«Lasst uns nicht allein!»

Der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk hält es für falsch, sein Land wegen totalitärer Tendenzen Erdogans zu meiden. Die kritischen Geister seien auf Support angewiesen.

Orhan Pamuk sieht die Flüchtlingspolitik Europas in Konflikt mit Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Foto: Ivor Prickett (Visum)

Orhan Pamuk sieht die Flüchtlingspolitik Europas in Konflikt mit Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Foto: Ivor Prickett (Visum)

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Seit Ende April ist die türkische Ausgabe der Internetenzyklopädie Wikipedia in der Türkei nicht mehr aufrufbar – eine seltsame Art der Zensur.
Ich nehme an, dass diese Massnahme die regierende Partei AKP einige Wähler kosten wird. In der Türkei wird Wikipedia rege genutzt, vor allem von den Konservativen. Sie füllen die Seiten von «vikipedi» mit ausführlichen Artikeln zur Geschichte der Türkei. Bildung gilt hier noch immer als Schlüssel zum sozialen Aufstieg. Wenn sie ein bisschen Geld übrig haben, kaufen sie ihrem Kind eine Enzyklopädie. In den 60ern gab es die türkische Ausgabe des Larousse, in den 70ern wurde die Encyclopaedia Britannica ins Türkische übersetzt. In den 90ern veranstalteten grosse Zeitungen Aktionen, bei denen man für eine gewisse Anzahl von Gutscheinen eine Enzyklopädie gratis bekam. Jeder hatte ein Nachschlagewerk zu Hause. Und heute? Seit ein paar Jahren sehe ich immer mehr dieser Enzyklopädien auf Flohmärkten, das hängt wohl mit Wikipedia zusammen. Keiner weiss, was der Anlass dafür war, den Zugang zu Wikipedia in der Türkei zu sperren. Irgendein politisch unerwünschter Text, so scheint es. Doch ehrlich, gemessen an den Wünschen und Bedürfnissen der Menschen, die sich an Wikipedia richten, ist dieser eine Text doch völlig zu vernachlässigen. So offenbart diese Aktion ein erhebliches Mass an Ungeschick, Verantwortungslosigkeit, Willkür.

Glauben Sie, dass die Säuberungen und Unterdrückungsmassnahmen durch den Staat nach dem Putschversuch im Juli 2016 wirklich etwas mit Willkür zu tun haben?
Teilweise ja. Es gab einen Putschversuch. Die Menschen gingen mutig auf die Strasse, verteidigten ihren führenden Politiker, ihre Partei. Nicht mich oder die säkularen Parteien oder die Liberalen. Doch auf ihre Weise haben sie auch die Demokratie verteidigt. Und man darf nicht vergessen: Es kamen 252 Menschen ums Leben. Selbstverständlich hat die Regierung das Recht, die Putschisten zu verhaften und sie vor Gericht zu bringen, die Soldaten, die Männer, die grausame Dinge getan hatten.

Und wozu hat sie kein Recht?
Zum Beispiel, hunderttausend Menschen oder mehr aus dem öffentlichen Dienst zu entfernen. Diese Leute werden nie wieder dorthin zurückkehren, und sie werden auch keine Jobs in der Privatwirtschaft finden. Mehr als 40 000 Menschen wurden ins Gefängnis geworfen. Weil es nicht genügend Platz gab für all die neuen Häftlinge, erliess man eine Amnestie für gewöhnliche Kriminelle.

Eine Verschwörung mit über 100'000 Eingeweihten kann man sich kaum vorstellen.
Diese 100'000 wussten nichts von einem Putsch, von dem Erdogan ja selbst nichts wusste. Uns wird erzählt, dass die Säuberungen stattfinden, weil diese Menschen Verbindungen zu einem Geistlichen in Pennsylvania hatten. Natürlich beruhen die meisten dieser Anschuldigungen auf Willkür. Tratsch, durch Missgunst verfälschte Informationen, Ressentiments: All diese Dinge gingen in die Anklagen und die Gerichtsverfahren ein. Man sollte wenigstens erwarten, dass die Beschuldigten nicht vor dem Ende ihrer Gerichtsverfahren ins Gefängnis geworfen werden.

