Karl Barth kämpfte gegen die Nazis – die Schweiz bremste ihn aus

In Wort und Schrift kämpfte der Basler Theologe Karl Barth gegen das Dritte Reich. Nun zeigen erstmals veröffentlichte Akten, wie massiv ihn dabei die offizielle Schweiz zensurierte.

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Im April 1941 beschwerte sich sogar Joseph Goebbels in seinem Tagebuch über die NS-kritischen Reden des Theologen Karl Barth. Regelmässig intervenierte die deutsche Botschaft in der Schweiz in den Kriegsjahren gegen Barths «Hirtenbriefe» bei den Bundesbehörden. Am 16. Juli 1943 etwa schrieb sie an das Eidgenössische Politische Departement: «Die Gesandtschaft ist von der deutschen Regierung beauftragt, gegen die nunmehr seit Jahren fortgesetzte politische Hetztätigkeit des Professors Barth schärfsten Protest zu erheben.» Worauf das Departement gegenüber Bundesrat Eduard von Steiger meinte, der Hinweis, Barths Publikationen seien «den schweizerisch-deutschen Beziehungen abträglich», scheine leider nicht unwahr.

Barth wurde nicht müde, mit Vorträgen in der Schweiz und in offenen Briefen an die Protestanten in der Tschechoslowakei, in Norwegen, England, in den Niederlanden und den USA zum Widerstand gegen das NS-Regime aufzurufen. Er warnte vor dessen Proklamation eines falschen Gottes, vor «fremder Oberherrschaft» und davor, «mit dem Teufel Kontrakte zu schliessen».

Diese Briefe wurden bereits vor Jahren ediert. Jetzt aber wird erstmals die behördliche Auseinandersetzung mit Barths politischen Stellungnahmen öffentlich. Das Buch illustriert mit einer Fülle von bisher unveröffentlichten Dokumenten vor allem aus dem Schweizer Bundesarchiv, wie Bundesregierung und Bundesanwaltschaft gegen ihn vorgingen. Es war vor allem die via Pressenotrecht eingesetzte Abteilung für Presse und Funkspruch (APF), die Barth mit Zensuren, Publikationsverboten und Beschlagnahmungen mundtot zu machen versuchte. Umgekehrt wird deutlich, wie vehement Barth nach 1940 der offiziellen Politik seines Landes widersprach, das sich in seinen Augen unter Berufung auf seine Neutralität dem NS-Deutschland anpasste. Von seinen eigenen Schreiben sind nur jene an die Schweizer Regierung abgedruckt.

Den Widerstandswillen stärken

Der Göttinger Theologe und Barth-Kenner Eberhard Busch bettet die Dokumente umsichtig in den historischen Kontext ein. Als Leser bedauert man bisweilen, wie sehr er sich mit der Kommentierung zurückhält. Das 750 Seiten dicke Buch liest sich ohnehin nicht flüssig. Dennoch gibt es einen sehr erhellenden Einblick in diese dramatische Auseinandersetzung um eine prophetische Schweizer Stimme.

Barth hatte schon von seinem Bonner Lehrstuhl aus nicht nur gegen ein germanisiertes Christentum, sondern auch politisch gegen den Hitler-Staat angeredet, weshalb er 1934 Deutschland verlassen musste. Als er daraufhin in seiner Basler Heimat Professor wurde, kühlte sich die Sympathie der offiziellen Schweiz für den politisch hellsichtigen Zeitgenossen merklich ab. Rückblickend betrachtet, hat Barth damals so reagiert, wie man sich das von der offiziellen Schweiz gewünscht hätte. «Die Akte Karl Barth» ist darum so wertvoll, weil sie an einer Einzelperson exemplarisch belegt, was die Bergier-Kommission im Jahre 2002 zutage gefördert hat.

1941, zur 650-Jahr-Feier der Schweiz, versuchte Barth etwa mit dem Vortrag «Im Namen Gottes des Allmächtigen» den Widerstandswillen der Schweizer zu stärken. Als zentrale Massnahmen schlug er die «Wahrung der Presse- und Redefreiheit» und eine «grosszügige und weitsichtige Emigrantenpolitik gegenüber den Gegnern und Opfern des Nationalsozialismus» vor. Zudem sei der wirtschaftliche Verkehr mit dem Ausland so zu verändern, dass der Export schweizerischer Produkte die Kriegswirtschaft in den Achsenländern nicht mehr entlaste. Barth analysierte schon damals glasklar, wie die Schweiz zur Geldgeberin Deutschlands und so zur Kriegshelferin wurde.

Die Zensur verbot Vertrieb und Verkauf der Vortragsbroschüre umgehend. In seinem (letztlich abgelehnten) Rekursgesuch wies Barth den Vorwurf zurück, er gefährde die neutrale Haltung der Schweiz. Er empörte sich darüber, dass Bundesbern der Neutralität zum Trotz den wirtschaftlichen Export nach Deutschland förderte, Kritiker wie ihn aber zensierte. An anderer Stelle geisselte er das Paradox, wonach Fröntler ihre Erneuerungspläne offen vortragen dürften, die Diskussion über die vom Bundesrat neu eingeführte Auffassung der Neutralität aber unterdrückt werde. Man habe ihm bisher «eine gewisse fatale Ähnlichkeit zwischen Bern und Vichy» nicht ausreden können.

Barth war ein dezidierter Befürworter des bewaffneten Widerstandes und wurde noch mit 55 Jahren Soldat. Als strikter Gegner der Gesinnungsneutralität war er Mitbegründer der geheimen Organisation Nationaler Widerstand, die den Defaitismus in der Schweiz zu bekämpfen suchte. Auf das politische Wächteramt der Kirche pochend, verwahrte er sich gegen die Vorschrift der Behörden, als Theologe dürfe er nur kirchlich, nicht aber politisch reden. Ja, er gab der Zwei-Reiche-Lehre und dem staatlichen Obrigkeitsglauben des deutschen Luthertums eine Mitschuld an der Situation in Deutschland. Mit Gewinn hat Busch auch all die Briefe aus der reformierten Pfarrerschaft ediert, die Barth und seine Thesen unterstützten.

Barths Telefon wurde abgehört

1942 tauschten sich die Bundesräte von Steiger und Pilet-Golaz brieflich darüber aus, wie man Barth verbieten könnte, über ausländische Sender Radioansprachen zu halten, wie er das für Norwegen und England getan hatte. Bundesanwalt Franz Stämpfli antwortete, dass dabei eine strafbare Neutralitätsverletzung nicht vorliege. «Andererseits steht fest, dass die Äusserungen des Prof. Barth geeignet sind, unserer Neutralitätspolitik zu schaden.» Er empfahl den Bundesräten, Barth eine scharfe Verwarnung zu erteilen. Anfang 1942 ordnete Bundesrat von Steiger persönlich an, Barths Telefon und seinen Telegrammverkehr zu überwachen. Der verärgerte Barth meinte ironisch, nun müsse er von Steiger nicht mehr um ein Gespräch bitten, weil der ohnehin alle seine Telefongespräche abhöre. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 09.10.2008, 08:41 Uhr)

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