Ein Gespenst geht um in der Schweiz. Das Gespenst heisst Eidenbenz

Der Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky äussert sich in einem Essay über das Minarettverbot, den ewigen Populismus und Roger Köppel.

Alle Macht geht vom Stammtisch aus.

Alle Macht geht vom Stammtisch aus. Bild: Keystone

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Eidenbenz.

Ich habe ihn erfunden. Für einen satirischen Roman. Als Musterbild eines Politikers, der mit dem Appell an dumpfe Vorurteile Karriere macht. Der auf alles losgeht, was man mit etwas Fantasie als fremd oder unschweizerisch bezeichnen kann, weil er sich darauf verlässt, dass es für den politischen Erfolg keine differenzierte Argumentation braucht, solange man nicht an die Urteils-, sondern nur an die Vorurteilskraft seiner Wähler appelliert. Weil er von Franz Josef Strauss gelernt hat, dass im Krieg der Meinungen die Lufthoheit über den Stammtischen entscheidend ist. Weil er den zentralen Lehrsatz des Populismus verinnerlicht hat: Das einfache Argument schlägt jederzeit das richtige. Diffamieren geht über Studieren.

Eidenbenz.

Ich habe ihn in einen Fortsetzungsroman für die «Weltwoche» gepackt, weil die «Weltwoche» das Lieblingsblatt aller Eidenbenze ist. Der eine oder andere Leser, habe ich mir gedacht, würde vielleicht durch diese übertriebene Figur und ihre verquere Denkweise ein bisschen in seinen vorgefassten Meinungen erschüttert. Weil Lächerlichkeit, so dachte ich, doch töten kann.

Es war eine falsche Überlegung. In einer literarischen Satire entsteht Lächerlichkeit aus dem Kontrast zwischen Erfindung und Realität. Und hier gab es diesen Kontrast nicht. Eidenbenz ist die Realität. Er hat die Mehrheit in der Schweiz. 57,47 Prozent.

Unser Land ist dabei, sich zu eidenbenzisieren.

Im Lauf des Abstimmungskampfes haben wir viele Argumente gehört, die nur ein Eidenbenz (oder sein PR-Spezialist) erfunden haben konnte. «Ich bin gegen Minarette, weil ich mich für Frauenrechte einsetze.» Einleuchtend. Weil Frauenrechte und Minarette ja dasselbe sind. So wie Fahrräder und Bratwürste. «Ich bin für die Minarett-Initiative, weil man in Saudiarabien keine Kirchen bauen darf.» Klar. Man beweist seine moralische Überlegenheit am besten, indem man das, was man verurteilt, selber tut. «Ich bin für die Minarett-Initiative, weil die Schweiz sonst islamisiert wird.» Natürlich, die verdammten Ausländer wollen unser Land übernehmen. Die U-17-Nationalmannschaft haben sie schon unterwandert. Und im Zürcher Tram werden die Stationen auch schon hochdeutsch angesagt. Wehret den Anfängen.

Wir haben den Kampf gegen diesen eidenbenzischen Pseudodenk nie wirklich aufgenommen, weil wir uns nicht vorstellen konnten, dass eine Mehrheit solche logischen Bocksprünge mithüpfen würde. Wir sind unterlegen, weil wir uns so überlegen glaubten. Weil uns das selbstgefällige Gefühl, Recht zu haben, wichtiger war als die Anstrengung, Recht zu bekommen. Wie Tom Lehrer einmal gesungen hat: «They won all the battles, but we had all the good songs.»

Und wir haben uns auf die Umfragen verlassen. Nicht bedenkend, dass man nicht jeden neugierigen Frager an seinen Stammtisch einlädt. Was dort besprochen wird, verrät man keinem Aussenseiter. Schon gar nicht, wenn er Claude Longchamp heisst.

Wir sind selber schuld. Wir haben nichts gelernt. Nicht aus den eigenen Erfahrungen und nicht aus der Schweizer Geschichte.

Denn es ist ja nicht das erste Mal, dass Eidenbenz sich durchgesetzt hat. Schon im Jahr 1893 hat er gewonnen. Damals hiess er Dürrenmatt, Ulrich Dürrenmatt, war Chefredaktor der «Volkszeitung» und Mitbegründer der Berner Volkspartei. Es gab zu seiner Zeit noch keine Muslime in der Schweiz, auf die er hätte einschlagen können, und so ging er halt auf die Juden los. Die Volksinitiative war gerade als neues In-strument in die Verfassung aufgenommen worden, und nun wurde sie zum allerersten Mal eingesetzt. Es war ein Abstimmungskampf mit heftigen antisemitischen Parolen, und am Schluss war das Schächtverbot in die Bundesverfassung aufgenommen. Mit 60,11 Prozent Ja-Stimmen. Eidenbenz' Wählerschaft scheint stabil zu sein. Von der ersten Volksinitiative bis zur jüngsten.

1893 war das. Soll einer sagen, dass in unserem Land die Traditionen nicht gepflegt werden.

1893. Damals war die Familie Schlüer noch nicht einmal eingebürgert.

Aber Sarkasmus hilft nicht weiter. Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass wir in einem Land leben, in dem die 1.-August-Reden immer weniger mit der Realität zu tun haben. Die weltoffene, tolerante, alle Religionen gleich behandelnde Schweiz wird zwar noch lang in den Ansprachen verkündet werden, aber die schönen Worte gelten eben nur, solange die Höhenfeuer glühen und der Duft der Festbratwürste in der Luft hängt. Im Alltag müssen wir es hinnehmen, dass uns die Le Pens und die Wilders zu Vorbildern erklären, wir müssen damit leben, dass uns die FPÖ und die Dänische Volkspartei Komplimente machen. Wir können uns noch nicht einmal dagegen wehren, wenn Libyen – ausgerechnet Libyen, dieser von einem mafiösen Familienclan beherrschte Unrechtsstaat – von einer «religiös-rassistischen Aktion» spricht. Genau das war es ja.

