Kultur

(K)ein Rassist

Von Linus Schöpfer. Aktualisiert am 14.02.2012 34 Kommentare

Der «Spiegel» wirft dem Schweizer Autor Christian Kracht vor, mit seinem neuen Roman rechtes Gedankengut zu verbreiten. Zu Recht?

1/7 Kracht, geboren 1966 im bernischen Saanen, zelebriert das dandyhafte Aussenseitertum.
Myspace.com/christiankracht

   

Christian Kracht, Imperium, Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 978-3-462-04131-6. 256 Seiten. Ab kommendem Donnerstag im Buchhandel.

«Imperium»

Artikel zum Thema

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

«Imperium» wurde nicht wie ein normales Buch erwartet. Ausserordentlich gross war die Zahl der Kritiker, die die anberaumte Sperrfrist des Verlags brachen, um möglichst früh über Krachts vierten Roman (die Druckfahne liegt Tagesanzeiger.ch/Newsnet vor) berichten zu können. Und die ersten Rezensionen fielen durchaus positiv, ja teils gar euphorisch aus: «Mühelos und lässig» sei der Abenteurroman, meinte die «FAZ»; «ganz und gar meisterhaft», urteilte die «Zeit»; «toll!», jubelte die «Sonntagszeitung».

«Rassistische Weltsicht»

Doch dann kam, gestern, der «Spiegel». Auf vier Seiten versuchte Feuilletonist Georg Diez, Kracht als Literaten wie als Privatperson des Rechtsextremismus zu überführen. Eine «unangenehme, dunkle Melodie» umschleiche «Imperium», die Geschichte also vom Nürnberger Aussteiger August Engelhardt, der um 1900 auf einer deutschen Kolonialinsel in der Südsee eine Parallelgesellschaft aufbauen will, um der Kokosnuss (!) als allein selig machendem Ding zu huldigen.

Der Roman sei «durchdrungen von einer rassistischen Weltsicht», behauptet Diez; «hier gibt es noch Herren und Diener, Weisse und Schwarze». «Antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken» finde durch Krachts Buch Eingang in den publizistischen Mainstream.

Seine provokante These stützt Diez dann allerdings bloss mit spärlichen und wenig überzeugenden Textstellen. So weiss wohl nur Diez allein, was an Engelhardts Schilderung eines «tamilischen Gentlemans» («die blauschwarze Haut stand in seltsamem Kontrast zu den schlohweissen Haarbüscheln») rassistisch sein soll. Und die entscheidende Frage, wie ein Werk wie «Imperium» mit einer genuin lächerlichen Hauptfigur und einem eher kuriosen Erzähler überhaupt einen ernsthaften, auf die Leserschaft abstrahlenden Rassismus implizieren kann, vermag Diez nicht zu beantworten.

Der Literat darf alles...

Schon Krachts vorhergehende Romane, «1979» (erschienen 2001) und «Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten» (2008), spielten im Spannungsfeld des Totalitären, politisch Extremistischen. Im Ersten liess Kracht einen deutschen Dandy in einem chinesischen Straflager verenden, im Zweiten phantasierte er eine kommunistische «Schweizer Sowjet Republik» herbei, die sich mit Deutschland und England bekriegt.

Krachts Faszination für die literarische Darstellung megaloman-menschenfeindlicher Politprojekte ist also unverkennbar. Ebenso unübersehbar ist allerdings auch Krachts scharf an Zynismus grenzende Ironie, die alle seine Romane wie Arabesken überzieht. Auch Georg Diez wird sie nicht verborgen geblieben sein – und als ob er sich der Zweifelhaftigkeit seiner Literaturkritik selbst bewusst gewesen wäre, wechselte er alsbald über vom Romancier Kracht und seinem neusten Werk zur Privatperson Kracht.

... die Privatperson aber...

Hier liegt die eigentliche Brisanz des «Spiegel»-Beitrags; Diez zitiert ausführlich aus einem Mailverkehr zwischen Kracht und David Woodard. Der Austausch wurde letztes Jahr – weshalb auch immer – vom unbekannten Wehrhahn Verlag unter dem Namen «Five Years» publiziert (in der Schweiz ist das Buch nicht erhältlich). Woodard ist ein US-Musiker, der sich für die völkische Paraguay-Kolonie der Nietzsche-Schwester Elisabeth Förster ebenso begeistert wie für den Terroristen Timothy McVeigh, der 1995 in Oklahoma City 168 Menschen mit einem Bombenanschlag tötete.

Der intime Austausch zwischen Kracht und Woodard funktioniere «wie ein Weihnachtskalender des Teufels», sagt Diez: «Hinter fast jeder Tür, die man öffnet, hinter fast jedem Namen, den die beiden nennen, tauchen satanistische, antisemitische, rechtsradikale Gedanken auf».

Paria des Feuilletons?

Die Nonchalance und die Sachkenntnis, mit denen sich Kracht mit Woodard über Alt- und Neonazis, über den Ku-Klux-Klan und die Paraguay-Kolonie unterhält, wirft tatsächlich ernste Fragen auf: Wie weit geht Krachts private Schwärmerei für totalitäre Regimes wie Nordkorea oder Nazi-Deutschland? Hasst er die «in Schottenmuster gekleideten [...] Linken Europas» («Five Years») tatsächlich? Oder entwirft Kracht im Rahmen des Mailverkehrs ein fiktives Alter Ego, um den Schutzraum der Kunst auch ausserhalb seiner eigentlichen Literaturproduktion, für konkretere Spinnereien in Anspruch nehmen zu können?

Es macht zu jetzigen Zeitpunkt nicht den Anschein, als ob es dem Privatmann Kracht nicht ernst wäre, und der Schweizer täte wohl gut daran, sich der nun lancierten öffentlichen Diskussion zu stellen. Ansonsten droht er der ungeheuerlichen Verdächtigungen wegen zum Paria des Feuilletons zu verkommen – quasi zu einem August Engelhardt der deutschsprachigen Literatur.

Hinweis: Auf das Angebot von Tagesanzeiger.ch/Newsnet, in einem Interview zu Diez' Rassismusvorwürfen Stellung zu beziehen, ist Christian Kracht bis anhin nicht eingegangen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.02.2012, 13:38 Uhr

34

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

34 Kommentare

Elias Truttmann

14.02.2012, 14:35 Uhr
Melden 139 Empfehlung

Der "Spiegel" wittert traditionell hinter allem möglichem "rechtes Gedankengut", wenn es nicht offensichtlich linksextrem ist. So gsehen ist ein solcher Vorwurf kein Grund zur Sorge, schon gar nicht für einen Schweizer Autor. Für die Verkaufszahlen des Buches könnte es sogar nützlich sein ;) Antworten


Benjamin Hitz

14.02.2012, 15:09 Uhr
Melden 130 Empfehlung

Das wäre ja skandalös, wenn er die Linken wirklich nicht mögen würde! Ich bin ganz atemlos vor Empörung und finde, es sollte endlich eine ordentliche transeuropäische Gesinnungspolizei eingeführt werden. Man könnte dafür so klingende Namen wie z.B. Gestapo oder KGB verwenden. Das wäre wirklich reizend. Und nie vergessen: Das Private ist politisch und scheinbar geht alles jeden an. Antworten