gründergestalt, die posthum von Palästina her die Welt eroberte und einen faszinierenden, wenn auch schwer zu fassenden Vater hat.

Allerdings finden Kritiker auch, das neue Buch, welches Jesu entscheidende Tage von der Kreuzigung bis zur Auferstehung behandelt, sei kompliziert. Der «Tages-Anzeiger»-Rezensent meinte kürzlich, es sei «keine einfache Kost». Anderseits ist es eben O-Ton aus dem Vatikan, geschrieben von einem amtierenden Papst, der kühle Theologie mit seelischer Innigkeit zu kombinieren sucht.

Bei Herder in Freiburg, wo dieser Autor seit den 1950er-Jahren publiziert, weist man auf die Doppelautorenzeile auf dem Cover hin: Joseph Ratzinger und Benedikt XVI. sind aufgeführt. Aus diesen Seiten redet zum Leser demnach nicht nur der Würdenträger, sondern auch der Mensch. Dazu passt, dass das Buch sprachlich keine Durchschnittsware ist. Es ist nicht das Werk eines vatikanischen Ghostwriterteams. Sondern es ist bis ins einzelne elaborierte Wort hinein identifizierbar als Ausdruck eines theologischen Denkers, der eigenwillig formuliert und zum Beispiel die Auferstehung als «Mutationssprung» bezeichnet.

«Es handelt sich nicht um Ex-Cathedra-Sprüche oder um dogmatische Belehrung. Sondern es geht um Glaube und Gläubigkeit. Man spürt den Menschen, der zu Jesus ein eigenes Verhältnis hat», sagt Rita Fitsch von der St. Galler Buchhandlung Brunnen Bibel-Panorama. Spinnt man den Gedanken weiter, dass in «Jesus von Nazareth – Band II» der Papst starke persönliche Präsenz entfaltet, kommt man zum Schluss: Manche wollen das Buch vielleicht gar nicht lesen, sondern wollen es einfach zu Hause haben, weil der Papst drin ist. Das Buch ist eine Art Sekundärreliquie. Auch das mag zum Verkaufserfolg beitragen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.03.2011, 12:19 Uhr

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52 Kommentare

Andreas Sigrist

15.03.2011, 20:23 Uhr
Melden 4 Empfehlung

Wenn ich den Artikel so lese, bekomme ich richtig Lust auf diese Buch. Umständlicher, komplizierter und wertender als die Theorien von Herrn Meier wird es kaum sein. Antworten


Peter Erkelenz

28.03.2011, 16:12 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Im Dunklen sehe ich mit der Taschenlampe die nächsten Bäume; leuchte ich die Mondsichel an, gibt es dort keinen Beleuchtungseffekt. Gott ist nicht nachweisbar. Seine Allmacht auch nicht. "Niemand hat Gott je gesehen", sagt das Evangelium. Also reden Religiöse und Nichtreligiöse zwangsläufig aneinander vorbei. Für die einen ist alles Schwindel, für die anderen die große Faszination. Punkt. Antworten