Wir müssen es sogar schlucken, wenn jetzt Roger Köppel mit der triumphierenden Ironie des Siegers hämisch kommentiert: «In der Welt geht offensichtlich ein Gespenst um. Es heisst Demokratie.» Weil es nichts mehr am Abstimmungsergebnis ändert, wenn wir ihm post festum antworten: «Nein, Herr Köppel, das Gespenst heisst nicht Demokratie. Es heisst Populismus.» Das Gespenst heisst Eidenbenz.

Auch Klagen bis zum Europäischen Gerichtshof werden nichts an der Tatsache ändern, dass wir in souveräner Volksentscheidung beschlossen haben, unsere Verfassung gleichzeitig zu ändern und zu brechen. Wir müssen akzeptieren, dass die Verfassung der Schweiz am letzten Sonntag schlechter geworden ist. In jedem Sinn des Wortes.

Und wie soll es weitergehen?

Wir dürfen jetzt nicht den Fehler machen, uns darauf herauszureden, wir persönlich hätten nichts damit zu tun, denn wir hätten ja ein Nein in die Urne gelegt. Das rituelle Sich-für-unser-Land-Schämen, das in den letzten Tagen Mode geworden ist, bringt erst recht nichts. Wenn wir uns für etwas schämen müssen, dann für das Versäumnis, gegen die Eidenbenze und ihre Initiative nicht so gekämpft zu haben, wie das nötig gewesen wäre. Stehen wir nicht hochmütig beiseite, sondern bringen wir uns ein!

Wer unsere Demokratie ernst nimmt, ernster als die Leute, die jetzt schon damit liebäugeln, zur Verteidigung ihres Absolutheitsanspruchs auch noch die Menschenrechtskonvention aufzukündigen, der muss sich eingestehen: Nicht «die andern» haben das Minarettverbot angenommen, sondern wir. Wir, die Stimmbürger.

Nichts wäre falscher, als uns jetzt von den Befürwortern abgrenzen zu wollen. Kurt Tucholsky hat einmal, als in den Zwanzigerjahren die fremdenfeindliche Propaganda im Freistaat immer mehr zunahm, die Parole ausgegeben: «Reisende, meidet Bayern!» Sollen wir es ihm nachmachen und die Forderung aufstellen: «Reisende, meidet Innerrhoden?» Nur weil man sich im Halbkanton, wo es kaum Muslime gibt, so eindeutig gegen deren freie Religionsausübung entschieden hat? Dann bekommt die nächste entsprechende Initiative dort nicht nur 71 Prozent der Stimmen, sondern noch ein paar mehr.

Eidenbenz als Vorbild

Wenn wir nicht zulassen wollen, dass die Schweiz von ihren Populisten immer weiter haiderisiert wird, wenn unser Land nicht noch den letzten Rest von Glaubwürdigkeit und Ansehen in der Welt verlieren soll, dann müssen wir von den Eidenbenzen lernen. Müssen lernen, so populär zu argumentieren wie sie. Das Gespräch auf allen Ebenen zu suchen wie sie. Uns für unsere Überzeugungen einzusetzen wie sie.

«Am besten, man geht überhaupt nicht mehr abstimmen», habe ich in den letzten Tagen ein paar Mal gehört. Aber wir dürfen jetzt nicht mit angeekelter Miene abseitsstehen. Es bringt nichts, wenn wir unsere intellektuelle Entrüstung so stolz und so wirkungslos zur Schau stellen wie früher einmal das Mao-Zitat auf dem T-Shirt. Wir müssen uns einsetzen. Die Kleinarbeit nicht scheuen. In Parteien eintreten. Wenn Christoph Blocher sich neuerdings den Vietcong zum Vorbild nimmt, dann können wir auch etwas von der Protestbewegung in der DDR lernen: Wir sind das Volk. Und das Volk – ich will die Hoffnung nicht aufgeben, dass Bertolt Brecht mit seiner Formulierung Recht hatte –, das Volk ist nicht tümlich. Der Schweizer ist nicht an sich spiessig, fremdenfeindlich oder reaktionär. Eigentlich nicht. Ausser wenn es sich den Eidenbenzen dieser Welt ausliefert.

Eidenbenz.

Ich habe ihn erfunden, um über ihn zu lachen. Aber jetzt ist nicht die Zeit zum Lachen. Jetzt ist die Zeit, sich gegen ihn zu wehren.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 03.12.2009, 12:52 Uhr)

«Wir dürfen nicht mit angeekelter Miene abseitsstehen»: Charles Lewinsky. (Bild: Keystone )

Charles Lewinsky

Der Schweizer Autor wurde 1946 in Zürich geboren. Er arbeitete als Regieassistent (bei Fritz Kortner), Bühnenregisseur und als Redaktor und Ressortleiter für das Schweizer Fernsehen. Seit 1980 ist er freier Schriftsteller. Bekannt wurde er als Autor der Sitcoms «Fascht e Familie» und «Fertig lustig». Er schrieb auch das Drehbuch zum Kinofilm «Ein ganz gewöhnlicher Jude» und Hunderte von Chansons. Seinen literarischen Durchbruch erzielte er 2006 mit der jüdischen Familiensaga «Melnitz». Es folgten «Zehnundeine Nacht» und, gerade ausgeliefert, der Fortsetzungsroman «Doppelpass». Lewinsky lebt in Frankreich und Zürich. (TA)

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