In der Volksabstimmung vom 16. April, mit der die Befugnisse des Präsidenten deutlich ausgeweitet wurden, stimmte die Mehrheit des Volkes trotzdem für Erdogan.
Doch sein Stimmenanteil nahm deutlich ab. Man muss die Stimmen für die AKP mit jenen für die Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) zusammenrechnen. Verglichen mit der Wahl zuvor verloren die beiden Parteien insgesamt 11 Prozent. Und das, obwohl die Abstimmung in keiner Weise fair verlief, weil die Nein-Seite im öffentlichen Raum so gut wie nicht präsent war. Deshalb bin ich auch nicht pessimistisch. Das eigentliche Problem ist, dass die Opposition zersplittert ist. Diese Parteien hassen einander mehr, als sie Erdogan hassen. Es war eines der bizarrsten Ereignisse der jüngeren Zeit, als die zweitgrösste Partei der Türkei, die säkulare CHP, ihre Kräfte mit der Regierungspartei vereinte, um die drittgrösste Partei zu bekämpfen, die der Kurden.

Kurz vor der Volksabstimmung gaben Sie «Hürriyet», der grössten Zeitung der Türkei, ein Interview, in dem Sie für ein Nein plädierten. Es wurde nicht gedruckt.
Offenbar hat die Regierung enormen Druck auf die Redaktion ausgeübt. So ist die Lage der Meinungsfreiheit in der Türkei. Der meiste Druck wird auf die ausgeübt, die es wagen, die Regierung zu kritisieren. Ich denke etwa an Schriftsteller wie den mutigen Ahmet Altan. Vor vielen Jahren kritisierte er den Geistlichen in Pennsylvania und wurde deswegen ins Gefängnis geworfen, jetzt sitzt er dort, weil er die Regierung kritisierte.

Und so ist es überall in den Medien?
Von den vierzehn grossen Tageszeitungen unterstützen zwölf die Regierung. Unlängst geriet «Sözcü», eines der beiden verbliebenen Blätter der Opposition, unter Druck. Der Zeitung wurde vorgeworfen, Verbindungen zu dem Geistlichen in Pennsylvania zu unterhalten. Dabei wissen die Türken, dass «Sözcü» eine ultrasäkulare Zeitung ist, die sich kaum mit einem Geistlichen zusammentun würde. Was «Söczü» widerfuhr, ist Ausdruck dessen, was allgemein mit der Öffentlichkeit in der Türkei geschieht. Wenn zwölf Zeitungen auf die eine oder andere Weise die offizielle Politik unterstützen, dann wird man nicht mehr informiert. Man versucht dann, sich Nachrichten übers Internet oder über internationale Quellen zu besorgen. Deswegen sind auch die Zugänge zu diesen gelegentlich gesperrt. Doch nicht alles, was schlecht ist, hat nur schlechte Folgen. Weil es in der Türkei keine wirklichen Nachrichten mehr gibt, steigen die Buchverkäufe. Das sagen die Verleger.

Unlängst waren Sie in Ungarn. Eine schwierige Reise, politisch gesehen?
Nein. Die ungarischen Buchhändler haben mir den Grossen Preis von Budapest verliehen. Ich traf meine Leser, andere Schriftsteller, Intellektuelle. In meiner Jugend war ich ein aufmerksamer Leser von Georg Lukács, besonders von seinen Schriften zum Realismus. In Budapest wurde nun sein Denkmal fortgeschafft. Ich bin ins Lukács-Archiv gegangen und habe die Kuratoren getroffen, seine Kollegen, Freunde, Schüler, und ich habe zum Ausdruck gebracht, dass ich den Widerstand gegen die Schmähung des Gedenkens an Lukács unterstütze. Ich bin ein Schriftsteller. Das ist es, was ich tun kann.

Sie haben einmal erzählt, dass Margaret Atwood im Jahr 2005 eine Reise in die Türkei absagte, aus politischen Gründen.
Sie wollte dagegen protestieren, dass ich angeklagt worden war, weil ich gesagt hatte, was ich dachte. Es wäre mir lieber gewesen, wenn sie trotzdem in die Türkei gekommen wäre, meinetwegen und meiner Leser wegen. Bei den jüngsten Wahlen hat sich fast die Hälfte der türkischen Wähler gegen die regierende Partei entschieden. Sollen wir sie ignorieren? Es gibt viele Verbindungen zwischen der Türkei und dem Rest der Welt, ausserhalb der Politik. Warum sollte man all diese Dinge preisgeben? Warum sollte man diese Menschen bestrafen?

