Leistung, nur Leistung

Die rechtslibertäre Schriftstellerin Ayn Rand hat mit «Atlas Shrugged» viele Konservative in den USA beeinflusst – darunter Paul Ryan. Auch in der Schweiz bekennt sich ein prominenter Politiker zu Rand.

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«Atlas Shrugged» von Ayn Rand ist laut einer Umfrage der Kongressbibliothek nach der Bibel das einflussreichste Buch der USA. Seit dem Erscheinen 1957 werden jährlich eine halbe Million Exemplare verkauft. In Europa hatte das Buch jedoch nie grossen Erfolg.

In jüngster Zeit machte Mitt Romneys Vizepräsidentschaftskandidat Paul Ryan als Rand-Anhänger auf sich aufmerksam. Er hat laut eigener Aussage Ayn Rand in jungen Jahr gelesen und verinnerlicht. Als Senator verpflichtete er sogar all seine Mitarbeiter, ihm dies nachzutun.

Wer ist Ayn Rand?

Ayn Rand wurde 1905 in Russland als Alissa Rosenbaum geboren. 1926 flüchtete sie in die USA, wo sie erst als Drehbuchschreiberin arbeitete, bevor sie sich an ihre Romane machte. Schon in «Anthem» und «The Fountainhead» entwickelte sie ihre hyperrationale Philosophie des Objektivismus, die im Hauptwerk «Atlas Shrugged» zur vollen Entfaltung kommt. In der Folge unterrichtete sie an Universitäten und scharte Schüler und Jünger um sich (der Prominenteste unter ihnen ist der langjährige US-Notenbankchef Alan Greenspan). Als sie 1982 starb, platzierten Anhänger auf ihrem Grab ein Blumenbouquet in Form eines zwei Meter grossen Dollarzeichens.

In «Atlas Shrugged» wird auf über 1000 Seiten ausgebreitet, wie einige produktive Leute, den «job creators» der Republikaner ähnlich, sich von einer undankbaren Gesellschaft und dem Staat zurückziehen und sich der Gegenbewegung des Erfinders John Galt anschliessen. Diese Tycoons und Topmanager sagen Sätze wie: «Ich bin nicht daran interessiert, irgendjemandem zu helfen. Ich will Geld verdienen.»

Obwohl das Buch mit einer Szene der Barmherzigkeit beginnt – eine der Hauptfiguren gibt einem Bettler Geld für einen Kaffee – und immer wieder Figuren vorkommen, die sich auf die Menschlichkeit berufen, ist klar, was zählt: Leistung, nur Leistung. Die Begabten müssen sich gegen die Mittelmässigen durchsetzen. Sie sind der Atlas, der die Welt trägt, heroische Menschen im Kampf gegen Staat, Gewerkschaften, Kleingeister und Zweifler. Doch die Figuren sind holzschnittartig gezeichnet, das Buch liest sich eher zäh und ist durchsetzt mit theoretischen Ausführungen, gipfelnd in der 60-seitigen Rede von John Galt, die mit den Worten endet: «Ich schwöre, dass ich mich nie für einen anderen Menschen aufopfern werde, und werde niemals von einem anderen Menschen verlangen, sich für mich aufzuopfern.»

Radikale Freiheit

Von hier führt eine direkte Linie zu Ryans Programm. Er will Steuern für Reiche noch weiter senken und die Hilfe für die Armen kürzen – mit der Absicht, das Leben für sie härter zu machen und sie damit zu besserer Leistung anzutreiben. Rand propagiert einen radikalen Individualismus, der das Individuum nicht wertschätzt, sondern in einen darwinistischen Kampf gegen alle zwingt.

Bei den Anhängern der Demokraten stösst man mit solchen Positionen naturgemäss auf Ablehnung. Zum Beispiel meinte Paul Krugman kürzlich in der «New York Times», «Atlas Shrugged» sei ein «unrealistischer Fantasy-Roman» und keine gute Grundlage für ein politisches Programm. Doch das dürfte Paul Ryan wenig interessieren.

Problematischer für ihn ist Rands konsequentes freiheitliches Denken. Sie hält Abtreibung für ein moralisches Recht und war überzeugte Atheistin. Das passt nicht allen in der konservativen Zweckgemeinschaft von Neoliberalen und religiösen Fundamentalisten. Darum hat sich Ryan mittlerweile von ihr distanziert. Als gläubiger Katholik wolle er nichts mit einer atheistischen Philosophie wie jener von Rand zu tun haben.

«Paul Ryan hat Rand nicht verstanden.»

Im deutschsprachigen Raum war Rand bislang eher ein Geheimtipp unter libertären Geistern. Nun hat der Verleger Kai M. John unter Einsatz all seines Ersparten, wie das «Hamburger Abendblatt» berichtet, das Buch neu übersetzen lassen und als weissen Ziegelstein mit dem neuen Titel «Der Streik» herausgegeben. Er sieht dies auch als politischen Akt, um Rand bekanntzumachen und so Argumente für die Verteidigung des Kapitalismus zu streuen.

Zu den begeisterten Lesern in der Schweiz zählt Lukas Reimann, Nationalrat der SVP: «Ayn Rand verpackt ein politisches Weltbild in eine spannende Geschichte, auch wenn es teils etwas langatmig ist.» Ob und wie sie seine Politik beeinflusst habe, sei aber schwierig zu sagen. Mit Blick auf die amerikanische Politik ist für ihn aber eines klar: «Wenn man sieht, wie er im Kongress abstimmt, muss man sagen: Paul Ryan hat Rand nicht verstanden.»

Und wirklich hat Ryan, seit er im Kongress ist, bei vielen Abstimmungen alles andere als libertäre Positionen eingenommen. Sowieso wäre Mitt Romney als erfolgreicher Unternehmer viel mehr eine Figur für Rand als der Berufspolitiker Paul Ryan, der nie in der Privatwirtschaft gearbeitet hat. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 27.08.2012, 15:46 Uhr)

Stichworte

Rand, Ayn, «Der Streik», Verlag Kai M. John, 1260 Seiten, ISBN 978-3-00-037094-6, CHF 53.10.

Der Streik

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