Sie betreiben in Istanbul das Museum der Unschuld. Hat diese Einrichtung unter den Ereignissen der vergangenen Jahre gelitten?
Die Zahl der ausländischen Besucher ist um etwa ein Drittel gesunken. Gleichzeitig kommen aber deutlich mehr türkische Besucher. Ich mache mir deswegen keine Sorgen. Wir überleben. Mein wichtigstes Anliegen ist: Lasst die türkischen Intellektuellen, Künstler, Demokraten, Journalisten, Hochschullehrer nicht im Stich. Lasst sie nicht allein, wenn ihr euch über die Regierung empört.

Politisch betrachtet hat man den Eindruck, dass sich die Türkei von Europa fortbewegt und sich stattdessen nach Osten orientiert.
Das mag so aussehen. Andererseits besteht die wichtigste Errungenschaft der Regierungspartei in der Schaffung einer neuen Mittelschicht. Diese konservative Schicht tritt immer deutlicher hervor und verlangt nach Modernität, sie will in ihrem Individualismus anerkannt werden, und Fragen der Identität sind für sie wichtig. Diese Schicht entstand, in ihrer jetzigen Stärke, mit Erdogan. Aber sie stösst sich zunehmend an der Ein-Mann-Herrschaft. In ihrer geistigen Haltung ist sie Europa nahe, aber sie sieht sich unglücklicherweise durch aktuelle politische Ereignisse entfremdet.

Soweit Sie das beurteilen können: Hat die Emigration aus der Türkei zugenommen?
Ich nehme an, es gibt so etwas wie eine Emigration der Gebildeten: Intellektuelle, Hochschullehrer, Ärzte, Leute, die nicht ins Gefängnis wollen oder die sich Sorgen machen, dass sie ihren säkularen Lebensstil aufgeben müssen – Erdogan spricht oft von «Lebensstil». Aber das ist Hörensagen, es gibt keine verlässlichen Informationen zur Emigration.

Und zur Immigration?
Es gibt eine sehr starke Immigration aus den Ländern des Nahen Ostens, die durch die Türkei geht, oder genauer: die durch die Türkei ginge, wenn sie dort nicht aufgehalten würde. Eine Zeit lang machte mich das wütend. Europa betrachtete die Türkei als einen Ort, an dem potenzielle Einwanderer gestoppt werden müssen. Die europäischen Politiker sorgten sich nicht um die türkische Demokratie oder um eine halbwegs funktionierende offene Gesellschaft in diesem Land. Von europäischer Seite war das schlichte Instrumentalisierung.

Sie haben Ihre Meinung geändert?
Im August 2015 bewunderte ich Angela Merkel, als sie bereit war, bis zu einer Million Flüchtlinge aufzunehmen – zu einer Zeit, als sich in der Türkei schon mehr als zwei Millionen Flüchtlinge befanden, und die meisten von ihnen wollten weiter nach Norden. Zugleich nahm ein Land wie Frankreich nur ein paar Tausend Flüchtlinge auf. Das empörte mich, ich fand es herzlos. Für mich gilt, dass der Wesenskern Europas durch die Parole der Französischen Revolution ausgedrückt wird: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. In den jüngsten Wahlen in Frankreich hat nun die Freiheit gewonnen, in einem Land, das sich den Flüchtlingen und also der Brüderlichkeit gegenüber abweisend verhielt. Ist das nicht von seltsamer Ironie? Die Ideale der Französischen Revolution und Europa: Das sind lauter Widersprüche. Wenn man zu viel Brüderlichkeit hat und die Immigranten ins Land lässt, verlieren die Anhänger der Freiheit. Der Umgang mit den Flüchtlingen beschädigt nicht nur den sozialen Zusammenhalt in Europa, sondern auch den Geist Europas. Und das ist nicht nur die Schuld der Immigranten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.05.2017, 18:00 Uhr

Orhan Pamuk

Literaturnobelpreisträger

Orhan Pamuk, 1952 in Istanbul geboren, ist Träger des Literaturnobelpreises 2006 und gilt als einer der wichtigsten Schriftsteller seines Landes. In seinen Romanen, die in 35 Sprachen übersetzt wurden, vermittelt er zwischen dem modernen Europa und der Tradition des Orients. Im Herbst erscheint sein neues Buch «Die rothaarige Frau». (TA)

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